Unerkannt durch Freundesland Illegales Reisen zu DDR-Zeiten

Reise- und Urlaubsträume zu Zeiten der DDR beschränkten sich für gewöhnlich auf Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Bis im Anschluss an den Prager Frühling das so genannte Transitvisum eingeführt wurde, das eigentlich nur für die Durchreise durch die Sowjetunion auf dem Weg in die Urlaubsländer gedacht war. Doch findige Abenteurer nutzten diese Chance und büchsten aus – um die Weiten der östlichen Sowjetunion zu erkunden, auf hohe Berge zu steigen oder über den Baikalsee eiszusegeln.

Der 4737 Meter hohe Berg Uschba im Kaukasus – auch er wurde von Transitreisenden bestiegen. | © toxawww, iStock

Das bürokratische Schlupfloch sprach sich unter Abenteurern schnell herum: Nachdem der Prager Frühling 1968 zur Folge hatte, dass die Grenzen zur Tschechoslowakei geschlossen wurden, ermöglichte man den DDR-Bürgern eine Einreise in die Urlaubsländer über Polen und die Sowjetunion – per Transitvisum (Amtsdeutsch: „Reiseanlage für den visafreien Reiseverkehr“). Dieses Transitvisum war eigentlich nur für drei Tage gültig, wurde aber geschickt „verlängert“, indem man aus „Juni“ zum Beispiel „Juli“ machte – schon hatte man 30 Urlaubstage in der Tasche. Auch als die Tschechoslowakei wieder „auf Linie gebracht“ worden war, blieb das Transitvisum kurioserweise bestehen.

Das alles barg natürlich große Risiken. Schon die Erlangung eines der begehrten Visa war nicht einfach, denn es musste plausibel dargelegt werden, warum die Reiseroute über die Sowjetunion  genau auf dem gewünschten Weg zu erfolgen hatte, während die Grenzen der Tschechoslowakei inzwischen wieder offen waren. Dann galt es, möglichst viele Rubel zu ergattern, deren Menge aber noch glaubwürdig für die drei legalen Transittage sein sollte. Auch Bücher, Landkarten oder gar Hochgebirgsausrüstung im Gepäck waren höchst verdächtig. Jederzeit konnte die Reise durch eine Kontrolle vorzeitig beendet werden. Um vor den russischen Beamten zu bestehen, bastelten sich nicht wenige der Transitreisenden ein eigenes Legitimierungsschreiben, das sie als Mitglied einer sportlichen Vereinigung auswies und möglichst viele amtlich aussehende Stempel enthielt. Damit waren die russischen Behörden zu beeindrucken und zu beruhigen – denn Gruppenreisen (man reiste dann eben einer Gruppe aus diversen Gründen hinterher) konnte man in der Sowjetunion verstehen; Individualreisen waren per se höchst verdächtig und nicht nachvollziehbar.

Langsam bildete sich daraus in der DDR eine richtige Bewegung, die sich mal „Transit“, mal „Unerkannt durch Freundesland“ (UdF) nannte. Ihre Anhänger tauschten sich unter anderem über die besten Methoden aus, an Inlandsflüge innerhalb der Sowjetunion oder Bahnfahrkarten zu Orten zu bekommen, die nicht im Visum vorgesehen waren. Wurde man erwischt, drohte eventuell der Vorwurf von Spionage, in jedem Fall aber das vorzeitige Ende der Reise. In manchen Fällen ließ sich eine solche Situation auch mit viel Wodka lösen – gerade in ländlichen Gebieten war das Interesse aneinander und die Gastfreundschaft dann doch wichtiger als die Gesetzgebung eines fernen Moskaus.

Die Anspannung eines Transitreisenden lässt sich unschwer nachvollziehen, betrachtet man die teils jahrelange Vorbereitung, die in ein solches Abenteuer gesteckt wurde. Kartenmaterial zum Beispiel war rar. Man plante eine verwegene Reise mit dem Schulatlas auf Karten mit dem Maßstab 1:1 Million – und konnte damit die tatsächlichen Bedingungen vor Ort natürlich nicht vorhersehen. Bergsteiger versorgten sich untereinander mit selbst gezeichneten und nur sehr groben Karten von Bergzügen. Und die Ausrüstung konnte auch nicht einfach gekauft werden. So schmiedeten und feilten Bergsteiger eine geraume Zeit an Steigeisen – nur um dann unter Umständen vor Ort festzustellen, dass diese den Ansprüchen nicht genügten. Auch Zelt und Schlafsack mussten selbst genäht werden. Als Isomatten verwendete man zum Beispiel Isoliermaterial eines Kühlschrankherstellers.

Waren die Vorbereitungen endlich geschafft – die natürlich enorm zur Vorfreude und Aufregung eines solchen Unternehmens beitrugen –, konnte es an die Umsetzung gehen. 30 Urlaubstage oder mehr waren nicht einfach zu bekommen, weshalb viele das Abenteuer an ihr Studium anschlossen. Die nächste Hürde war die Visumserlangung, zusammen mit der Anreise. Auch vor Ort mussten sich die Globetrotter abseits der üblichen Wege bewegen. Denn offiziell hatten Touristen in jeder sowjetischen Stadt angemeldet zu sein. Der Kontakt zur Bevölkerung konnte also nur vorsichtig geknüpft werden, fiel allerdings umso herzlicher aus, wo keine Behörden ihre Finger im Spiel hatten. Auch die Einheimischen freute sich über seltene Gäste, und als DDR-Bürger begegnete man ihnen auf Augenhöhe, nicht als wohlhabender Tourist.

Doch meist stand ohnehin ein landschaftliches Ziel im Vordergrund: ein hoher Berg, ein wilder Fluss oder ein zugefrorener See. Denn unter der Gemeinschaft der Transitreisenden war längst eine Art Wettbewerb entbrannt, wer denn nun mit dem größten Abenteuer aufwarten konnte. So wurden vier Siebentausender von DDR-Bürgern bestiegen, der Fluss Aldan mit einem selbstgebauten Katamaran befahren und der zugefrorene Baikalsee mit einem Eissegler überquert. Und das alles mit Materialien, die in der DDR nur schwer zu beschaffen waren. Von der Möglichkeit der Einübung der jeweiligen Sportart mal ganz zu schweigen. Ein Abenteuer mit Pioniergeist also in jeder Hinsicht. Und so ziemlich das größtvorstellbare Gegenteil einer Pauschalreise. Fragt man ehemalige „UdFler“ nach ihren Erfahrungen, waren diese Reisen nicht selten Schlüsselerlebnisse in ihrem Leben, von denen sie noch heute zehren. Hut ab vor ihrem Mut und ihrer Tatkraft!

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von Solveig Michelsen

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