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Haga: Göteborgs urschwedisches Herz

Sie glänzen in knallrot, gold und gepunktet. Manche sind extravagant, andere bodenständig. Aber alle haben die gleiche Grundform. Holzschuhe. Die Regale des kleinen Ladens im Göteborger Kultviertel Haga sind vollgestopft mit Clogs. Eric, der vollbärtige Besitzer im Schwedenpullover, hat sie sogar an der Decke aufgehängt, um seinen Kunden möglichst viel Auswahl zu bieten. "Eigentlich sind das ganz einfache Schuhe. Die Konstruktion wurde von den Bauern erfunden. Ziel war es, schnell reinzuschlüpfen und sie selber herstellen zu können", erklärt Eric. Die Trätoffelfabrik gibt es nun schon seit knapp 90 Jahren. Eric hat sie 2015 übernommen. Zusammen mit seiner Tante, die im Hinterzimmer die Buchführung macht. Alle Holzschuhe hier sind handgemacht.

Mit "Pinkelschuhen" auf Erfolgskurs

Die Trätoffelfabrik verteidigt ihr Marktsegment seit Jahren hartnäckig gegen die übermächtige Konkurrenz aus Fernost. Natürlich kann Eric nicht mit deren Billigpreisen mithalten. Er setzt stattdessen auf das alte Rezept der Fabrik: Qualität. Und das mit Erfolg. Die Kunden lieben seine Clogs. Die Göteborger kaufen sie für den Einsatz im Garten der Sommerhäuser, die Touristen einfach, weil es schöne Originale sind. Eine ursprüngliche Funktion haben die Holzschuhe allerdings verloren: "Früher nannte man sie auch 'Pinkelschuhe' - damals hatte sie jeder, weil es in den Wohnungen noch keine Toiletten gab. Wenn man nachts rausmusste, schlüpfte man schnell in die Clogs, um über den Hof zum Klohäuschen zu kommen." Eric setzt in der Trättoffelfabrik auch auf Nachhaltigkeit. Mit den alten Maschinen, die im Laden stehen, repariert er die Schuhe, wenn sie mal kaputtgehen. Inzwischen verkauft die Trätoffelfabrik auch übers Internet, aber die Atmosphäre des kleinen Ladens kann man digital natürlich nicht kopieren.

Go local – mitten in der Großstadt

Haga war ein Arbeiterviertel und schafft gerade den Sprung in die Nachhaltigkeits- und Regionalitätsbewegung. Die Gegend mit ihren meist dreistöckigen, im Gouverneurstil gebauten Häusern, hat viele kleine, unabhängige Geschäfte, aber keine uniformen Filialen internationaler Modeketten oder Kaffee-Lounges. Um die Ecke betreibt ein Hutmacher seinen Laden. Und es gibt ein kleines Lebensmittelgeschäft mit der nachhaltigen Idee, den Einsatz gebrauchter Plastiktüten in Form von einem Preisrabatt zu belohnen. Das alles in idealer Lage – zentral in Göteborg gelegen, an die Innenstadt grenzend und nah am Wasser.

Die wahrscheinlich größte Zimtschnecke der Welt

Die kulinarische Versorgung liegt hier ohnehin fest in schwedischer Hand. Göteborg ist eine Hochburg der Fika – der typisch schwedischen Kultur des gemeinsamen Kaffeetrinkens. Irgendwann nachmittags sitzen alle zusammen, in der Familie, am Arbeitsplatz oder im Café und machen Fika. Miteinander reden, sich für ein paar Minuten zurücklehnen, den Augenblick als Pause genießen. Das gehört einfach dazu. Was man zum Kaffee isst, bleibt jedem selbst überlassen. Aber hier in Haga liegt ein Gebäck besonders nah: Hagabullar, die leckeren Zimtschnecken, die es überall in Schweden gibt und die anderorts Kanelbullar heißen. In ihrer Form als Hagabullar sind sie aber extra groß. Im Café Husaren in Haga gibt es die größten. Deshalb und wegen des ausgezeichneten Geschmacks pilgern viele Fika-Fans hierher und manch einer lässt sich an der einladenden Kuchentheke zusätzlich von weiteren Spezialitäten überzeugen.

Spa der Arbeit

Ein paar Häuser weiter kann man die Kalorien beim Schwimmen und Saunieren wieder abtrainieren. Das "Hagabadet" in Haga ist 140 Jahre alt und heute ein recht edles Spa mit rund 3.000 Mitgliedern. Außen und innen wurde alles originalgetreu restauriert – auch die Anmutung von römischen Badehäusern, die die Bauherren im 19. Jahrhundert aus ihrer eigenen Vorzeit kopiert hatten. Gegründet wurde das Hagabadet von einer Stiftung, um die öffentliche Hygiene zu fördern. Jeder konnte damals kommen, um sich zu säubern. Aber einen kleinen Unterschied zwischen den Klassen gab es dann doch: das Haus hatte zwei Eingänge. Einen für die Arbeiter, einen für die Bessergestellten. Auch das Hagabadet erinnert also an die Arbeitertradition des Haga-Viertels und den gesellschaftlichen Wandel, der sich in 140 Jahren vollzogen hat. Aufmerksame Spurensuche ist in Göteborgs erster Vorstadt Haga besonders spannend.

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In vier Episoden zeigt der schwedische Starkoch Tareq Taylor, wie lecker seine Heimat ist.
Ausstrahlungstermine: 25.02., 04.03., 11.03. und 18.03.2018, jeweils um 18.15 Uhr auf MARCO POLO TV.

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