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Halligen

Check-in

Du sitzt bei hochsommerlichem Dunst auf dem Wyker Sandwall, oder stehst bei diesigem Herbstwetter auf der Dagebüller Mole. Du schaust aufs Meer – wohin auch sonst – und siehst Häuser, die mitten im Wasser stehen!? Keine Sorge, du halluzinierst nicht. Denn ein bisschen stimmt dein Eindruck sogar.

Sehenswürdigkeiten

Wanderer geraten bei Nennung der "Hamburger Hallig" ins Schwärmen. Die Entfernung vom Festland sei genau die richtige Distanz für einen Fußmarsch über den Damm. Zwei Hamburger Kaufleute kauften im…

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Auftakt

Die Häuser stehen auf Marschflächen, die sich gerade so weit über den Meeresspiegel erheben, dass sie bei normaler Flut nicht überschwemmt werden. Läuft die Flut allerdings höher als normal auf, ist „Land unter“ auf den nur von niedrigen Sommerdeichen oder Steinwällen geschützten Marschflächen – den Halligen. Hallig bedeutet nichts anderes als „niedriges, trockenes Land“. Damit die Häuser und Höfe nicht ebenfalls überflutet werden, stehen sie auf aufgeschütteten Hügeln, den Warften. Bei stark auflaufendem Wasser oder gar Sturmflut ist dann jede Warft eine kleine Welt für sich. Im Frühjahr und Herbst gehört Hochwasser mehr oder weniger zum Alltag, im Sommer werden die Halligen kaum mal überflutet.

Die Halligen sind faszinierende kleine Welten mitten im Wattenmeer: Es gibt heute noch elf solcher Eilande, acht von ihnen sind aus Schlickablagerungen entstanden, die die fürchterliche Marcellusflut von 1362 hinterließ. Nur Nordstrandischmoor und die Hamburger Hallig sind – wie die Inseln Nordstrand und Pellworm – Reste der Insel Strand, die die Burchardiflut 1634 in Stücke schlug. All diese Halligen sind etwas ganz Einzigartiges, und sie haben darüber hinaus eine wichtige Funktion: Sie dienen zusammen mit den Dämmen zum Festland wie z. B. bei Oland und Langeneß dem Schutz der Festlandküste, fungieren als eine Art Wellenbrecher. Man wird sehen, wie lange sie dieser unfreiwilligen Aufgabe noch gewachsen sein werden, weil es – Stichwort Klimawandel – auch in Nordfriesland immer wärmer und noch windiger wird und der Meeresspiegel weiter steigt …

Wenn du nun trotz dieser dramatischen Schilderungen Lust hast, dir das Naturerlebnis eines Halligbesuchs mal anzutun, lass dein Auto an den Fährhäfen Schlüttsiel oder Dagebüll stehen: Als Tagesgast brauchst du keins, und ansonsten holt dich dein Vermieter selbstverständlich am Fähranleger ab.

Ein bisschen „Hallighistorie“ zum Einstieg kann nicht schaden: Strom und (Süß-)Wasser gibt es erst seit den 1950er- bis 1970er-Jahren. Geheizt wurde zuvor mit Ditten, Briketts aus getrocknetem und gestampftem Kuhmist. Getrunken wurde Regenwasser, das in einem Brunnen gesammelt wurde, dem Sood. Das Vieh wurde mit Regenwasser aus einem Fething versorgt, Teichen, von denen auch heute noch etliche existieren. Problem dabei: Wurden bei schweren Sturmfluten die Warften überspült, war das Wasser ungenießbar, weil versalzen. Und vielleicht wären die Halligen heute unbewohnt, hätte man nicht nach der verheerenden Sturmflut von 1962, die viele Gebäude zerstörte oder unbewohnbar machte, die Häuser flutsicher gemacht, sie mit einem Schutzraum ausgestattet, der auf vier Betonpfeilern ruht, die 4 m tief im Boden verankert sind. Und so gibt es seit den 1970er-Jahren auf sieben Halligen auch Tourismus: Zu den etwa 250 – übrigens außerordentlich gastfreundlichen – Halligbewohnern, die auf derzeit 38 Warften leben, kommen im Sommer neben Tagesgästen auch reichlich Urlauber. Menschen, die das ewige Rauschen des Meeres fasziniert, die Wolkenbilder über dem weiten Horizont, die wirklich noch dunklen Nächte und die Stille. Immer mehr von ihnen kommen auch außerhalb der Hochsaison, also im Herbst, Winter oder Frühjahr, und nehmen in Kauf, dass sie wegen „Land unter“ nicht zum geplanten Termin wieder abreisen können – und freuen sich darüber. Wer in solchen Fällen dann doch aufs Festland muss, hat entweder einen Bootsführerschein oder einen guten Draht zum Halligpostboten … Auf die Halligleute ist ohnehin Verlass, sie haben sich natürlich so bevorratet, dass sie wochenlang ohne Nachschub auskommen können. halligen.de

Neben den vier im Folgenden genauer beschriebenen Halligen gibt es noch sieben weitere, von denen nicht alle ganzjährig bewohnt sind: Die kleinste ist Habel, hier wird das einzige Gebäude nur im Sommer von einem Vogelwart genutzt. Auf Südfall und Norderoog ist es genauso. Gänzlich unbewohnt ist das erst 1999 entstandene, 15 ha große Norderoogsand, es werden aber ab Pellworm in kleinem Rahmen Schiffstouren auf das streng geschützte Inselchen angeboten. Ansonsten sorgen Naturschutzvereine mit freiwilligen Helfern für die Erhaltung dieser kleinen Bollwerke gegen den „Blanken Hans“, wie man an der Küste die Nordsee nennt, wenn sie stürmisch wird.

Die 100 ha große Hamburger Hallig ist ebenfalls Natur- und Vogelschutzgebiet und erreichbar nur im Sommer über einen Damm (5 Euro Maut für PKW). Aber hier ist mehr los: Erik Brack, zuvor u. a. Küchenchef auf der MS Deutschland, zaubert mit regionalen Produkten Gerichte der geerdeten Spitzengastronomie im Hallig-Krog (April–Okt. tgl. ab 11 Uhr, Jan.–März bei schönem Wetter | Tel. 04671 94 27 88 | hallig-krog.de | €€). Die über Deichgräsern geräucherten Koteletts vom Halliglamm z. B. sind ein Gedicht!

Zum von einer Familie gepachteten und bewohnten Süderoog werden von Pellworm aus Wattwanderungen organisiert. Nach Nordstrandischmoor (nordseetourismus.de/nordstrandischmoor) mit seinen vier Warften, 27 Einwohnern, einem Gasthof und fünf Ferienwohnungen starten Ausflugsdampfer und Wattwanderungen von Nordstrand aus. Das Watt vor dieser Hallig könnte sich zu einem Highlight für Archäologen entwickeln: 2016 fanden Spaziergänger hier ein etwa 10 000 Jahre altes steinzeitliches Beil. Mal sehen, was das Meer noch so alles freigibt …

Fakten

Strom 230 V, 50 Hz
Reisepass / Visum nicht notwendig
Ortszeit 21:51 Uhr

Anreise

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