Verrückte Länder Exzentrische Mikronationen, Schein- und Fantasiestaaten

Die allerkleinsten Länder nennen sich Zwergstaaten. Als Mikronationen, Fantasiestaaten oder Scheinstaaten werden Konstrukte bezeichnet, die nur den Anschein eines eigenen Staates erwecken wollen – meist um eines bestimmten Zweckes willen. Dafür kleiden sie sich in den formellen Mantel eines ordentlichen Staates, werden zumeist aber von anderen Völkern oder Ländern nicht anerkannt oder ernst genommen. Manchmal nicht einmal von sich selbst.

Autonome Kommune: die Freistadt Christiania in Kopenhagen | © maisicon, iStock

Fürstentum Hutt River, Australien

Ganz im Westen von Australien gibt es eine 75 Quadratkilometer große Provinz, die sich „Principality of Hutt River“ nennt. Sie wurde 1970 gegründet als Antwort auf die von der australischen Regierung vorgeschriebenen Produktionsquoten für Weizen: Ihnen zufolge durfte der Farmer Leonard George Casley nur 10 Prozent seines angebauten Weizen auch verkaufen. Aus Protest sagte er sich von Australien los und gründete auf seinem Grundbesitz sein eigenes Fürstentum. Dies ist vom australischen Staat zwar nicht offiziell anerkannt, jedoch wird der Farmer de facto wie ein Nicht-Staatsbürger Australiens behandelt: Er muss keine Steuern zahlen, bekommt im Gegenzug aber auch keine staatlichen Unterstützungen wie Kindergeld oder Veteranenrente. Auch Staatsgewalt wird keine mehr ausgeübt auf dem als unabhängig erklärten Territorium. Dafür büßte Leonard George Casely seine Wahlberechtigung ein. Und auch wenn seine Reisepässe vom Europäischen Rat als Phantasiedokumente eingestuft werden – seinen Willen hat er durchgesetzt und Australien lässt seinen „Fürsten“ über rund 18.000 „Staatsangehörige“, die weltweit verstreut sind, schalten und walten.

Freistadt Christiania, Dänemark

Deutlich problematischer ist der Status der Freistadt Christiania in Kopenhagen. 1971 veranlasste die Wohnungsknappheit einige Städter, ein verlassenes, 34 Hektar großes Militärgelände zu besetzen. Schnell entwickelte sich daraus eine autonome Kommune, die sich nun basisdemokratisch selbst verwaltet. Die Bewohner leben die selbst formulierte Utopie einer „Gesellschaft, in der alle und jeder für sich für das Wohlergehen der gesamten Gemeinschaft verantwortlich ist.“ Dies funktionierte erstaunlich gut, sodass die dänische Regierung jahrelang gegenüber dem Konsum und Handel von weichen Drogen nachsichtig war – harte Drogen sind auch in Christiania verboten. Schließlich hatte sich die Freistadt im Lauf der Jahre zu einer Art Vorzeigeobjekt entwickelt, das Besuchern den Freigeist der Dänen vor Augen führen sollte. Auch architektonisch Interessierte zog das Viertel an. Denn obwohl es in Christiania kein Hauseigentum gibt, haben sich zahlreiche Architekten phantasievoll verkünstelt an den bestehenden Objekten. Nicht zuletzt zieht die besondere Atmosphäre – Intellektuelle und Künstler neben Obdachlosen und Drogenabhängigen, vereint in Meditation und Yoga – viele Begeisterte aus aller Welt an.

Leider sorgten die Versuche der Regierung, das Gebiet in die Stadt einzugliedern, sowie gewalttätige Ausschreitungen von Gangs aus dem Drogenmilieu für wiederholte Unruhen. Im Jahr 2011 schließlich, nach einem Urteil des Staates Dänemark, stimmten die Anwohner zu, das Gebiet für rund 20 Millionen Euro zu erwerben. Für die Finanzierung gaben sie u.a. eine „Volksaktie“ heraus.

Ladonien, Schweden

Ladonien ist ein fiktiver Staat im Naturschutzgebiet Kullaberg, dessen Gründung dazu diente, ohne Baugenehmigung errichtete Kunstwerke vor dem Abriss zu bewahren. Der Künstler Lars Vilks hatte über Jahre hinweg riesige Skulpturen aus Treibholz errichtet – „Nimis“ ist rund 75 Tonnen schwer. Weil das Gelände schwer zugänglich ist, wurden die Artefakte von den Behörden erst nach einigen Jahren entdeckt – und als genehmigungspflichtiges Bauwerk eingestuft. Noch während sich der Schöpfer im jahrelangen Gerichtsstreit mit den Behörden befand, kauften Joseph Beuys und nach dessen Tod Christo und Jeanne-Claude die Skulpturen auf. 1996 schließlich rief Lars Vilks den Staat Ladonien aus, um seinem Protest Ausdruck zu verleihen.

Auch wenn keiner der rund 17.000 Staatsangehörigen in Ladonien lebt, existiert ein reges virtuelles politisches Leben. Jeder Interessierte kann Bürger werden, für 30 US-Dollar bekommt man sogar einen Adelstitel. Und wohl kein Staat der Welt kann sich mit so viele „offiziellen“ Feiertagen schmücken wie Ladonien.

Conch Republic, USA

Ein ausgesprochen humorvoller und friedliebender Staat ist die Conch Republic in Florida. Sie wurde 1982 als Abspaltung von Key West gegründet als Antwort auf eine von den US-Behörden eingerichtete Grenzkontrollstelle am Highway Nr. 1, die massive Staus und damit Einbußen im Tourismus nach sich zog. Nachdem eine Klage dagegen gescheitert war, erklärte Key West kurzerhand seine Unabhängigkeit und rief die Conch Republic aus. Ganz im Stil ihrer Kampagne „Saving the humans initiative – with uncommon sense“ erklärte sie der USA den Krieg, kapitulierte eine Minute später wieder und ersuchte um eine Milliarde Dollar für den Wiederaufbau. Dies brachte ihnen so viel mediale Aufmerksamkeit ein, dass die Kontrollstelle schließlich aufgegeben wurde. Der Zusammenhalt der Bewohner allerdings blieb und wächst bis heute weiter an.

In ihrem Selbstverständnis sieht sich die Conch Republic als „state of mind“, der Spannungen in der Welt durch Humor zu besänftigen versucht. Bei Invasionsversuchen seitens der USA verteidigten sich die Bürger mit kubanischem Brot und einem Segelschiff mit Feuerwehrspritze – so lange, bis ihr Souveränität von den USA anerkannt wurde. Laut einem Gutachten der Universität Wien handelt es sich tatsächlich um einen Staat im völkerrechtlichen Sinne, sodass die Conch Republic bereits mehr als eine halbe Million Reisepässe ausstellen konnte. Die Diplomatenpässe der Generalkonsuln werden angeblich auch in Deutschland anerkannt. Und statt Steuereinnahmen gibt es in der Conch Republic Partys bei Geldmangel. Keine schlechte Alternative.

» Mehr spannende MARCO POLO Reise-Reportagen

von Solveig Michelsen

 

mehr Infos unter:

www.principality-hutt-river.com

www.ladonia.org

www.conchrepublic.com

 

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