Marco Polo Magazin
Österreich · 26.08.2020

Grün unterwegs

Öffentlich in die Berge – wie praktikabel ist das?

Eine Bergtour mit öffentlicher Anreise – lässt sich das wirklich bequem umsetzen? Fest steht: Die Auswahl an Touren ist damit eingeschränkt. Dafür gewinnt man an anderer Stelle. In Zug und Bus ist Entspannung angesagt, während viele Autofahrer im Stau stehen, besonders am Wochenende. Das gute grüne Gewissen setzt dem noch einen oben drauf. Wir haben's ausprobiert.

Auch das Rad kann im Zug mitgenommen werden.Auch das Rad kann im Zug mitgenommen werden. | © Solveig Michelsen

Gründe für eine öffentliche Anreise in die Berge gäbe es genug: Nicht im Stau stehen. Entspannt ankommen. Der Umwelt zuliebe. Oder eine Überschreitung machen. Und dann kommen die Einwände: Rechtzeitige Planung nötig. Wenig Flexibilität, was die Zeiten angeht. Unter Umständen längere Anreise. Ist da was dran an den Argumenten? Oder sind das nur bequeme Ausreden, um sich nicht auf ein „Abenteuer“ einlassen zu müssen, das doch als Micro-Adventure gerade „in“ sein müsste? Wir haben es ausprobiert und sind per Zug und Bike zur Birkkarspitze gefahren.

Bike & Hike auf die Birkkarspitze

Die Birkkarspitze ist mit 2749 Metern der höchste Gipfel des Karwendels. Und nicht ganz billig zu haben: Eine 18 Kilometer lange Forststraße, zahlreiche Höhenmeter inklusive, muss erst bewältig werden, bevor es vom Karwendelhaus zügig gen Gipfel geht. Eine ideale Bike&Hike-Tour also, die durch eine Hüttenübernachtung den nötigen Gemütlichkeitsfaktor bekommt.

Doch gestartet wird erst einmal per Zug nach Scharnitz, dem kleinen Grenzort, der gerade schon in Österreich liegt. Auch das trägt zur Entspannung bei, besonders wenn man nach Eschenlohe am Autobahnend-Stau vorbeifährt und den Autofahrern beim genervten Gestikulieren zusehen kann. Ohne Umsteigen ab München kommen wir in Scharnitz an. Ab hier geht es per Mountainbike weiter. Entweder auf einem selbst mitgebrachten oder – wer es noch bequemer haben möchte – einem vor Ort geliehenen. Auch E-Bikes gibt es hier (Adressen und Preise siehe unten) und machen aus der alpinen Unternehmung fast eine Kaffeefahrt. Oder auch eine Tagestour, wer sich beeilt.

Die Fahrt am Karwendelbach entlang, einem späteren Zufluss der Isar, ist abwechslungsreich und eindrücklich. Zahlreiche Vergleiche mit Kanada wurden schon gezogen. Wir meinen: Das kann man gelten lassen. Nach gemütlichen zwei Stunden mit dem E-Bike oder etwas länger und muskelintensiver mit dem Bio-Bike landet man am Hochalmsattel, der vom steinernen Karwendelhaus gekrönt wird. Wie eine Trutzburg blickt die bereits 1908 erbaute Hütte übers lange Karwendeltal und lädt dazu ein, die ersten 800 bewältigten Höhenmeter zu begießen.

Die alte, holzgetäfelte Hütte ist an sich schon eine Übernachtung wert, aber auch die Stimmungen zu Sonnenuntergang, am frühen Morgen oder gar bei einem Sommergewitter lohnen einen längeren Aufenthalt. So lässt es sich ausgeschlafen auf die eigentliche Bergtour gehen, denn nun warten weitere 1000 Höhenmeter in feinstem Karwendel-Brösel. Das Gebirge ist nun einmal bekannt für seinen nicht ganz festen Fels, seine Schotterreißen und Murenkegel. Hier kann man den Zahn der Zeit sprichwörtlich sehen und muss damit auch behutsam umgehen: Steine lostreten kann für nachkommende Bergsteiger äußerst unangenehm werden.

Doch die Rundumschau am höchsten Karwendelgipfel entlohnt für alle Mühen: Das ganze Karwendel ist im Blick (übrigens Naturpark des Jahres 2020), dazu eine Weitsicht bis in die Ötztaler Alpen und die Hohen Tauern hinein. Auch hinunter ist noch einmal Konzentration gefragt. Stahlseile helfen über die exponiertesten Stellen hinweg, und die Wegführung verlangt den erfahrenen und trittsicheren Bergsteiger. Nach einer Stärkung im Karwendelhaus freut sich der Radler über einen schwungvollen Abschluss der Tour: Rund eine Stunde rollt oder rast man nun bergab nach Scharnitz. Ein Blick auf die Zugverbindungen (15:28, 16:16 und 17:28 Uhr) erlaubt noch einen letzten Kaffee, bevor man entspannt nach Hause zurücktransportiert wird.

Infos zu Fahrradmiete, Bahntickets und Fahrradkarten

Wer kein eigenes Fahrrad besitzt, sich die Mitnahme im Zug sparen möchte oder mal ein E-Bike testen will, kann sich in Scharnitz eines ausleihen an den folgenden Stationen:

Auch Sport Norz in Seefeld hat E-Bikes und normale MTBs im Angebot (35 bzw. 20 Euro/Tag): www.seefeld.com/a-sport-norz-seefeld

Ladestationen gibt es am Ausgangspunkt am Naturpark-Infozentrum Karwendel und am Karwendelhaus.

Für die beschriebene Tour ab München am günstigsten ist das Regio-Ticket Werdenfels plus Innsbruck für 27 Euro für die erste Person. Bis zu drei Kinder bis 14 Jahre fahren kostenlos mit, kleinere Kinder sowieso. Bis zu vier erwachsene Mitfahrer zahlen einen Aufpreis von jeweils 12 Euro. Es gilt den ganzen Tag bis 3.00 Uhr morgens des Folgetags.

Eine Fahrrad-Tageskarte für ganz Bayern kostet im Nahverkehr 6 Euro. Räder bis 20 Zoll werden kostenfrei befördert. Auch wenn die Eltern/Großeltern eine Tageskarte für ihr Rad besitzen, fahren die Kinderräder der bis zu 14-Jährigen kostenlos mit.

Ebenfalls interessant für viele Touren ist das Bayern-Ticket für 25 Euro (plus 7 Euro pro Mitfahrer).

Weitere Bergtouren mit Bahn und Bus

Alle von München mögliche Bergtouren aufzuzählen, die öffentlich bequem erreichbar sind, würde den Rahmen sprengen. Nur so viel: Es sind eine Menge! Wer Appetit bekommen hat, kann sich zum Beispiel an einer Überschreitung der Neureuth probieren (rund 4 Std. ab Tegernsee bis Schliersee), den kecken und durchaus anspruchsvollen Kofel von Oberammergau aus angehen (rund 1,5 Stunden bergauf) oder von der Höllentalangerhütte die Zugspitze bewundern (gute 2 Std.).

Etliche übersichtliche Tourentipps inklusive Bergsteigerbus gibt es online bei der Sektion München-Oberland, aufgeteilt nach verschiedenen Regionen:

www.alpenverein-muenchen-oberland.de/bergundbahn

Als gedruckte Ausgabe alias Buch sind weitere Tipps zum Beispiel hier versammelt:

„Mit Bahn und Bus in die Münchner Berge: 53 Touren zwischen Füssen und Berchtesgaden“ Rother Verlag, 2019.

„Mit Bus und Bahn in die Berge. 60 Wanderungen in den Bayerischen Hausbergen“, J. Berg Verlag 2019.  

„Gebirgszüge: mit Bahn und Bus in die Münchner Hausberge“, Panico Verlag, 2008.

» Stoneman Miriquidi: MTB-Runde für Anfänger und Könner

» Wandern am Wasser

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von Solveig Michelsen

Die Reportage wurde unterstützt vom Tourismusverband Seefeld.

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