Die stille Schöne

Frankreich / Opalküste Die stille Schöne

Der Name Opalküste ist bei uns kaum bekannt, klingt nach Fernem Osten und Abenteuer. Dabei liegt dieses Meeresgestade sozusagen gleich um die Ecke. Frankreichs nördlichster Küstenabschnitt am Ärmelkanal direkt hinter der Grenze zu Belgien eignet sich vortrefflich für einen geruhsamen Urlaub per Auto oder mit dem Caravan oder Wohnmobil Text: Thomas Zwicker Fotos: Silke Tokarski

Die Opalküste im Video:einige bewegte Bilder aus den ganz unterschiedlichen Lebenswelten der eigenwilligen Region

Die lange, breite Strandpromenade des kleinen Seebadeorts Wimereux ist an diesem Vormittag im Wonnemonat Juli noch fast menschenleer. Ein milder Seewind weht um die Nase, die Luft ist sauber und frisch. Zu Füßen der pastellfarbenen, fein restaurierten Villen aus dem frühen 20. Jahrhundert leuchten blau-weiß gestrichene Badekabinen und bunte Souvenirstände.

Davor erstrecken sich der breite, feinsandige Strand und das funkelnde Meer, dessen Farbe von einem karibischen Blau zum mystischen Türkis und zurück wechselt und einem schillernden Schmuckstein gleicht.

Hinter dem breiten Strand funkelt das Meer wie ein Schmuckstein
Die Architektur  an der Küste ist vielfältig, hier die  Universität von Dunkerque© Foto: Silke Tokarski/Thomas ZwickerModerne Zeiten:Die Architektur an der Küste ist vielfältig, hier die Universität von Dunkerque

Dem verdankt diese Region auch ihre ungewöhnliche Bezeichnung: Côte d’Opal, Opalküste. Der Name, Anno 1911 vom heimischen Maler Èdouard Lévêque ersonnen, klingt eher nach Seeräuber-Gestaden im Fernen Osten und ist außerhalb Frankreichs wenig geläufig. Die schöne Unbekannte erstreckt sich im Norden des Landes von der belgischen Grenze etwa 150 Kilometer südwärts und ist ein ideales Ziel für den Urlaub mit dem Auto oder auch mit dem Reisemobil oder Caravan. Auf den vielen guten Stell- und Campingplätzen sind freilich kaum deutsche Fahrzeuge zu sehen, die zieht es gleich weiter in die Normandie oder Bretagne. Platz gibt es meist in Hülle und Fülle, an den Stränden wie in den Bars und Cafés, und wenn das strapazierte Wort Geheimtipp für einmal Gültigkeit hat, dann sicherlich hier.

Entlang der Straße gibt es immer wieder Parkplätze, von denen man runter zum Wasser laufen kann
© Foto: Silke Tokarski/Thomas Zwicker
© Foto: Silke Tokarski/Thomas Zwicker
Das gute Leben: Am Strand und im Zentrum von Le Touquet Paris-Plage wird Beschaulichkeit groß geschrieben

Die moderne Fassade der Universität von Dunkerque glitzert im Sonnenlicht, Frankreichs drittgrößter Hafen ringsum rumort geschäftig, Industriebetriebe und Werften zeugen von Fleiß. Die 90.000-Einwohner-Stadt, rund 10 Kilometer von der belgischen Grenze entfernt und bei uns unter dem Namen Dünkirchen Synonym für Schrecken und Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, ist der nördliche Startpunkt unserer Opalküsten-Tour und bietet weit mehr als nur gesichtslose Nachkriegs-Neubauten. Feuerschiff, Raddampfer und der majestätische Dreimaster Duchesse Anne im Hafen, viele coole Bars und Cafés schon wegen der 10.000 Studenten, gute Museen zur Bewältigung dunkler Vergangenheit, Dunkerque ist eine vielseitige, spannende Stadt.

In Sichtweite zwar zur Hafenindustrie schließt sich der lange, breite und nur selten überlaufene Strand an, gesäumt von schönen Jugendstilhäusern, und später dann das große Naturschutzgebiet „Dunes de Flandre“, das bis nach Belgien hinein reicht – top für Wassersportler und Naturfreunde.

Wir haben dann Calais besichtigt mit den berühmten Statuen von Rodin vor dem Rathaus aus rotem Backstein und mit dem langen Strand und pulsierenden Hafen, von dem aus ständig XL-Autofähren Richtung Dover in England abdampfen und der das zweithöchste Passagieraufkommen der Welt aufweist. Nun rollen wir auf der gut ausgebauten D940 an der Küste entlang Richtung Süden in den Parc naturel régional des Caps et Marais d’Opale, das Herz der Opalküste.

Rechts der Straße ziehen sich Sanddünen entlang, immer wieder locken kleine Parkplätze, von denen aus man an den Strand laufen kann oder ein Picknick hält im Dünengras mit Blick auf Schiffe und Meer. Die schroffen Klippen Cap Blanc-Nez (134 Meter hoch) und Cap Gris-Nez (45 Meter) samt Leuchtturm und Bunkern aus dunklen Kriegszeiten ragen ins Firmament, der Blick geht weit über den Ärmelkanal nach England zu den weißen Klippen von Dover, Dampfer ziehen durchs funkelnde Blau. Hier oben weht oft eine kräftige Brise, Regenwolken segeln vorbei und entladen sich bisweilen in kräftigen Schauern. Tausende Seevögel singen ihr Lied, bald duftet die Küstenvegetation wieder im warmen Sonnenschein.

Die Straße windet sich durch sanfte Hügel und saftige Wiesen, kleine Badeorte mit Namen wie Wissant, Audresselles und Ambleteuse liegen am Pistenrand. Urlauber-Betonburgen sind hier Fehlanzeige, dafür gibt es in den Orten gemütliche Restaurants, die Spezialitäten servieren wie moules-frites (Miesmuscheln mit Pommes) oder den flämischen Eintopf potjefleesch. Die Atmosphäre ist ruhig und unaufgeregt, die Menschen hier gelten ein wenig als die Ostfriesen Frankreichs, zauberhaft dokumentiert auch im Kino-Bestseller „Willkommen bei den Sch’tis“.

Kurz hinter dem schönen Badeort Wimereux beginnt dann die 40.000-Einwohner-Stadt Boulogne-sur-Mer. Am Kai des inneren Hafens dümpelt ein Heer kleiner Fischerboote, dahinter liegen große Kühlhallen, wir sind hier im europäischen Zentrum für Handel und Verarbeitung von Meeresfrüchten. Ein paar Straßen höher lockt das Kontrastprogramm: Die Oberstadt, Ville Haute, versetzt mit ihren Palästen, schmalen Gassen und der großen Basilika in eine andere Zeit.

Ein Stück weiter im Süden wartet der „Garten des Ärmelkanals“. Im Badeort Le Touquet-Paris-Plage reiht sich Galerie an Boutique an Antiquitätengeschäft, oft untergebracht in historischen Villen, umgeben von riesigen Parks voll duftendem Grün: Der Ort gibt sich mondän. Schon sein Name verrät, dass die Schönen und Reichen aus Frankreichs naher Hauptstadt gern zur Sommerfrische herkommen. Von wegen nur Frankreichs Ostfriesland – die Facetten der Opalküste gereichen allemal dem schillernden Namen zur Ehre.

Drei Highlights an der Opalküste

Ein monumentales Bauwerk, eines der beeindruckendsten Meeresaquarien der Welt und ein Fest der ganz besonderen Art – drei Dinge an der Opalküste, die Ihre Aufmerksamkeit Wert sind.

Nausicaá in Boulogne-sur-Mer

© Foto: Silke Tokarski/Thomas Zwicker

Eine Wasserwelt der Superlative ist das Nausicaá, das in Boulogne-sur-Mer zentral zwischen Hafen und Strand liegt. Der riesige Gebäudekomplex ist dem Meer, seinem ökologischen Umfeld und den Beziehungen Mensch und Ozean gewidmet. Der Besucher kann das Leben in unterschiedlichen Tiefen entdecken, dargestellt in rund 50 Aquarien und Terrarien, die mit 4,5 Millionen Liter Meerwasser gefüllt sind. Tausende von Wasser- und Landtieren sind hier zu bewundern, von uralten Riesenschildkröten über kalifornische Seelöwen bis hin zum Pinguin und Hai. Im Unterwassertunnel und -observatorium kommt man den Meeresbewohnern ganz nah. www.nausicaa.fr

Karneval in Dunkerque

© Foto: Silke Tokarski/Thomas Zwicker

Hier machen alle mit: Der traditionelle Karneval von Dunkerque ist alljährlich einer der wichtigsten Events der Küste und ein kollektiver Spaß – die ganze Stadt ist bei diesem lustigen Wirrwarr mit Feuereifer dabei. Von einem Tambourmajor angeführte „Bandes“ bestimmen das Bild der närrischen Veranstaltung, bei der es weder Tanzgruppen noch Umzugswagen gibt, sondern nur Menschen in bunten Kostümen. Zu den Höhepunkten der großen Sause gehört die Gepflogenheit, dass der Bürgermeister am Sonntag vom Rathausbalkon eine Tonne (eingepackte) Heringe auf die fröhlich feiernde Menge hinabwirft … www.nordfrankreich-tourismus.com

Der Eurotunnel

© Foto: Silke Tokarski/Thomas Zwicker

Er ist die Realisierung eines sehr alten Traums: Der Eurotunnel verbindet Frankreich und England. Das Mammut-Bauwerk beginnt 4,5 Kilometer südwestlich von Calais, ist 50 Kilometer lang und verläuft rund 40 Meter tief unter dem Ärmelkanal. Durch zwei eingleisige Hauptröhren (Durchmesser 7,6 Meter, Abstand voneinander etwa 30 Meter) sausen die Züge, Fahrzeit für fast sieben Millionen Passagiere pro Jahr rund 35 Minuten. Erste Entwürfe stammen bereits aus dem Jahr 1802 – 1993 wurde der Tunnel dann fertiggestellt. www.eurotunnel.com

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