Second Cities Lyon – Frankreichs Überraschung

Lyon kann sich diverser Titel schmücken – einst Rosenhauptstadt im 19. Jahrhundert, seit 2019 „Capital of Smart Tourism“ und erste „Cité de la Gastronomie“. Doch das alles fängt nicht den Charme dieser quicklebendigen und an Überraschungen reichen Stadt mit den zwei Flüssen ein. Hier heißt es: Genuss mit allen Sinnen.

Der „orange Würfel“ im neuen Confluence-Viertel | © Brice Robert, ONLYLYON

Obwohl Lyon nach Paris und Marseille die drittgrößte Stadt Frankreichs ist, bekommt sie nur einen Bruchteil der Besucher ab. In Zeiten von Overtourism sind das beglückende Nachrichten für den interessierten Gast, der mit Sicherheit nicht enttäuscht werden wird. Zu verdanken hat er das einem umsichtigen Tourismuskonzept, für das Lyon 2019 zusammen mit Helsinki als erste „EU Capital of Smart Tourism“ ausgezeichnet wurde. „Smart“ heißt hier nicht nur digital und zukunftsweisend, sondern einfach zu bereisen, auch für Menschen mit Einschränkungen, nachhaltig und auf behutsame Weise Besucher und Einwohner einander näherbringend. So kommt es, dass man nicht in der klassischen Touristen-Rolle landet bei einem Besuch Lyons, sondern sich in der eines willkommenen Gastes wiederfindet – oder gar der eines  Anwohners, der seine Stadt durchstreunt. Und da gibt es beileibe einiges zu entdecken.

Zunächst einmal: Lyon ist eine sehr alte Stadt. Schon 43 Jahre vor Christi Geburt beschlossen die Römer, hier die Hauptstadt Galliens zu errichten. Später florierte sie dank der erfolgreichen Seidenweberei und aufgrund ihrer strategisch günstigen Lage von einem umtriebigen Handel. Davon zeugt eine prächtige Altstadt, die neben vielen sehenswerten Gebäuden (u.a. die Kathedrale Saint-Jean mit prächtiger Aussicht bis hin zum Mont Blanc, die Basilika Notre-Dame de Fourvière und das Hôtel-Dieu, ein ehemaliges Krankenhaus, das Rathaus oder der historische Justizpalast, um nur einige zu nennen) eine Besonderheit aufzuweisen hat: die Traboules – schmale Passagen, die von einer Straße zur anderen führen und einst für einen gemeinschaftlichen Zugang zur Wasserleitung sorgten. Heute stehen diese rund 600 Traboules – die ganze Altstadt ist durch diese vernetzt – unter dem Schutz der UNESCO. Dank einer Kooperation mit den Anwohnern (bitte leise hindurchgehen!) können 45 davon heute besichtigt werden (eingezeichnet auf einer Karte, die im Tourist-Büro erhältlich ist oder in der App „Traboules“).

Nach dem Pflichtprogramm Altstadt wartet ein spannender Kontrast auf den Besucher: La Confluence. Dieses noch im Entstehen begriffene Viertel auf der Halbinsel Presqu`île (zu deutsch: „Fast-Insel“) gibt sich hip, modern, aufregend. Dort, wo Rhône und Saône zusammenfließen, verwandelt sich gerade ein ehemaliges Arbeiterviertel in den angesagtesten Stadtteil Lyons – und wird am Ende der Bauzeit (geplant: 2030) die Wohnfläche der Innenstadt verdoppelt haben. Die futuristische Architektur einiger Bürogebäude sowie des sehr sehenswerten Confluence-Museums sorgen für den optischen Kick, währen Bars, Restaurants und Clubs, die die Uferstreifen säumen, dem Ganzen pralles Leben einhauchen, vor allem abends und nachts. Erkundungen lassen sich am besten per (Leih-)Rad unternehmen – kühler Fahrtwind inklusive –, oder man bucht gleich eine geführte Stadtrundfahrt per E-Bike (Lyon Bike Tour). Aber auch zu Fuß schlendert es sich abwechslungsreich das eine Ufer hinauf, das andere hinab. Der südlichste Teil entlang der Saône kann sogar per selbstfahrendem (und kostenlosem) Bus zurückgelegt werden. Eine längere Pause am Confluence-Museum lohnt sich nicht nur der gelungenen Architektur von Coop Himmelb(l)au, sondern auch des Inhalts wegen. Als kunterbunte Mischung aus Naturwissenschaft, Anthropologie und Ethnologie widmet es sich den großen Fragen der Menschheit: Woher kommen wir? Wie geht es nach dem Tod weiter? Die französischen und englischen Erläuterungen können durch einen Audioguide in deutscher Sprache ergänzt werden.

Erstaunlich viele Besucher sind „Wiederholungstäter“, die schon alles gesehen haben und trotzdem immer wieder nach Lyon zurückkehren: Seit 1935 rühmt sich die Stadt der Auszeichnung „Welthauptstadt der Gastronomie“. Über 4000 Restaurants und Bouchons – einfache lokaltypische Gasthäuser mit regionaler Küche – machen die Wahl zur Qual. 20 davon rühmen sich eines oder mehrerer Michelin-Sterne, allen voran das Paul-Bocuse-Restaurant, das die Rezepte des 2018 verstorbenen Starkochs unvergessen bleiben lässt. Seine Ausbildung hatte Bocuse u.a. bei einer der „Mères Lyonnaises“ genossen, den „Lyoner Müttern“. Im Laufe des 19. Jahrhunderts machten sich einige Köchinnen, die ehemals für das Großbürgertum gekocht hatten, selbstständig – mit einfachen, aber überaus schmackhaften Rezepten – und prägten sehr früh den Ruf Lyons, eine kulinarische Reise wert zu sein. Seit Oktober 2019 widmet sich im Grand Hôtel-Dieu die erste „Cité de la Gastronomie“-Ausstellung dem Thema Kulinarik, Ernährung und Essen: mit interaktiven Kochstationen, Events und Aktivitäten für Erwachsene und Kinder und natürlich appetitlichen Häppchen für den sinnlichen Genuss. Der wird auch beim Lyon Street Food Festival groß geschrieben, das 2019 zum vierten Mal von den begeisterten Besuchern regelrecht gestürmt wurde. Musik, Workshops und gutes Essen stehen hier im Mittelpunkt und heben Street Food auf ein hohes Niveau. Über 80 Starköche aus aller Welt tragen dazu bei.

Wer lieber was für's Auge hat, besucht Lyon Anfang Dezember zur Fête des Lumières (Schon mal für 2020 vormerken!). Vier Tage lang wird die gesamte Stadt von der Magie farbigen Lichts verzaubert. Aus altehrwürdigen Gebäuden werden farbenfrohe Phantasiegebilde, aus nüchternen Betonfassaden Traumschlösser. Bäume, Brunnen und Plätze strahlen quietschvergnügt um die Wette und bringen eine Menge Farbe in die dunkle Jahreszeit. Ein Geheimtipp ist dies allerdings schon lange nicht mehr: Das Lichterfest ist das drittgrößte nicht-religiöse Festival weltweit (nach dem Karneval in Rio und dem Münchner Oktoberfest), Unterkünfte sollten also zeitig gebucht werden. Trotzdem ist es auch ein leuchtendes Beispiel, wie mit Ressourcen behutsam umgegangen werden kann: Das Lichterspektakel verbraucht nicht mehr Energie als ein durchschnittlicher 120-qm-Haushalt.

Allgemeine Infos unter: www.de.lyon-france.com

E-Bike-Touren: www.lyonbiketour.com

ausgezeichnetes Restaurant mit Michelin-Erwähnung bei moderaten Preisen: www.latelierdesaugustins.com

edle und stilvolle Unterkunft, zentral gelegen (neu eröffnet im Sommer 2019): www.hotelabbayelyon.com/en/

Confluence-Museum: www.museedesconfluence.fr

City-Card (in Lyon tatsächlich ihr Geld wert): für 1 bis 4 Tage ab 23 Euro, inklusive öffentlicher Verkehrsmittel, Seilbahn, Schiffsrundfahrt, 23 Museen, Puppentheater und Shopping-Rabatte

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von Solveig Michelsen

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