Bei allen Göttern

IndienBei allen Göttern

Ein kunterbunter Reigen von Gurus und Heiligen, Bergschönheit wie gemalt, dazu ein Alltagsleben, wie es exotischer kaum sein könnte – eine Tour durch den Norden Indiens ist ein Ansturm auf alle Sinne, der auch erfahrene Reisende bisweilen schon

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Einhundersechzig!", rufen wir beide, und Harbans lacht, weil er schon wieder gewonnen hat. Er gewinnt so gut wie immer. Wieviel Kurven kommen in den nächsten fünf Minuten? Darum haben wir gerade eben gewettet. 185, hatte Harbans getippt; ich glaubte eher an 330, so fühlen sich fünf Minuten auf diesen Straßen nämlich an.

Mein Fahrer war deutlich näher dran.
Ich lege meinen 50-Rupien-Schein in die Ablage zwischen den Sitzen. 50 Rupien sind mein Einsatz, die zahle ich, wenn ich verloren habe.

Nordindiens Straßen haben in fünf Minuten gefühlte 330 Kurven

Gewinne ich, spendiert mir Harbans eine kleine Tüte Mattar Masala. Das sind getrocknete Erbsen in scharfem Pulver. Inder essen die wie Chips. Ich mittlerweile auch. Im kleinsten Beutel sind 20 Gramm, die reichen für das Knabbern zwischendurch und kosten fünf Rupien. Harbans macht also ein gutes Geschäft. Das noch besser wird, weil er immer gewinnt.

Wir sind seit einer Woche unterwegs. In Indiens Bergprovinzen Himachal Pradesh und Uttarakhand, die im Norden des Subkontinents an Nepal und Tibet grenzen. Vor Jahren war ich mal in Bhutan, da hatten sie ähnlich viele Kurven. Die indischen spielen allerdings auf einem ganz anderen Level.

Indien ist auf keinen Fall ein Reiseziel für Menschen, die Ruhe suchen
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In Bhutan kommt einemmöglicherweise alle 30 Minuten mal ein anderes Fahrzeug entgegen – in Indien ist hinter jeder Kurve ganz Indien auf der Straße. Großmütterchen mit Feuerholz auf dem Kopf, Motorräder, auf denen Familien sitzen, verlorene Ladung, spielende Kinder, querstehende Laster, stierende Kühe, feixende Affen, und manchmal alles zusammen.

Wenn das wundersamerweiseeinmal alles nicht auf uns wartet, kommt auf jeden Fall der Gegenverkehr auf der falschen Seite angeschossen. Deswegen hupen wir vor so gut wie vor jeder Kurve, auch vor den durchgezählten 160 eben. Alle anderen Autofahrer hupen auch. Indien ist auf keinen Fall ein Reiseziel für Ruhesuchende.

© Foto: Hund
Die Affenhorde hofft auf ein paar leckere Bissen, der vierbeinige Freund ganz unten schläft einfach nur den Schlaf der GerechtenTierisch gut drauf: Die Affenhorde hofft auf ein paar leckere Bissen, der vierbeinige Freund ganz unten schläft einfach nur den Schlaf der Gerechten
Tierisch gut drauf: Die Affenhorde hofft auf ein paar leckere Bissen, der vierbeinige Freund ganz unten schläft einfach nur den Schlaf der Gerechten
Wer um Glück bittet, gibt den Affen am Rand der Straße Bananen

Und im späten Jahr auch keines für Leute, die an schönes Wetter denken, wenn sie an Indien denken. Es schüttet nämlich. Seit Tagen. Jetzt sind alle gut gelaunt, Regen außerhalb der Monsunzeit, Shiva sei Dank, alles lacht, alles strahlt, kleine Kinder springen mit Anlauf in die Pfützen, nur ich grummele leise vor mich hin. Nordindien im Dauerregen ist nicht so toll. Schon optisch nicht. Der Himalaya beziehungsweise seine Bergvorhut ist komplett hinter den Wolken verschwunden, der Himmel hängt so tief wie zuhause im November, alles ist trüb, alles ist trist, der Regen scheint sämliche Farben aus dem Land herausgewaschen zu haben.

Harbans allerdings hat wegen des Wetters
blendende Laune. Wenn es regnet, muss er nicht permanent anhalten, weil ich nichts ansehen und nichts fotografieren und mit niemandem quatschen will. Wenn es regnet, wetten wir öfter, und er gewinnt öfter. Wie viele Minuten bis zur nächsten Shiva-Statue? Wie viele bis zur nächsten Eselskarawane, zum nächsten Vishnu-Tempel, zur Kuh auf der Straße, zur Hauswand mit aufgepinselter, kanarienvogelgelber Zement-Werbung? Harbans hat eine diebische Freude am Wetten. Auch, weil er seinen Tageslohn damit vervielfacht. Die Wetterei war die einzige Chance, sein Salär aufzubessern, ohne dass er sein Gesicht verliert. Er verdient sonst 150 Rupien am Tag. Das sind knapp zwei Euro.

Manchmal halten wir auch, weil Harbans halten will. Auf den Gebirgspässen zum Beispiel. In Indien gibt es keine Leitplanken, sondern nur weiß getünchte Befestigungssteine, hinter denen es ein paar hundert Meter lotrecht nach unten geht. Auf diesen Steinen sitzen Affen, auf jedem einer. Sie sitzen da, weil gläubige indische Autofahrer ihnen zu Fressen geben. Im kunterbunten Hindu-Götterhimmel gibt es einen Typen mit Affenkopf, Hanuman. Deswegen genießen Indiens Rhesusaffen einen ziemlich guten Ruf, und wer sich um sie kümmert, dessen Fahrt durch den Gebirgsregen verläuft unfallfrei.

Je länger und heftiger es regnet und je mehr Steinbrocken hinter den Kurven auf der Straße liegen, desto eifriger füttert Harbans die Affen. Aus Sicherheitsgründen kurbelt er sein Fenster immer nur ein Stück weit runter und versucht dann, Bananen und Fladenbrot aus dem Spalt zu werfen. Das ist so kompliziert, wie es klingt, aber wenn es nach der inneren Uhr der Spendenempfänger draußen auch nur eine Sekunde zu lange dauert, dann springen zwei oder drei Affen an die Autotür und greifen in den geöffneten Spalt und grabschen und schreien und zeigen ihre Zähne. Harbans tut dann jedes Mal so, als sei das alles ein großer Spaß; man sieht ihm aber an, dass er eine ziemliche Angst hat. Deswegen mache ich das Fenster auf meiner Seite niemals auf, nein, nein, nein. So weit käme es noch.

Begonnen haben wir unsere Tour in Amritsar, im Punjab, in der Hauptstadt der Sikhs. Von dort sind wir erst einmal nach Dharamsala gefahren und nach McLeodganj nebendran, einem kleinen Gebirgskaff, wo der Dalai Lama im Exil lebt. Das war bislang der einzige Ort, an dem wir andere Touristen gesehen haben. Franzosen, Russen, Israelis, sehr viele Israelis.

Und Deutsche. Die sahen aus, als hätten sie sich ihre Kleidung kurz vor der Abreise im Altkleidercontainer der Johanniter zusammen geklaubt. Die meisten waren wegen eines Mediationskurses dort. Oder wegen einer Kristalltherapie, eines Kochseminars, der Ausbildung zum Lachyogalehrer oder weil sie lernen wollten, wie man alte Weisen aus dem 13. Jahrhundert auf der Sitar spielt, es gibt in McLeodganj unglaubliche Angebote. Die meiste Zeit aber schienen sie in den Cafés herum zu hängen, sich über die langsame Wlan-Verbindung zu beschweren und über die Inder zu schimpfen. Alles in allem wirkten sie nicht besonders glücklich.

Dabei hätten sie es so gut haben können! In indischen Läden lässt sich für umgerechnet zwei oder drei Euro ein profundes Picknick zusammenstellen, und wenn man eine halbe Stunde aus McLeodganj hinausläuft, hoch in den kühlen Wald bis zur nächsten Wiese, dann ist es, als habe man den kompletten Himalaya für sich allein. Man kann bis in alle Ewigkeiten sehen, in Täler und über die fein gestaffelten Gipfelketten hinweg. Hoch über einem kreisen Adler, manchmal weht der Wind das gesungene Mantra von Mönchen heran. Es riecht nach frisch geschlagenem Holz und Gletschereis und Kardamom. So ein Picknick in der Natur ist unbedingt empfehlenswert. Und Kobras gibt es auch bloß viel weiter im Süden.

Unser nächster Stopp: Shimla. Harbans hat sich schon Tage vorher darauf gefreut, weil sein Sohn hier lebt und die Stadt so kompakt ist, dass ich nicht ständig hin und her gefahren werden muss. Das wäre sowieso nicht möglich gewesen – unser Regen ist in Shimla nämlich Schnee. Sieben, acht Zentimeter vielleicht, was bei den steilen Straßen und den abgefahrenen Sommerreifen der indischen Autos mehr als genug ist, um den kompletten Verkehr zum Stillstand zu bringen. Shimla steht der Schnee gut, wie ein weißes Laken hat er sich über die Straßenzüge gelegt, die sich an den steilen Hängen festzuklammern scheinen.

Man kann sich das heute ja kaum noch vorstellen, aber: Von hier oben wurde etliche Jahrzehnte lang komplett Britisch-Indien regiert. Sobald die Engländer ab Mai oder Juni die Gluthitze in Kalkutta (und später Delhi) nicht mehr aushielten, zog die komplette Kolonialverwaltung ins luftige Shimla um und kümmerte sich in 2000 Meter Höhe um so kleine Gebiete wie Afghanistan, Birma oder den Golf von Bengalen. Im Herbst ging es dann retour in die Ebenen. Wie bezaubernd Shimla im Winter sein kann, haben die Briten nie mitbekommen. Spätestens beim ersten Frost saßen die alle im Zug zurück.

In den Reiseführern wird eine Fahrt mit dem “Great Himalayan Railcar” gerne als absolutes Highlight in diesem Teil Indiens beschrieben, aber offenbar sind deren Autoren nie selbst mitgefahren. Es ist eng wie in einem Gefangenentransport, überall sind Beine, überall sind Taschen und Koffer und Pakete und Säcke mit wasweißich, und bis zur Endstation Kalka sind es sechs Stunden Fahrzeit. Beziehungsweise: 19 Bahnhöfe. Bei jedem dieser Zwischenstopps stürmt ein Bataillon von Verkäufern den Zug und verscherbelt Chips und Kekse und anderes Knabberzeugs. Das wird dann alles aufgehappst, damit beim nächsten Stopp siebzehn Minuten später wieder neu eingekauft werden kann. Die Verpackung wird vorher aus dem offenen Fenster in die Landschaft geworfen. Würde man unseren Zug aus der Luft filmen, sähe er wahrscheinlich aus wie eine langsam zuckelnde Spielzeugeisenbahn, aus der ständig irgendwelches Konfetti fliegt.

Es gibt diesen Moment ja auf jeder Reise, diesen Augenblick, in dem man weiß: ok, das war es jetzt – beim nächsten Mal zwei Wochen pauschal auf Malle, bitte. Bei mir kommt dieser Moment in Kalka. Nach sechs Stunden im Zug, der so voll war, dass man nicht einmal die Beine ausstrecken konnte, in dem die eine Hälfte der Passagiere ins Handy brüllte und die andere Videos auf ihren Handys guckte. Und dann, am Bahnhof, die Auskunft: Es dauert mit dem Auto nach Rishikesh jetzt nochmals sechs Stunden. Vielleicht auch sieben. Aber keine Sorge, meint Harbans: Er habe schon im Hotel in Rishikesh angerufen, man werde mir ein Mitternachtessen zubereiten, “Potatoes” werde es geben! Sieben Stunden später sollten zwei kleine Beutelchen Kartoffelchips im Zimmer liegen. Aber das wusste ich in Kalka natürlich noch nicht.

Mitten in der Nacht an seinem Ziel anzukommen, kann natürlich auch seine Vorteile haben. Am nächsten Morgen zum Beispiel: Man zieht die Vorhänge zurück, und direkt unter einem fließt der Ganges. Der Ganges! Direkt unter dem Fenster! Überall stehen Leute aus der Nachbarschaft, die dem göttlichen Fluss einen Guten Morgen wünschen, indem sie sich sein Wasser über den Kopf schütten. Weiter unten am Fluss, in Varanasi, ist der Ganges so utopisch verdreckt, dass man die Zahlen kaum glauben kann: 10.000 mal mehr Bakterien als von der WHO akzeptiert schwimmen da in jedem Liter Wasser herum. Hier oben aber, schlappe 300 zumeist menschenleere Kilometer von seiner Quelle entfernt, ist Mutter Ganga klar und rein. Und eiskalt ist sie auch: Schon ein paar Spritzer auf den Kopf sorgen für Frösteln. Zum Glück kraxelt gerade die Sonne hinter den Gipfelschraten hervor.

Gangeswasser wäscht von Sünden frei, auch von denen aus den vergangenen Leben: An den Ufern des Flusses ist Indien noch einmal spiritueller als sonst. Halb Rishikesh scheint aus Ashrams zu bestehen, überall sind Sadhus unterwegs, heilige Männer, die dem weltlichen Leben entsagt haben für die Suche nach Erkenntnis und Erleuchtung. Ende der Sechziger Jahre hatten die Beatles davon erfahren und rückten zu Meditationsstunden an, und ihnen folgte ein Strom an Sinnsuchenden aus dem Westen, der bis heute anhält. Abends, wenn es dunkel wird in Rishikesh, kommen sie alle zum Ganges, um zu singen und kleine Palmblattschiffchen ins Wasser zu lassen, in denen Blüten liegen und eine Kerze brennt. Früher stand hier eine monströse Shiva-Statue, aber die hat vor ein paar Jahren ein schlimmes Hochwasser mitgerissen. Stattdessen hängt jetzt ein Banner über dem Ganges. “Peace for All!” steht da drauf.

Und dann fahren wir nach Haridvar, ein paar Kilometer flussabwärts. Hier verlässt der schäumende Ganges das Gebirge und wird zu einem Fluss der Ebenen, der von nun an gemächlich dem Meer entgegen trödelt. Haridvar gehört zu den sieben heiligen Städten Indiens und ist so etwas wie die Hardcore-Version von Rishikesh. Voller, lauter, verrückter, anstrengender, brutaler. In Haridvar kann man sich nicht verstecken, keine Minute kann man das. Millionen Bettler warten, ohne Beine, ohne Arme, ohne Augen, mit leprazerfressenen Nasen, Ohren, Fingerstummeln, dazu klagende Frauen, wimmernde Kinder und trillerpfeifende Platzanweiser beim abendlichen Aarti am Fluss. Und Kühe, die alles zukacken. Und Menschen, die in der Gosse frieren.

“Indien ist anstrengend, und manchmal ist Indien einfach zu viel. Und zu viele”, schreibe ich abends in mein Notizbuch. Vor allem ist Indien immer so ziemlich das Gegenteil von dem, was man von Indien erwartet.

Ein Schatten huscht über meine Füße: eine Spitzmaus, auf der Suche nach ein paar hinunter gefallenen Reiskörnern und Brotbröseln. Die Angestellten entdecken sie und bugsieren sie Richtung Ausgang, indem sie die Maus ganz sanft und geduldig mit den Schuhen anstupsen. Alles ist gut. Und bis Delhi sind es von hier keine 120 Kurven, wetten, Harbans?


INFOS

Wie komme ich am besten nach Nordindien? Zum Beispiel mit Air India (www.airindia.de) – die Airline fliegt täglich von Deutschland aus nach Delhi und weiter nach Chandigarh oder Amritsar; beide Städte eignen sich gut als Ausgangspunkt einer Reise durch das nördliche Indien.

Und wie reist man dann weiter? Indien ist anstrengend – und ein Reiseveranstalter kann einem da viel Mühe abnehmen. Der Indienspezialist Lotus Travel Service beispielsweise bietet mit der 13-tägigen Rundreise „Heritage of the North“ die Highlights der Region an. Die Reise beginnt und endet in Delhi und führt über Amritsar, Dharamsala, Pragpur und Shimla. Preis pro Person ab 1837 Euro inklusive Linienflug ab München oder Frankfurt.

Zu welcher Jahreszeit fliegt man denn da am besten hin? Hauptregenzeit sind die Monate Juli bis Oktober, in denen heftiger Monsun eine Reise beschwerlich machen kann. Alle anderen Monate sind gut geeignet. Im Frühjahr sind die Temperaturen meist sehr angenehm, außerdem blüht dann in den Foothills alles. Je nachdem, wie hoch man in die Berge fährt (Shimla liegt auf ca. 2400 Meter), kann es im Winter kräftig schneien; in tiefer gelegenen Regionen (Amristar, Rishikesh, Haridwar) ist es zu dieser Jahreszeit deutlich milder als bei uns.

Braucht man ein Visum? Ja. Man bekommt es entweder über seinen Reiseveranstalter oder bei der Botschaft bzw. den indischen Konsulaten in Deutschland (Infos unter www.indianembassy.de). Unter bestimmten Voraussetzungen soll es künftig möglich sein, ein spezielles Touristenvisum bei Ankunft in Indien („Tourist Visa on Arrival“) zu erhalten.

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