Der Iran ganz privat

IranDer Iran ganz privat

Der Iran gilt hierzulande oft als Hort des Terrorismus, der Armut, Unfreiheit und Unterdrückung der Frauen. Dass das große Land in Vorderasien auch viele Vorzüge und Reize hat, konnte unser Autor (im Foto rechts) hautnah erleben. Er war als Couchsurfer unterwegs, wohnte per Online-Vermittlung bei privaten Gastgebern – das ist im Iran eigentlich nicht erlaubt, bringt aber spannende Einblicke Text: Stephan Orth, Fotos: Samuel Zuder

Impressionen im Video:Bewegte Bilder von einer Reise durch ein sehr eigenes, reizvolles Land

Eigentlich müsste Nasrin (Name geändert) heute in der Uni sein und Englisch unterrichten. Doch Nasrin hat Besuch, also hat sie sich krankgeschrieben und fährt in die Wüste. Die Gäste waren ihr wichtiger als der Job, obwohl sie die imposanten Kaluts-Sandberge schon oft gesehen hat. So sind die Prioritäten im Iran, das den Titel als Weltmeister in Sachen Gastfreundschaft verdient.

Die temperamentvolle Mittdreißigerin Nasrin
wohnt in Kerman im Osten des Landes, sie trägt einen schwarzen Tschador und weiße Turnschuhe.

In Sachen Gastfreundschaft ist der Iran eindeutig Weltmeister

Ihre Besucher hat sie über das Internetportal Couchsurfing kennengelernt. Damit riskiert sie Ärger mit den Behörden, weil sich Besucher aus dem Ausland, die privat unterkommen, laut Gesetz innerhalb von 24 Stunden bei der örtlichen Polizei melden müssen. Das macht aber keiner. „Der Staat befürchtet, dass wir über Couchsurfing Spione bei uns unterbringen“, erklärt die charismatische junge Dame.

Schon einmal bekam sie richtig Ärger: Vor zwei Jahren wurde sie mit Übernachtungsgästen erwischt, zur Strafe verlor sie ihre Lizenz als Touristenführerin. „Einen Bekannten von mir hat es noch schlimmer erwischt. Der war Soldat und brachte seine Gäste immer zu militärischen Anlagen. Er wurde ertappt und musste zwei Monate ins Gefängnis.“

Bei vielen Iranern ist die Neugier auf Besuch aus dem Ausland sehr groß
Irans Jugend fotografiert sich gern, genau wie ihre Altersgenossen in allen anderen Regionen der Erde© Foto: Samuel ZuderUuuund lächeln:Irans Jugend fotografiert sich gern, genau wie ihre Altersgenossen in allen anderen Regionen der Erde

Auch wenn Ärger mit der Staatsgewalt droht – in manchen Regionen mehr, in manchen weniger –, wächst die Zahl der Couchsurfing-Mitglieder im Iran massiv an. Schon mehr als 20.000 sind es, täglich werden es mehr. Online präsentieren sie ihre Hobbys und Interessen, beschreiben die Art der Schlafgelegenheit und zeigen ein paar Fotos. Sie wollen wissen, wie die Menschen aus dem Ausland ticken, saugen gierig Geschichten auf aus Ländern, in denen junge Leute mehr Freiheit haben. Als Inspiration, bevor die Lethargie wiederkommt, die 35 Jahre Mullah-Regime flächendeckend verbreitet haben.

Iraner haben gewöhnlich eine gewisse Routine, was Gesetzesbrüche angeht: Offiziell ist Facebook verboten, doch jeder unter 35 scheint einen Account zu haben. Offiziell darf niemand eine Satellitenschüssel besitzen, doch an fast jedem Apartmentblock hängen ein paar von den Dingern.

© Foto: Samuel Zuder
Treffpunkt am  Abend in Shiraz, Park in Teheran© Foto: Samuel ZuderFreizeit-Vergnügen:Treffpunkt am Abend in Shiraz, Park in Teheran
Freizeit-Vergnügen: Treffpunkt am Abend in Shiraz, Park in Teheran
Das Land ist vollkommen anders, als die meisten Reisenden es sich vorstellen

Der Grafikdesigner Saeed aus Shiraz schert sich wenig um die Regeln. „Ich erwarte jeden Tag, dass die Polizei vor der Tür steht wegen der ganzen Besucher“, sagt der 20-Jährige. „Aber bis dahin werde ich so viele Gäste haben, wie ich will.“ Saeed ist absoluter Couchsurfing-Junkie, allein in den letzten drei Monaten hatte er mehr als 40 Reisende in seiner Wohnung, die mit Vorhängen, Pappkarton und Alufolie vor neugierigen Blicken von außen geschützt ist. Zudem organisiert er Treffen in Shiraz und reist sehr gern selber mit Zelt und Rucksack per Anhalter durch sein Land.

„Die Leute denken, im Iran wartet an jeder Ecke ein Terrorist und ständig verbrennen Demonstranten USA- und Israel-Flaggen. So ein Quatsch“, sagt Saeed. So wird ein Trip zu den Menschen zugleich zu einem radikalen Abschied von Vorurteilen. Fast jeder Iran-Tourist, selbst der abgebrühteste Backpacker, sagt nach der Rückkehr, er habe sich das Land so nicht vorgestellt.

Shiraz zum Beispiel kann mit erstrangigen Sehenswürdigkeiten aufwarten wie der Nasir-ol-Molk-Moschee, die besonders magisch im Morgenlicht wirkt, wenn durch bunte Fenster die Sonne hereinfällt. Die Dichtergräber von Hafis und Saadi sind Pilgerstätten für Poesiefans, die bezaubernden Gärten der Stadt Laufstege der Jugend. Hier tragen sie ihre Justin-Bieber-Trendfrisuren und perfekt gestutzten Bärte (Jungs) beziehungsweise ihre weit zurückgezogenen Luxus-Kopftücher und unbedeckten Knöchel (Mädels) zur Schau.

Saeed nimmt mich mit auf den Derak, einen 2800 Meter hohen Berg direkt neben der Stadt, der in keinem Reiseführer steht. Ein Pfad führt vorbei an Geröllhaufen und tapferen Sträuchern, schon morgens ist es um die 30 Grad warm. Die Häuserschluchten von Shiraz leuchten beigefareben im Sonnenlicht, eine Modellbahnlandschaft, ein gigantischer Siedlungsteppich. „Heil Shiraz dir! Unvergleichlich ruhst du im Gelände! Gott erhalte dich und alles Unheil von dir wende!“, wünschte sich der Dichter Hafis. Bestimmt schrieb er das auf einer Bergtour.

Auf dem Gipfel entsteht gerade eine Wetterstation, der Wachmann und ein Ziegenhirte laden uns zum Tee ein, im Iran gibt es immer Tee. „Wenn ich nicht morgen zur Uni müsste, würde ich zwei Tage hier übernachten, auf Eseln reiten und Ziegen hüten“, sagt Saeed strahlend. Dann machen wir uns zurück auf den Weg ins Tal, zurück in die Stadt, wo man sich weniger frei fühlt als auf einem Berg oder in der Natur.

Vielleicht ist es diese zusätzliche Freiheit, das Wissen, nicht beobachtet zu werden, was auch Nasrin daran reizt, immer wieder in die Kaluts-Wüstenregion zu fahren. Die Sandberge um uns sind spektakulär, einige geformt wie runde Kuppeln, andere haben fast senkrechte Wände, teilweise so hoch wie zehnstöckige Gebäude. Als hätte ein Riese Sandburgen gebaut, und zwar auf einem Areal von 145 Kilometern Länge.

Bislang verirren sich wenige Ausländer in dieses Wüstenwunderland. Doch das dürfte sich ändern, denn die Touristenzahlen im Iran steigen mit dreistelligen Zuwächsen. Seit Präsident Ahmadinedschad, Spitzname „Der Irre von Teheran“, nicht mehr Präsident ist, ist das Land wieder attraktiver geworden. Außerdem spricht sich herum, dass Urlauber in den meisten Regionen kaum Sicherheitsprobleme zu befürchten haben und freundlich empfangen werden.

Dieses Frühjahr waren kaum genug Hotelbetten vorhanden, um den Ansturm zu bewältigen. Vielleicht also bekommen die Couchsurfing-Gastgeber künftig noch mehr Anfragen – weil es zu wenig reguläre Übernachtungsmöglichkeiten gibt.

Das Buch "Couchsurfing im Iran: Meine Reise hinter verschlossene Türen" ist jetzt im Handel, mehr Infos finden Sie hier

Hat gerne Gäste:

der Grafikdesigner Saeed (li.), hier mit Autor Stephan Orth
der Grafikdesigner Saeed (li.), hier mit Autor Stephan Orth© Foto: Mina EsfandiariHat gerne Gäste:der Grafikdesigner Saeed (li.), hier mit Autor Stephan Orth
ANZEIGE
Nach oben