Das Leben ein Spiel

MacauDas Leben ein Spiel

Von Hongkong nach Portugal in einer Stunde, geht das? Aber klar, so flink sausen die Jet-Boote über die 65?Kilometer breite Mündung des Perlflusses in die ehemalige portugiesische Überseeprovinz. Hier lockt die glitzernde Metropole Macau – willkommen in der Glücksspiel-Hauptstadt der Welt

Text: Thomas Zwicker
Fotos: Holger Leue

In den Gassen von Macau geht es meist sehr gemütlich zu© Foto: Holger LeuePausen-Snack:In den Gassen von Macau geht es meist sehr gemütlich zu

In den Casinos von Macau ist die Hölle los. Vierschrötige Geschäftsleute in abgewetztem Anzug haben Jetons für hunderttausende Hongkong-Dollar gehortet, schieben ungerührt 20.000er-Chips (etwa 2000 Euro) auf eine einzelne Zahl. Greise Chinesinnen, dünn wie Peitschenschnüre, klauben 1000-Dollar-Jetons aus weiten Hosentaschen, Teenager verschwinden in VIP-Räumen, wo der Mindesteinsatz bei 2000 Hongkong-Dollar liegt.

Macau ist vor allem eins: ein Monaco des Fernen Ostens, das Las Vegas Asiens, ja mittlerweile nicht weniger als die Glücksspiel-Metropole der Welt.

Die Glücksspieler in Macau riskieren oft sehr hohe Einsätze

„Wenn die Welt bestehen soll, muss sie Fan Tan spielen“, sagt ein asiatisches Sprichwort (Fan Tan ist ein chinesisches Glücksspiel), und das ist im Riesenreich China nur in Macau erlaubt. Die meisten der 22 Millionen Touristen pro Jahr kommen daher aus Festland-China oder dem nahen Hongkong, von wo rund um die Uhr ein Geschwader von Schnellbooten und Jetfoil-Katamaranen mit 7000-PS-Boeingturbinen durchs brackige Perlflussdelta rauscht.

Waren Macaus Casinos einst Lasterhöhlen, verqualmt und umgeben von Elend und Prostitution, so sind sie heute funkelnde Entertainment-Paläste. Seit der Rückgabe an China und Öffnung für Investoren aus Übersee hat die Zockerstadt einen gewaltigen Boom erfahren.

Einst waren die Casinos verqualmte Orte des Lasters
Gutes Essen ist für die Menschen hier mindestens so wichtig wie ein Hauptgewinn im Casino© Foto: Holger LeueFür Leib und Seele:Gutes Essen ist für die Menschen hier mindestens so wichtig wie ein Hauptgewinn im Casino

Die Bosse der US-Casinohotels MGM, Sands, Wynn & Co haben hier auf Schwemmland gewaltige Asien-Ableger gebaut. Mit über 30 Casinos macht Macau nun weit mehr Umsatz als Las Vegas, rund 75 Prozent des Haushalts stammen aus Steuern der Glücksspiel-Industrie. Während pausenlos die Slotmachines rattern, wird an Black-Jack-, Baccara- und Roulette-Tischen gespielt, gejubelt und geflucht.

„Let’s go lucky“ heißt der Slogan im glitzernden City of Dreams, eins der opulenten Spieler-Dorados vor Ort. Ständig wummern Dampframmen, es geht immer weiter, höher hinaus. Das Venetian Hotel etwa gilt als zweitgrößtes Gebäude der Welt, hat 3000 Suiten, dazu 400 Restaurants und Geschäfte, die sich unter künstlichem Himmel um venezianische Häuserfronten, Türmchen, Plätze und Kanäle samt Brücken und Gondeln mit singenden Gondolieri reihen.

© Foto: Holger Leue
die Penha- Kirche hoch über der Stadt; Mädels lieben Selfies wie überall auf der Welt© Foto: Holger LeueKontrast-Programm:die Penha- Kirche hoch über der Stadt; Mädels lieben Selfies wie überall auf der Welt
Kontrast-Programm: die Penha- Kirche über der Stadt; Mädels lieben Selfies wie überall auf der Welt
Das alte Macau reizt nur die Urlauber aus dem Westen

Wer nach stressigem Sightseeing oder Shopping als Venetian-Gast seine Suite im Ost-, Süd- oder Nordflügel sucht, der braucht einen "Stadtplan" für die endlosen Hotelkorridore und irrt zunächst mal durch eins der größten Casinos der Erde mit 800 Spieltischen und 3400 Slotmachines. Alles im Stil des Venetian-Vorbilds in Vegas, nur noch viel üppiger – in den ersten fünf Monaten nach Eröffnung wurden 10 Millionen Gäste gezählt.

Für alle, die mit ihrem Geld nicht die Glücksspielindustrie subventionieren mögen, macht das europäisch-koloniale Flair Macaus den großen Reiz aus. Nahezu alle historisch wertvollen Gebäude wurden restauriert, heute sind 25 historische Bauten als UNESCO-Welterbestätten anerkannt – darunter manches aus einer Ära, als Hongkong noch gar nicht existierte.

Im Vergleich zum großen Nachbarn Hongkong hat Macau eine lange Geschichte. Die einstige portugiesische Überseeprovinz, rund 145 Kilometer von Guangzhou (Kanton) und 65 Kilometer von Hongkong entfernt, wurde schon 1557 als Handels- und Missionsstation gegründet und war somit die älteste europäische Niederlassung in Ostasien. Es besteht aus der Halbinsel gleichen Namens sowie den durch Brücken und Schwemmland verbundenen Inseln Taipa und Coloane, die gesamte Fläche beträgt rund 30 Quadratkilometer, etwa ein Drittel der Insel Sylt. Viele Jahrzehnte lag Macau in einer Art Dornröschenschlaf – bis 1995 ein eigener Flughafen eröffnete und bald darauf die Kasino-Lizenzen neu vergeben wurden. Am 20. Dezember 1999 ging die Stadt dann offiziell von Portugal zurück an China. 95 Prozent der gut 600.000 Einwohner sind heute Chinesen, nur noch 3 Prozent Portugiesen. Zwar fungiert Portugiesisch neben Chinesisch noch als Amtssprache, aber tatsächlich ist Englisch die weitaus wichtigere Zweitsprache.

Neben dem Casino-Tourismus
gibt es natürlich auch andere Gewerbe, in Kleinbetrieben werden etwa Keramik, Feuerwerkskörper, Plastik- und Lederwaren hergestellt. Der internationale Flughafen wird hauptsächlich (und mit hoher Frequenz) für innerasiatische Verbindungen genutzt, aus Europa landet man besser in Hongkong und setzt in einer Stunde per Schnellfähre über (kein Visum erforderlich). Die offizielle Währung heißt Pataca, ihr Kurs steht etwa 1:1 zu den häufiger gebrauchten Hongkong-Dollars (10 HKD sind ca. 1 Euro), die begeistert von den Chinesen in die funkelnden Casinos getragen werden.

Reisende aus dem Westen interessieren sich meist weniger für das Glücksspiel, sondern schätzen den Charme der alten, quirligen Gassen der Innenstadt, an deren Kolonialstilgebäuden noch portugiesische Leuchtreklame zwischen chinesischen Schriftzeichen schimmert, wo Barockkirche neben buddhistischem Tempel steht und Tsingtao-Bier zu Bacalhau (port. Stockfisch) und süßen Nata-Vanilleküchlein gereicht wird. Sie besuchen die vielen Museen, den runden Guia-Leuchtturm, bestaunen die markante Fassade der Sao Paulo-Kathedrale und probieren Snacks an kleinen Essständen mit Räucherstäbchen-Altar, neben denen alte Männer Mah-Jongg (chinesisches Spiel mit 144 Steinen) spielen. Und sie sitzen auf der Terrasse der schönen Pousada am Strand der vorgelagerten Insel Coloane und freuen sich über den exotischen Reiz dieser eigentümlichen Stadt.

Dorthin gelangt man gut per Taxi oder mit dem Leihwagen, das historische Zentrum rund um den Rathausplatz, den Largo do Senado, entdeckt man dagegen am besten zu Fuß. Auch die Südspitze mit dem Museu Marítimo und A-Ma-Tempel lohnt sich zu umwandern, oder der Guia-Hügel mit dem Jardim de Lou Lim Ieoc. Die Sonne scheint oft, und überall gibt es gute Restaurants und Cafés mit sino-portugiesischer Küche. Und keine Sorge, zum nächsten Casino ist es nie weit, und die haben ja rund um die Uhr geöffnet – einer Aufbesserung der Reisekasse steht also höchstens ein missgünstiger Cai Shen, der Gott des Reichtums, im Weg.

Venedig à la Macau:

Das riesige Venetian Hotel verblüfft mit Bauten und Kanälen wie in Italien
Das riesige Venetian Hotel verblüfft mit Bauten und Kanälen  wie in Italien© Foto: Holger LeueVenedig à la Macau:Das Venetian Hotel verblüfft mit Bauten und Kanälen wie in Italien
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