Die verrückte Hauptstadt

OttawaDie verrückte Hauptstadt

Ein Regierungsgebäude schön wie ein Märchenschloss, die größte Schlittschuhbahn der Welt, Kultur ohne Ende, eine internationale Bevölkerung, die tollsten Restaurants und zutrauliche Eichhörnchen mitten in der City – Kanadas Hauptstadt Ottawa ist eine Kapitale wie keine andere

Ottawas Rideau Kanal: im Sommer Wasserstraße, im Winter die weltgrößte Schlittschuhbahn© Foto: Stefan NinkOttawas Rideau Kanal: im Sommer Wasserstraße, im Winter die weltgrößte Schlittschuhbahn
Skulptur im Außenbereich des Canadian Museum of Civilization© Foto: Stefan NinkBär im Boot:Skulptur im Außenbereich des Canadian Museum of Civilization

Manchmal, wenn sie die Frage ahnen, bevor sie überhaupt gestellt wurde, kommen die Führer den Besuchern zuvor. Dann erklären sie ungefragt, dass dies nicht der Saal sei, in dem der Eiserne Thron steht. Dass auch der Rest des Gebäudekomplexes nicht in der Fernsehserie Games of Thrones zu sehen sei, nein, auch wenn all die Gänge und Hallen mit ihren Säulenbögen und Türmchen und Erkern tatsächlich aussähen wie die Kulissen eines Fantasyfilms: Dies ist das kanadische Parlament!

Hier stehen Gebäude, die aussehen wie aus der TV-Serie Games of Thrones

Hier wird über Gesetze beraten, die später dann zwischen Vancouver und Halifax umgesetzt werden. Und wenn jetzt doch bitte alle folgen möchten, das Unterhaus sei gleich hinter der nächsten Tür zu besichtigen.
Es gibt wahrscheinlich nicht viele Hauptstädte auf der Welt, in denen man sich freiwillig die Regierungsgebäude anschauen möchte – in Ottawa kann man schon deswegen nicht anders, weil die Bauten auf dem Parliament Hill aussehen wie eine Art Märchenschloss.

Als sie Mitte des 19. Jahrhunderts entworfen wurden, war die verschwenderische Neugotik gerade der letzte architektonische Schrei. 150 Jahre später wirken Centre Block, Parlamentsbibliothek und Gerichtshof, als hätten ihre Architekten mit ihnen ein Zeichen setzen wollen.

Hier stehen Paläste ähnlich wie in Europa
Die internationale Einwohnerschaft bedingt auch Restaurants aller Couleur© Foto: Stefan NinkSchön bunt:Die internationale Einwohnerschaft bedingt auch Restaurants aller Couleur

Da draußen mögen Wald und Wildnis sein, scheinen sie zu sagen, das hier aber ist die Zivilisation. Hier bauen wir keine Blockhütten. Hier bauen wir Paläste, wie sie auch drüben in Europa stehen könnten.

Ach ja, Ottawa. Knapp 900.000 Einwohner hat Kanadas Hauptstadt, die abseits des Parliament Hills so gar nicht buchhalterisch hauptstädtisch, sondern ziemlich alternativ und besonders daherkommt. Was auch damit zu tun hat, dass Ottawa nur in seinem eigentlichen Zentrum überhaupt wie eine hochhausgeprägte Metropole aussieht, und auch dort nicht wirklich, dazu hat selbst die City zu viele Parks und Bäume und Rasenflächen. Wahrscheinlich gibt es auch nicht in allzu vielen Hauptstädten so etwas wie den Rideau Kanal: Die 200 Kilometer lange künstliche Wasserstraße verbindet Kingston am Ontariosee mit dem Ottawa River. Im Sommer fahren die Hauptstädter auf dem Kanal Kajak. Im Winter wird er zur größten Schlittschuhbahn der Welt.

© Foto: Stefan Nink
üppige Säulenhallen im Inneren des mächtigen Parlamentsgebäudes© Foto: Stefan NinkWahrer Märchenpalast:üppige Säulenhallen im Inneren des mächtigen Parlamentsgebäudes
Wahrer Märchenpalast: üppige Säulenhallen im Inneren des mächtigen Parlamentsgebäudes
Ottawa ist heute eine Wunsch-Stadt vieler Kanadier

Rechts wie links des Kanalspulsiert die Großstadt, aber schon ein Stückchen weiter hat man den Eindruck, Ottawa sei zugleich auch eine Ansammlung kleiner alternativer Ortschaften, deren Bewohner sich abends am Zaun unterhalten und sich gegenseitig zu Barbecues einladen. Überall stehen Bäume, überall sind Gärten, überall kann man den Himmel sehen, weil kaum ein Haus mehr als drei Stockwerke hat. Die Parkdale Avenue, eine der Hauptachsen durch die Stadt, endet völlig unvermittelt an einem Maisfeld. Als habe man plötzlich beschlossen, dass diese Stadt jetzt groß genug sei.

Ottawa ist ganz anders als die meisten Hauptstädte der Welt. Kaum ein Mensch weiß, dass es die Kapitale von Kanada ist. Toronto, Vancouver, Montreal, diese Metropolen sind weltweit bekannt. Aber Ottawa? Haben nur Kanada-Kenner von gehört. Deswegen wissen die meisten Menschen auch nichts vom Byward Market mit seinen hundert Restaurants und den Marktständen, an denen die Farmer der Umgebung all das anbieten, was auf den Feldern und in den Gärten Ontarios wächst. Sie wissen nichts von den fabelhaften Ausstellungen in der Nationalgalerie und nichts von den vielen hervorragenden mexikanischen oder indischen Restaurants an der Bank Street, und vom großartigen Canadian Museum of Civilization mit seinen haushohen Totempfählen der First Nations haben sie wahrscheinlich auch noch nie gehört.

Als die Stadt am Ottawa River damals Toronto und Montreal im Rennen um die Hauptstadtehre ausstach, beklagte das selbst der Generalgouverneur: Ins weit entfernte Exil müsse das Parlament nun ziehen! Es fehlte nur, dass er noch so etwas wie "... und ob wir uns je wiedersehen, weiß nur der Herrgott allein!" angefügt hätte. Das ist natürlich längst Geschichte. Ottawa ist heute die Wunschstadt vieler Kanadier, die Bevölkerung wächst stetig, auch, weil die wichtigsten politischen Institutionen des Landes gut bezahlte Arbeitsplätze bieten. Und international ist Kanadas Hauptstadt sowieso: Über 20 Prozent seiner Einwohner sind keine Kanadier, sondern aus allen möglichen Ländern der Welt hierhin gezogen.

Der schönste Platz in Ottawa? Ist wahrscheinlich eine Wiese am Rideau Canal. Eine, die in der Sonne liegt. An einem warmen Spätsommer-Nachmittag, wenn das Licht diese besondere Qualität hat und die Dinge leuchten lässt, als habe jemand eine Lampe tief drinnen angeknipst. An solchen Nachmittagen bleibt man auf seiner Picknickdecke nicht allein, weil sämtliche Hauptstadteichhörnchen unterwegs sind, um Vorräte zu bunkern für den langen Winter. Das Wasser im Kanal gleißt wie gehämmertes Silber, und drüben auf dem Parliament Hill sehen die mächtigen Gebäude im Gegenlicht unwirklich aus. Als seien sie gar nicht echt. Als habe man sie dort einfach nur vergessen, als man die Filmkulissen für Games of Thrones abgebaut hat.

Buntes Farbenspiel:

das Treppenhaus im Canadian Museum of Civilization
das Treppenhaus im Canadian Museum of Civilization© Foto: Stefan NinkBuntes Farbenspiel:das Treppenhaus im Canadian Museum of Civilization
ANZEIGE
Nach oben