Auf der Märcheninsel

DänemarkAuf der Märcheninsel

Fünen ist grün und windzerzaust, mit verträumten Buchten und Stränden, mit gemütlichen Dörfern und kleinen Häfen – eine kunterbunte Urlaubstour über die viertgrößte Insel Dänemarks zur Mittsommer-Zeit Text & Fotos: Martina Sörensen

Fünen im Video:Wir nehmen Sie mit auf eine kleine Tour zur Sommersonnenwende

Es knistert, es prasselt, es knackt und es zischt. Irgendwo dort hinten wird ein mehrstrophiges Lied angestimmt, und Holzfeuer, Würstchen und Stockbrot verbreiten ihren verlockenden Duft. Ein paar Kinder jauchzen und krakeelen, als die Flammen Kurs auf die Papier-Hexe ganz oben auf dem Scheiterhaufen nehmen.

Es ist Juni auf Fünen, der viertgrößten Insel Dänemarks. Und wie jedes Jahr brennen nach der Sommersonnenwende die Feuer überall in den Dörfern und an den Stränden – ganz Dänemark steht in dieser Nacht sozusagen in Flammen.

In dieser Nacht steht ganz Dänemark in Flammen

Das Land genießt die hellste Zeit des Jahres, und die Nacht des 23. Juni ist eine besonders heiße dazu, denn da werden mit den Sankt-Hans-Feuern die bösen Geister gebannt. Die Abendsonne sendet lange Strahlen über die trägen Wellen der Ostsee. Ein weizenblonder Dreikäsehoch röstet in Ruhe sein Stockbrot über dem Feuer, es herrscht eine wunderbar entspannte Feierlaune hier am Strand von Hverringe.

Entspannung ist überhaupt ein gutes Stichwort: Selbst in der Hauptsaison verteilen sich die Urlauber so gut auf dem weitläufigen Fünen, dass viel Platz ist für alle und man nirgendwo ewig anstehen muss. Und so wird eine Rundtour über die Insel zu einer Entdeckungsreise mit Muße.

Ist irgendwo ein Boot mit mutigen Wikingern in Sicht?
Rüstungen, Möbel, Gemälde, Musikinstrumente, Porzellan und mehr dokumentieren die gut 400 Jahre alte Geschichte von Schloss Egeskov© Foto: Martina SörensenNostalgischer Hausrat:Rüstungen, Möbel, Gemälde, Musikinstrumente, Porzellan und mehr dokumentieren die gut 400 Jahre alte Geschichte von Schloss Egeskov

Im Südwesten auf der Halbinsel Helnäs zum Beispiel, die nur über einen schmalen Damm mit dem Rest der Insel verbunden ist, scheint man wie durch ein Zeitportal in eine andere, längst vergangene Welt zu gelangen. Wer dort über das wogende Strandgras, über die Steilklippen und Wiesen hinaus aufs Wasser schaut, kann sich leicht ein Wikingerschiff vorstellen, das mit rauen Nordmännern an Bord ans Ufer läuft. Ansonsten ist Helnäs aber ausgesprochen friedlich, bis auf ein Warnschild für Wildwechsel mitten im Dorf – da wird wohl schon das eine oder andere Mal ein Hirsch an einem Küchenfenster vorbeigeschlendert sein ...

So wunderbar grün, meer- und himmelsblau, fachwerk-bunt, kuschelig und windzerzaust Fünen meist anmutet, so opulent kann es bisweilen auch sein. Es gibt durchaus einige eindrucksvolle Herrschaftsanwesen, mit sorgsam gestalteten Parks, Gärten, Museen, Rittersälen und Irrgärten.

© Foto: Martina Sörensen
In kleinen, manchmal versteckt liegenden Fischräuchereien wie hier in Bogense wird fangfrischer Fisch zur Delikatesse veredelt© Foto: Martina SörensenGesund und lecker:In kleinen, manchmal versteckt liegenden Fischräuchereien wie hier in Bogense wird fangfrischer Fisch zur Delikatesse veredelt
Gesund und lecker:In kleinen, manchmal versteckt liegenden Fischräuchereien wie hier in Bogense wird fangfrischer Fisch zur Delikatesse veredelt
Dänemarks Märchen-Erzähler Hans Christian Andersen wurde auf Fünen geboren

Valdemars Slot auf Tåsinge etwa ist so ein Anwesen, oder das mehr als 400 Jahre alte Schloss Egeskov im Inselinneren, das definitiv ein Muss ist für Gartenfreunde, Mittelalter-Interessierte, Familien mit Kindern und Liebhaber heißer Öfen. Die einstige Festung, fertiggestellt im Jahr 1554, wurde für seinen prächtig herausgeputzten historischen Garten 2012 nicht nur mit dem European Garden Award ausgezeichnet, es zeigt außerdem eine beeindruckende Oldtimer- und Motorradsammlung, ein Museum für Feuerwehren, Kranken- und Rettungsfahrzeuge aus mehr als 100 Jahren und sogar eine alte Schmiede, in der noch heute angeheizt wird.

Weiter geht es an der Ostküste entlang, wir wollen einen Abstecher zur Nachbarinsel Seeland machen, zur besterhaltenen Wikingerringburg Dänemarks, der Trelleborg in Slagelse. Sie liegt nur einen Katzensprung hinter der beeindruckenden Großen Belt Brücke, die die beiden Inseln miteinander verbindet. Danach geht es weiter nach Roskilde ins Wikingerschiffsmuseum, wo historische maritime Exponate ausgestellt und u.a. frühgeschichtliche Boote gefertigt und rekonstruiert werden. Ein kleiner Stadtbummel, und dann zieht es uns zurück nach Fünen.

Eine kleine Hungerattacke? Kein Problem. Allerorten finden sich große und auch versteckte kleine Fischräuchereien, klare Sache bei einem Volk, das am Meer lebt. Man nehme frisch geräucherten Aal, ein knackiges Brötchen, rote Zwiebeln und Salatgarnitur, dann geht´s direkt ans Wasser an der nächsten Hafenmole – fertig ist das perfekte Fischsnack-Ambiente.

Es gelüstet uns mittlerweile nach einem erfrischenden Bad, und so holpern wir über schmale, einsame Wege ins verträumte Lundbarg. Eine weite Badebucht mit breitem Sandstrand, einem weit ins Wasser ragenden Pier, einem beschaulichen Yachthafen und einem urigen Packhaus erwartet uns, das Ganze weitab vielbesuchter Touristenziele. Theoretisch könnten wir alle fünf Minuten einen neuen Platz für unser Handtuch belegen, ohne jemandem in die Quere zu kommen. Sonne, Meer, warmer Wind auf der Haut – doch, wir machen uns einen richtig faulen Tag heute.

Wussten Sie eigentlich, dass Dänemarks weltberühmter Märchenerzähler, der auf Fünen geborene Hans Christian Andersen, stets mit einem gut geknüpften Seil auf Reisen ging? Er befürchtete immerzu einen Brand in seiner Unterkunft, mittels des neun Meter langen Flechtwerks gedachte er dann, aus dem Fenster zu flüchten. Solche und noch einige andere Kuriositäten zum Wundern und Schmunzeln präsentiert das wunderbar feinsinnig aufbereitete, multimediale Hans-Christian-Andersen-Museum in Fünens Hauptstadt Odense.

Natürlich treffen wir hier auch die Kleine Meerjungfrau, Vorbild für Kopenhagens Wahrzeichen. Und die Schneekönigin und die Prinzessin auf ihrer fürchterlich piekenden Erbse, das Hässliche Entlein, die Nachtigall und die Wilden Schwäne. Den standhaften Zinnsoldaten im roten Rock, der uns in seinem Zeitungspapierbötchen oben von einer dunkelblauen Mauerecke aus zublinzelt. Ein paar Schritte weiter zeigt das Kunstmuseum Fyn Werke dänischer Künstler des 19. und 20. Jahrhunderts. In weiten Sälen können die Bilder und Skulpturen ihre ganze Wirkung entfalten.

Es ist spät geworden nach dem Kulturtrip durch Odense. Und es sieht nach einem herrlichen, wolkenlosen Sonnenuntergang aus. Also wählen wir die Route Richtung Meer nach Bogense und treffen pünktlich zum Farben-Spektakel am Strand ein. Ein Bussard lässt sich während seiner Jagd den Bauch von der Abendröte wärmen, der Horizont ist betupft mit Wellen, Wimpeln und Strandgras, und die Aschehaufen der Sankt-Hans-Nacht rauchen schon längst nicht mehr. Wir werden gleich genüsslich den Rest vom Räucheraal verzehren. Und sind uns ganz sicher, dass es hier bis zum nächsten Jahr keine bösen Geister mehr gibt.

Die Lunten sind gelegt:

Dänemark vertreibt böse Mächte zur Mittsommerzeit mit brennenden Scheiterhaufen, hier am Strand von Hverringe
Dänemark vertreibt böse Mächte zur Mittsommerzeit mit brennenden Scheiterhaufen, hier am Strand von Hverringe© Foto: Martina SörensenDie Lunten sind gelegt:Dänemark vertreibt böse Mächte zur Mittsommerzeit mit brennenden Scheiterhaufen, hier am Strand von Hverringe
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