Cranachs Welt

Im JubiläumsjahrCranachs Welt

Er war mit Luther befreundet, druckte Flugblätter für die Reformation und hatte trotzdem auch katholische Auftraggeber: Lucas Cranach der Ältere war einer der spannendsten Künstler seiner Zeit. Dieses Jahr feiert Thüringen Jubiläum – mit drei großen Ausstellungen.

Kleine Altarführung?Im Video erklärt Cranach-Expertin Dr. Karin Kolb, was den Weimarer Altar einzigartig macht – und warum man die Cranach-Schau in Weimar nicht verpassen sollte

Selbst im 21. Jahrhundert kann man noch Cranach-Geheimnisse lüften. Man muss dem Meister nur mit raffinierten Mitteln zu Leibe rücken: Also nehmen Forscher moderne Infrarot-Kameras und durchleuchten damit sein Werk. Mittels Reflektografie werden auf diese Weise Vorskizzen auf dem Holz aufgespürt, weil die bessere Rückschlüsse auf den Urheber zulassen. Wer hat’s denn nun gemalt? Noch immer rätseln Kunsthistoriker bei einigen wertvollen Stücken, wer der Künstler war. Lucas Cranach der Ältere? Oder doch vielleicht einer seiner Söhne?

„...?Cranach hat damals mit seiner Werkstatt eine Art Label entwickelt, eine Marke.“ – Dr. Timo Trümper

„Diese Diskussion ist ein moderner Blick auf das Phänomen Cranach“, findet Dr. Timo Trümper, Kurator für Gemälde und Skulpturen im Herzoglichen Museum, der gemeinsam mit Benjamin Spira die diesjährige Gothaer Jubiläums-Ausstellung „Cranach im Dienst von Hof und Reformation“ konzipiert hat. „Denn Cranach hat damals mit seiner Werkstatt eine Art Label entwickelt, eine richtige Marke, die eine Unterscheidung einzelner Mitarbeiter ausschließen sollte.“

Der Maler schwor seine beiden Jungs (Sohn Hans starb 1537 unerwartet im Alter von etwa 24 Jahren) und die Mitarbeiter erfolgreich auf einen einheitlichen Stil ein, eine unverwechselbare Werkstatt-Handschrift.

„Cranach ist farbenfroh, sinnlich, manchmal sogar deftig.“ – Dr. Karin Kolb
hängen sehr  schöne Cranachs, etwa die  „Madonna mit Weintraube“© Foto: Anna-Lena ThammAuf der Wartburghängen sehr schöne Cranachs, etwa die „Madonna mit Weintraube“

Er hatte wenig Interesse daran, eigenständige Künstler­persönlichkeiten zu beschäftigen. Alles musste wie am Schnürchen laufen und zwar möglichst in verlässlicher Cranach-Qualität.

Das lag nicht zuletzt daran, dass der Mann viel zu tun hatte: Er war Hofmaler der sächsischen Kurfürsten in Wittenberg, und er hatte zusätzlich private Jobs. Seinen effektiven Malerei-Betrieb baute er sich nach allen Regeln der Kunst auf. Die irgendwo im Bild versteckte geflügelte Schlange mit dem Rubinring im Maul, ein vom Fürsten verliehenes Wappen, wurde zur Signatur. Um wirtschaftlicher arbeiten zu können, betrieb Cranach zudem eine Druckerei und eine Apotheke. So konnte er seine Grafiken selbst vervielfäl­tigen – und er kam vermutlich günstiger an die Substanzen, die er für seine Ölfarben brauchte. Aufgrund der schieren Menge an Werken, die diese Werkstatt produzierte, blieben mehr als 1.500 Gemälde erhalten, dazu unzählige Grafiken und Bücher.


© Foto: Jessica Mintelowsky
Dr. Karin Kolb und Dr. Timo Trümper© Foto: Jessica MintelowskyMit Cranachs Werken vertraut:Dr. Karin Kolb und Dr. Timo Trümper
Mit Cranachs Werken vertraut:Dr. Karin Kolb und Dr. Timo Trümper
Was die Cranachs malten, malten sie mit viel Lust am Detail

Viele davon kann man in Thüringen erleben: Anlass der drei großen Ausstellungen in Gotha, Weimar und Eisenach ist der 500. Geburtstag des Sohnes, Lucas Cranach des Jüngeren. In Thüringen steht trotzdem eher der Vater im Mittelpunkt. Cranach verband viel mit Thüringen, er heiratete eine Gothaer Bürgermeister-Tochter, hatte wichtige Auftraggeber wie die Stadt Neustadt an der Orla und wurde nicht zuletzt durch die Freundschaft mit Martin Luther auch zum Maler der Reformation. Weil Cranach die Eheleute Luther alleine schon aus Gründen der Propaganda (Ex-Mönch und entlaufene Nonne als Paar) oft malte, prägte er unser Bild von Luther. Die zweite Cranach-Ausstellung auf der Wartburg in Eisenach beschäftigt sich dieses Jahr mit Cranachs Porträtkunst.

Was gibt es für uns heute sonst noch in den Bildern zu entdecken? Auf den ersten Blick erscheint uns die cranachsche Welt fern und fremd. All die Bibelszenen, die antike Mythologie und die Promis von damals, deren Porträts überall hängen – wer will sich damit schon heute noch auskennen? Erst einmal steht man vielleicht etwas ratlos vor dem Phänomen Cranach. Aber wenn man sich ein wenig in die damalige Zeit hineindenkt, wird’s spannend. Und man beginnt zu staunen.

Über die Sinnlichkeit: Die Maler der Cranach-Werkstatt konnten ja auch wunderschöne, anmutige, nackte Frauen (und Männer) malen. Wie passte das in die Zeit? Lucas d. Ä. malte, zumeist unter dem Deckmäntelchen der sittlichen Belehrung, viele großformatige Akte: Venus, Quellnymphen, eine sehr anmutige Justitia, die Körper meist in der geschwungenen typisch cranachschen S-Haltung. Solche Bilder hingen natürlich nicht in Kirchen, sondern in den Privatgemächern ihrer meist adligen Auftraggeber. „Cranach ist farbenfroh, sinnlich, manchmal sogar deftig“, findet auch Dr. Karin Kolb, die über Cranach promoviert hat und die nun die dritte Jubiläums-Schau „Cranach in Weimar“ im Schillermuseum betreut. „Auch das zeigen wir dieses Jahr.“

Man wundert sich und staunt auch über den Geschäftsmann Cranach: Der malte nämlich tatsächlich trotz seiner Parteinahme für die Reformation auch weiterhin für katholische Kunden. War sein lutherisch gesinnter Fürst da nicht sauer? Anscheinend konnte ein Cranach sich das leisten. Eins zu eins stellte er in seinen berühmten Gesetz-und-Gnade-Bildern die Lutherlehre dar. Nur durch einen festen Glauben, nicht durch seine Werke erringt der Mensch demnach die Gnade Gottes. Wenn’s denn gewünscht war, porträtierte der Maler aber auch den Erzbischhof von Mainz. „Cranach der Ältere war eben ein Handwerker von höchstem Niveau, und er musste Geld verdienen. Alle fühlten sich von ihm gut repräsentiert“, meint Kolb.

Faszinierend sind auch die einzigartigen Details: hier eine fein ziselierte Kette am Hals der Prinzessin Sibylle von Cleve in Weimar, da ein hauchzarter Stoff, der die Gothaer Aphrodite kaum verhüllen kann, dort spritzendes Blut vom Rumpf des geköpften Täufers Johannes in Neustadt an der Orla. Was die Cranachs malten, malten sie mit viel Lust am Detail. Wer etwas näher tritt, entdeckt im Hintergrund von Bildern mit biblischen oder mythologischen Themen plötzlich sogar Miniaturburgen, die sehr nach Thüringen aussehen, mittelalterliche Städtchen und deutsche Wälder. Passt nicht, gab’s nicht.

So kann man mit Cranach in Eisenach, Weimar, Neustadt an der Orla und Gotha in längst vergangene Zeiten reisen und sich trotzdem immer ein wenig zu Hause fühlen. Und seinen Bildern im Gegenzug überall auf der Welt begegnen. Denn auch das ist ja das Einzigartige an der Cranach-Werkstatt: Die haben richtig viel produziert. Cranachs hängen in unzähligen Museen, fast überall auf der Welt. Einige wichtige Werke sind dieses Jahr teuer versichert zu den Ausstellungen nach Thüringen gereist. Für andere wird man selbst auf Reisen gehen müssen. Es bleibt also spannend. Denn auch ohne Infrarot-Kamera im Gepäck lässt sich bei Cranach immer wieder etwas Neues entdecken.

„Christus und die Ehebrecherin“

von Lucas Cranach d.?J., Stadtschloss Weimar
von Lucas Cranach d.?J., Stadtschloss Weimar© Foto: Compagnie Histoire de Famile„Christus und die Ehebrecherin“von Lucas Cranach d.?J., Stadtschloss Weimar
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