Lettland Riga: die schöne Unbekannte

Hand auf's Herz: Wer kennt Riga? Ein paar Architekten, die für den Jugendstil schwärmen, ist die alte Hansestadt vielleicht ein Begriff, dann wird’s schon dünn. Dabei ist Riga nicht nur die Hauptstadt und das Schmuckstück Lettlands, sondern trägt 2014 auch den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“. Eine ambitionierte Kulturszene tut das Übrige, um Besucher aus aller Welt in überraschtes Entzücken zu versetzen – lange wird Riga seinen Status als Geheimtipp also nicht halten können ...

Riga: Kulturhauptstadt 2014 und UNESCO-Weltkulturerbe | © IgorSPb, iStock

Europäische Kulturhauptstadt 2014

Rigas historische Altstadt zählt seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe: Mittelalterliche Baukunst, Holzarchitektur aus dem 19. Jahrhundert und eklektische Jugendstilbauten geben sich dort ein Stelldichein. Besonders Letztere tragen zum prächtigen Stadtbild Rigas bei: Mehr als 800 Häuser in der Rigaer Innenstadt sind als Jugendstilbauten klassifiziert, was Riga in eine Reihe stellt mit Wien und Barcelona. Trotzdem scheint er hier viel eindrücklicher, denn der dekorative Jugendstil mit seinen nackten Frauenfiguren, hämischen Fratzen und allerlei üppigen Verzierungen dominiert über dem national-romantischen und dem lotrechten Stil. In der Alberta iela, der Elizabetes iela und der Vilandes iela findet man die schönsten Beispiele für Art Nouveau à la Zuckerbäcker.

Von der Hansestadt zur baltischen Metropole

Die Geschichte ist in Riga erstaunlich präsent, denn erst seit 1990 ist Lettland wieder unabhängig. In dieser kurzen Zeit hat sich die 400 Jahre lang fremdregierte Stadt zur sprudelnden und lebensfrohen Metropole des Baltikums entwickelt. Beileibe keine Selbstverständlichkeit, denn das lettische Selbstbewusstsein hatte über die Jahre schwer zu leiden: Auf die polnische Übernahme 1581 folgte 1621 die schwedische. 1710 fiel Riga an Russland, 1917 wurde es von den Deutschen eingenommen. In den Jahren 1918 bis 1939 existierte ein unabhängiges Lettland, bevor es 1939 mit dem Hitler-Stalin-Pakt der Sowjetunion zugeschlagen wurde. 1941 marschierten wieder die Deutschen ein, 1944 fiel Riga wieder zurück an die Sowjetunion. 1989 demonstrierte eine rund 600 Kilometer lange geschlossene Menschenkette singend gegen die unfreiwillige Besetzung, die 1990 endlich in der Unabhängigkeitserklärung gipfelt. Noch einmal, 1991, musste Riga sowjetischen Angriffen standhalten, bevor auch diese Lettland schließlich als eigenständigen Staat anerkannten.

Stadtleben in Riga

Doch von dieser schweren Zeit merkt man als Besucher der weltoffenen Stadt nichts mehr. Gerade in den Sommermonaten, wenn die Tage lang und die Nächte kurz sind, wird in den Straßencafés, den unzähligen Bars und Kneipen stilvoll entspannt, fröhlich gefeiert und urban philosophiert. Aber selbst in der kalten Jahreszeit laden originelle Restaurants – üppig ausgestatteten Wohnzimmern nicht unähnlich – auf eine ebenso originelle Mahlzeit ein. Auch die unzähligen Konditoreien fallen ins Auge, die an Großmutters Puppenstube erinnern. Dazu noch enge Gässchen, Kopfsteinpflaster und historische Fassaden – fertig ist die perfekte Kulisse.

Sehenswürdigkeiten und Highlights

Wie heißen aber nun die Highlights, die man unbedingt besichtigt haben soll? Anbei unsere Liste mit persönlichen Favoriten:

Jugendstil: Rigas prominentester Jugendstil-Architekt Michail Eisenstein hat mit seinen phantasievollen Bauten einen großartigen lettischen Kulturschatz geschaffen, auf den man zu Recht stolz ist. Doch auch Vertreter wie Konstantins Pekšens und Eižens Laube traten mit ihren Entwürfen dafür ein, Kunst und Leben wieder mehr zu verbinden. Davon zeugen nicht nur malerische Fassaden, sondern auch Innenräume bis hin zum Geschirr und Besteck. Ein eindrückliches Beispiel liefert hier das Jugendstil-Museum in der mit Art-Nouveau-Fassaden ebenfalls reich bestückten Alberta iela (Nr. 12, Eingang über Strelnieku iela). Allein der dekorative Treppenaufgang lohnt einen Blick in das Gebäude.

Museen: Neben dem Jugendstil-Museum gehört eigentlich auch das Lettische Okkupationsmuseum zum Pflichtprogramm in Riga, um die Geschichte und das Selbstverständnis Lettlands begreifen zu können. Viel kurzweiliger aufbereitet ist allerdings der täglich in Englisch vorgeführte Film „Riga Story“, der ebenfalls die Geschichte Rigas zum Thema hat und außerdem in den pompösen Räumlichkeiten des „Splendid Palace“ gezeigt wird.

Kino: Ein Besuch des „Splendid Palace“ in der Elizabetes iela 61 lohnt allein wegen der prunkvollen Ausstattung. Touristen mit ausreichend Englischkenntnissen können sich neben der „Riga Story“ aber auch sämtliche Filme – im Originalton mit Untertiteln – des Programmkinos zu Gemüte führen.

Aussicht: Der Turm der Petrikirche ist das höchste Bauwerk der Altstadt und bietet einen dementsprechend guten Rundumblick. Wer den Wucherpreis von derzeit 7 Euro nicht dafür hinlegen will, kann auch im 26. Stock des Radisson-Blu-Hotels einen Cocktail einnehmen. Noch billiger gibt’s das Panorama auf touristinfoline.com, wo die Altstadt Rigas virtuell besichtigt werden kann.

Kunst: Nachdem das Hauptgebäude des Lettischen Nationalen Kunstmuseums bis 2015 geschlossen ist, wende man sich gleich an die Ausstellungen im Arsenal (Torna iela 1), das sich auf zeitgenössische lettische Künstler spezialisiert hat. Noch jünger und experimenteller ist die Kunst im kim?, das in der avantgardistischen Speicherstadt seine Heimat hat.

Restaurants/Cafés: Wahre Künstler sind die Letten bei der Inneneinrichtung ihrer Cafés und Restaurants. Besonders zu empfehlen sind darunter das Art Café Sienna – ein Wohnzimmer für Kunstliebhaber –, das Fazenda für schmackhafte Gerichte in einem der vielen Gästezimmer, das  ganz neue und so originell wie gemütliche Garten-Restaurant Darzs, das Apsara Tea House zum Relaxen mit Aussicht und die Galerija Istaba, wo der Koch spontan aus frischen Zutaten ein Menü zaubert (Links siehe unten).

Beeindruckende Gebäude: Hier fällt es sehr schwer, neben den Jugendstil-Gebäuden Favoriten auszumachen. Als Wahrzeichen Rigas kann das Schwarzhäupterhaus gelten, das erst 1999 wieder originalgetreu errichtet worden ist. Die Christi-Geburt-Kathedrale ist sowohl von außen als auch im Inneren sehr eindrucksvoll. Und die Lettische Nationaloper besticht durch ein prächtiges neoklassizistisches Gebäude. Die Akademie der Wissenschaften ähnelt stark den „Stalin-Kathedralen“ in Moskau, ist durch seine Höhe von 108 Metern aber sehr präsent im Stadtbild und bietet eine weitere Option, Riga aus der Vogelperspektive zu sehen. Eine beeindruckende Schrägseilbrücke, die Vanšu-Brücke, führt zum anderen Ufer der Daugava (Düna). Dort befindet sich auch der umstrittene Neubau der Lettischen Nationalbibliothek, der nichtsdestotrotz imposant und gleichzeitig elegant ist. Ab Mitte 2014 steht das „Schloss des Lichts“ Besuchern offen. Der Name leitet sich übrigens ab aus einer Legende, derzufolge sich ein versunkenes Lichtschloss aus dem Fluss erheben wird, sobald Lettland seine endgültige Unabhängigkeit erlangt hat. Der Stolz auf die Unabhängigkeit manifestiert sich am sichtbarsten im Freiheitsdenkmal – Milda, die drei goldene Sterne in die Höhe hält –, die von Ehrenamtlichen symbolisch bewacht wird.

Weitere Annehmlichkeiten

Ganz abgesehen von der Ästhetik des Stadtbilds und dem kulturellen Angebot macht es Riga seinen Besuchern sehr leicht, die Stadt zu erkunden. Das Zentrum ist kompakt und übersichtlich, und man gelangt zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten zu Fuß. Die jüngeren Bewohner sprechen oft sehr gutes Englisch, manche sogar Deutsch; auch in Restaurants und Cafés ist man auf ausländische Gäste eingestellt. Und wenn die Speisekarte mal nur in Lettisch vorliegt, gibt es immer einen netten Kellner, der einem beim Aussuchen behilflich ist.

Auch WLAN ist fast überall selbstverständlich und frei zugänglich. Sogar im Stadtpark kann man sich mit dem Laptop auf die Bank setzen, um zu surfen. Nicht zuletzt ist es für die meisten Gäste ganz praktisch, dass Lettland am 1. Januar 2014 den Euro eingeführt hat. Das erspart einem das Rechnen und lässt einen staunen: Für nur 60 Cent kommt man mit dem Bus vom Flughafen in die Stadt – welche europäische Hauptstadt kann da mithalten?

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von Solveig Michelsen

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