Erfurts Mitte

Rund um den DomErfurts Mitte

Vielleicht ist der Domplatz zu groß, um richtig gemütlich zu wirken. Aber er bietet eine großartige Kulisse. Und viel zu entdecken gibt es rund um Dom und Severikirche auch. Stippvisite auf Erfurts spannendstem Platz.

Auf dem Petersberg ist nicht nur Platz fu?r eine alte Festung, sondern auch fu?r die Glashütte, ein Café und Restaurant mit Aussichtsterrasse© Foto: Jessica MintelowskyÜber den Dächern von ErfurtAuf dem Petersberg ist nicht nur Platz fu?r eine alte Festung, sondern auch fu?r die Glashütte, ein Café und Restaurant mit Aussichtsterrasse

Es ist schön, abends nach Einbruch der Dunkelheit noch einmal heraufzukommen. Das Tor zum Domberg hat dann längst geschlossen, auf den Domstufen ist nichts mehr los. Wer aus den trubeligen Altstadtgassen rund um die Krämerbrücke herüberschlendert und die 70 Treppenstufen erklimmt, die zu Dom und Severikirche führen, der sucht Romantik zu zweit – oder ein ruhiges Plätzchen, um sein Eis oder ein mitgebrachtes Gläschen Wein zu genießen. Unten in den Cafés und Restaurants sitzen noch ein paar Leute, aber das Stimmengewirr dringt nur von Ferne her.

Wer abends auf den Domstufen sitzt, sucht Romantik – oder Stille

Auch wir sitzen heute Abend auf den noch warmen Steinen, lassen den Tag am Dom Revue passieren und schauen von oben auf den Platz und die Dächer der umliegenden Häuser. Wie still der Platz nachts ist! Und wie friedlich!

Komisch, dass der Domplatz in Erfurt tagsüber eher zu groß wirkt – obwohl da doch viel mehr los ist. Vielleicht muss man sich einmal klarmachen, warum dieser Freiraum mitten in der Stadt etwas überdimensioniert aussieht: Unterhalb der Severikirche stand einst noch ein kleines Viertel mit Namen „Vor den Graden“ – vor den Stufen. Es wurde zerstört, als die französisch besetzte Stadt 1813 zurückerobert wurde. Etwa 100 schöne alte Häuser brannten ab und hinterließen eine noch heute fühlbare Leerstelle, einen wunden Punkt.

Die Mitte Erfurts bringt viele Lebens-welten zusammen
Die Gedenkstätte in der Andreasstraße zeigt Thüringens umfassendste Ausstellung zur SED-Diktatur© Foto: Jessica MintelowskyRepression und RevolutionDie Gedenkstätte in der Andreasstraße zeigt Thüringens umfassendste Ausstellung zur SED-Diktatur

Pläne für eine Neubebauung gab’s viele. Einige davon waren ziemlich absurd. Keiner wurde umgesetzt. So wuchs der Domplatz dauerhaft auf stolze 3,5 Hektar. Bis zu 80.000 Menschen konnten so während der Friedlichen Revolution 1989 hier gemeinsam demonstrieren.

Während es anderswo eng wird, wenn Markt ist, bauen die Händler am Dom täglich außer sonntags ihre Buden auf und die verlieren sich fast. Busse spucken Reisende aus, die dann in Grüppchen Richtung Dom marschieren, ganz ohne Gedrängel. Der Domplatz ist nicht nur wegen seiner schieren Größe perfekt auch für Events wie den Weihnachtsmarkt, das Martinsfest im Spätherbst oder die berühmten DomStufen-Festspiele. Die Kulisse aus Domberg und Altbauten ist zudem einzigartig schön. Anders als etwa die Krämerbrücke, die ein kleiner, abgeschlossener Mikrokosmos für sich ist, bringt der riesige Domplatz gegensätzliche Welten zusammen. Er ist eher spannend als gemütlich.

© Foto: Christiane Würtenberger
Der Dom gehört nicht nur zu jedem Besichtigungsprogramm – er ist auch ein Ort der Einkehr© Foto: Christiane WürtenbergerInnehaltenDer Dom gehört nicht nur zu jedem Besichtigungsprogramm – er ist auch ein Ort der Einkehr
InnehaltenDer Dom gehört nicht nur zu jedem Besichtigungsprogramm – er ist auch ein Ort der Einkehr
Chorälen lauschen, Cranach sehen Cappuccino trinken ...

An der südlichen und östlichen Seite stehen eine Reihe schöner Altbauten, in denen Eisdielen, Bäckereien, Restaurants und auch kleine, besondere Läden untergebracht sind. Im Westen ragt etwas erhöht das wohl berühmteste Kirchenensemble Deutschlands auf – Dom und Severikirche, die beide eine Besichtigung lohnen. Hinterm Domberg wiederum liegt das Theater, ein toller, ganz moderner Bau – und eine Erfurter Institution mit vielfältigem Bühnenprogramm.

Nördlich der beiden Kirchen führt ein Fußweg hinauf zur Zitadelle auf den Petersberg, eine der größten und besterhaltenen Festungen Europas. An den Hängen dieses städtischen Hügels wächst mittlerweile sogar Wein, der zum Saale-Unstrut-Gebiet gehört und den man im Thüringer Spezialitätenmarkt auf der Krämerbrücke kaufen kann. Und wer von der Zitadelle ohne den Umweg über den Domberg wieder zum Platz hinuntergeht, der stößt auf die Gedenk-und Bildungsstätte Andreasstraße.

Wie bitter muss sich das damals, zu DDR-Zeiten, angefühlt haben, das fröhliche Treiben auf dem Domplatz in Erfurt von einer Gefängniszelle aus zu hören! In dem ehemaligen Stasigefängnis wurden politisch Andersdenkende eingesperrt. Durch den Umbau zum Museum ist nun ein gelungener Mix aus Gedenken und Lernen, aus historischer Substanz und aktueller Architektur entstanden. Man kann hier nicht nur Originalzellen besuchen, sondern auch Video-Berichte ehemaliger Häftlinge ansehen und eine multimediale Ausstellung zu den Wendejahren in Thüringen besuchen.

Wer sich Zeit nimmt für den Domplatz, der erlebt eine Menge, auch jenseits des normalen Reiseprogramms: eine wunderbare Chorprobe zum Beispiel, die zufällig im Dom abgehalten wird. Der ist u. a. berühmt für seine herrlichen gotischen Kirchenfenster und das Gemälde „Verlobung der Heiligen Katharina“ von Lucas Cranach dem Älteren – schöner zu besichtigen mit Musik! Wir sehen eine schicke russisch-deutsche Taufgesellschaft in der eindrucksvollen Severikirche. Und absolvieren einen Besuch der Horchgänge auf dem Petersberg mit Stadtführer Tim Erthel. Der junge Mann führt mit viel Spaß an gut erzählten Anekdoten über den Domplatz bis hinauf zum Petersberg und dort durch die 1,8 Kilometer langen unterirdischen Festungsgänge.

Der Rest sind nette, zufällige Begegnungen: Numa-Chef Martin Hübner erzählt uns, dass er früher eigentlich „hochkant“ gekocht hat – also in Gourmetrestaurants. Davon profitieren nun mittags in seinem Nudelschnellrestaurant Erfurter wie Reisende – alles ist frisch gemacht, al dente und sehr lecker. Der Laden läuft, abends nimmt der Koch nun auch Feineres auf die Karte. Im Café Hilgenfeld dürfen wir unseren mitgebrachten Kuchen verzehren, weil es dort heute nur ein paar Cupcakes gibt. Und im Absinthladen Sui Generis ums Eck probieren wir feine Wermutstropfen und plaudern mit Besitzerin Gabriele Fichte über Neuanfänge in der Lebensmitte.

Wieder zurück auf dem Platz genießen wir die blaue Stunde am Dom. Die Mitte Erfurts bringt nicht nur verschiedene Lebenswelten zusammen. Sie hat auch zwei Besitzer. Wo Basalt liegt, war schon immer Domplatz – und der gehört der katholischen Kirche. Beton weist darauf hin, dass man sich auf dem Boden des verschwundenen, städtischen Viertels bewegt. Es ist keine gerade Linie, die beide Bereiche trennt. P.S.: Die Königin des Domplatzes müssen wir noch erwähnen. Die hängt oben im Dom. Es ist die Gloriosa, die größte frei schwingende mittelalterliche Glocke der Welt, 1497 gegossen, 11,45 Tonnen schwer, Durchmesser: 2,56 Meter. An wichtigen Feier-oder Gedenktagen erklingt ihr dunkler, voller Ton, der den Menschen seit mehr als 500 Jahren unter die Haut geht. Die Gloriosa läutet immer zuerst und immer alleine. Man hört sie in der ganzen Stadt.

Aus Tradition

Die Hohe Lilie ist eines der ältesten Gasthäuser des Landes, derzeit gibt es hier italienische Küche
Die Hohe Lilie ist eines der ältesten Gasthäuser des Landes, derzeit gibt es hier italienische Küche© Foto: Christiane WürtenbergerAus TraditionDie Hohe Lilie ist eines der ältesten Gasthäuser des Landes, derzeit gibt es hier italienische Küche
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