Marokko Marrakesch: Stadt der orientalischen Kapriolen

Zwei Orte springen einem sofort ins Gedächtnis, denkt man an Marrakesch: Der eine ist der Djemaa el-Fna, der Platz der Gehängten, der als Mittelpunkt alles Stadtlebens Marrakesch in geballter Form wiedergibt. Der andere sind die Souks, die sich weit ausdehnenden Märkte in dem bunten bis dunklen Gassengewirr, in dem man sich unweigerlich verläuft, das aber am Ende immer wieder hinausführt: auf den Djemaa el-Fna.

Morgenstimmung am Djemaa el-Fna in Marrakesch | © narvikk, iStock

Noch vor zwei Tagen ist die Berbergruppe in Djellabah und Turban in den Bergen des Atlas unterwegs gewesen. Nun hat sie die traditionellen Gewänder gegen Blue Jeans und saloppe Lederjacken vertauscht und begibt sich auf Verwandtschaftssuche, macht die Marktstände der Cousins ausfindig. Familie ist wichtig hier, auf sie ist Verlass. Alle anderen wollen Geschäfte machen, mal mehr, mal weniger gerissen. Das sorgt oft für einen kurzen Kulturschock nach der Ankunft – bis man begriffen hat, dass es eigentlich ein freundlicher Sport ist, das Handeln und Feilschen. Schnell überwiegt das Amüsement über die plumpen bis raffinierten Versuche, den Besuchern etwas schmackhaft zu machen: die Babusch-Schuhe, das Hütchenspiel oder lebende Vögel. Nur selten, an den touristischsten Punkten, sind sie wirklich dreist. Sonst wird eine unsichtbare Grenze respektiert, und das Verkaufsgespräch kann auch freundschaftlich werden.

Trotzdem: Gauner, Touristen, Händler, Betrüger und Marktschreier – es gibt sie alle, und alle teilen sich den Platz der größten Aufmerksamkeit, an dem man abgelenkt wird, wie sonst nirgendwo: den Platz der Gehängten, an dem früher angeblich die Köpfe der Hingerichteten zur Schau gestellt wurden. Heute sind es Schlangenbeschwörer, Trickspieler, Akrobaten und Musiker, die dem quirligen Platz pralles Leben einhauchen. Auch fürs leibliche Wohl ist bis in die frühen Morgenstunden gesorgt. Dann sind Araber und Berber unter sich – die Touristen haben nach einem ermüdenden Stadtbummel längst ihre Hotelbetten bezogen – und ein zweites Marrakesch erwacht, wie man es unter Tags kaum zu Gesicht bekommt: Nachts um zwei werden hier gebrauchte Schuhe versteigert, ein Comic-Verkäufer breitet seine Hefte auf dem Pflasterboden aus, und einige alte Männer scharen sich eng um einen Vorleser. Die Anzahl der Menschen hat sich halbiert, und trotzdem ist das Leben in vollem Gange. Nur früh morgens scheint sich die Stadt verschlafen die Augen zu reiben, bevor das bunte Treiben wieder beginnt.

Wer genug hat von den vielfältigen Eindrücken der Souks, dem Gerüche- und Geräuschegewirr, kann sich in einen der Riads zurückziehen, oft üppig begrünte Innenhöfe, die mitten in der Stadt mit absoluter Ruhe überraschen. Hier tut sich eine wahre Parallelwelt auf hinter den bescheidenen Fassaden, die nach außen hin keinerlei Hinweis geben auf den wahren Luxus in ihrem Inneren. Prachtvolle Fliesen zwischen Palmen, Mosaikornamentik unter feinstem Teegeschirr, zart duftende Rosenblüten in lieblich plätschernden Springbrunnen und dezente bis erleuchtende Gaumenfreuden in geschmackvollem Ambiente – hier wird der Paradies-Begriff neu definiert. Vielen Cafés, Restaurants und Hotels gelingt es mit erstaunlicher Stilsicherheit, Örtlichkeiten wie aus 1001 Nacht zu erschaffen, von denen der Reisende zu Hause dann nur noch schwärmerisch stammelnd zu erzählen weiß.

Eine weitere Oase befindet sich etwa drei Kilometer außerhalb der Stadtmauern Marrakeschs: die Menara-Gärten, die im 19. Jahrhundert als Obst- und Olivenplantagen angelegt wurden und heute kostenlos besucht werden können. Viele kommen allein wegen des Fotomotivs hierher: In dem Bewässerungsbecken spiegeln sich im Winter die schneebedeckten Hänge der Atlas-Berge. Wesentlich üppiger präsentiert sich der Jardin Majorelle in der Neustadt Marrakeschs, der von einem französischen Maler angelegt und später von dem französischen Modedesigner Yves Saint-Laurent gekauft wurde und mit Pflanzen aus allen fünf Kontinenten bestückt ist, vor allem vielfältige Kakteen.

Auch kulturell hat Marrakesch einiges zu bieten. Wer auf der Suche nach Kunstschätzen ist, sollte einen Abstecher ins Musée de Marrakech machen. Allein das Gebäude, ein außergewöhnlicher Palast aus dem 19. Jahrhundert, ist eine Besichtigung wert. Mit einem Kombiticket kommt man gleich noch in die benachbarte Medersa Ben Youssef, eine prächtige Koranschule aus dem 14. Jahrhundert und damit eines der ältesten Gebäude in Marrakesch. Der Carrara-Marmor, mit dem der Boden des großen Patio gedeckt ist, wurde damals übrigens nach gleichem Gewicht gegen Zucker eingetauscht!

Als Wahrzeichen Marrakeschs gilt das Minarett der Koutoubia-Moschee aus dem späten 12. Jahrhundert, ein Paradebeispiel maurischer Ornamentik und Vorbild für fast alle anderen Minarette in Marokko – und weit darüber hinaus. Wer der Architektur nichts abzugewinnen weiß, kann sich die Wirkung des Minaretts auch über ein anderes Sinnesorgan zu Gemüte führen: die Ohren. Denn fünf Mal am Tag ruft der Muezzin von dort zum Gebet. Sein „Allahuabkbar“ („Gott ist groß“) schallt dann weit über die Stadt und lässt die Zeit für einen Moment still stehen, wenn Muslime andächtig verharren und auch Nichtmuslime der Schönheit der kraftvollen Worte lauschen.

 

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von Solveig Michelsen

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