Reiselektüre Eure besten Reiseanekdoten II

Reisen heißt auch Erfahrungen machen. Manche bleiben als Erinnerungen ein Leben lang im Gedächtnis, weil sie so lustig, so kurios, so schrecklich oder so schrecklich schön waren. Wir haben die besten Reise-Anekdoten unter euren Einsendungen ausgewählt – viel Spaß beim Lesen!

Transsibirische Eisenbahn | © Istanners, iStock

Die Babuschkas verkaufen Blinis und Piroggen. | © JackF, iStock

„Bei einer sehr alten Frau werde ich meine traurige Spende doch noch los.“ | © AlexRaths, iStock

„Vielleicht können wir mitgehen und sehen wie sie leben, die russischen Großmütter.“ | © nonimatge, iStock

Kroatien | © Gosiek-B, iStock

Mal sehen, ob Meerwasser auch schmeckt …! | © nonimatge, iStock

Pfui Teufel, das kann man ja nicht trinken! | © JoeGough, iStock

Pinguinschild Neuseeland | © bjeayes, iStock

Was mag er wohl gerade denken, dieser Gelbaugenpinguin?| © shimmo, iStock

Die seltenen Gelbaugenpinguine gibt es nur auf der Südinsel Neuseelands. | © nstanev, iStock

Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn


Nach zwei Tagen schon fühlt es sich an, als würde ich für immer und ewig in diesem Zug sitzen, aus Zugfenstern schauen, essen, schlafen, Kaffee trinken, Zähne putzen, mich mit Händen und Füßen mit meinen Mitreisenden verständigen, in den Zwischenräumen zwischen den Waggons eine Zigarette rauchen, mich waschen auf den immer wunderbar sauberen Zugtoiletten. Ich rede, denke, atme, lebe in einem Zug.

Rollendes Bett, rollendes Bad, rollendes Restaurant, rollendes Sein, und während man denkt, schläft, isst und aus dem Fenster sieht, schaukelt sich der Zug immer tiefer in den endlos großen Kontinent hinein. Die Welt hat keinen Anfang und kein Ende, solange der Zug fährt. Und er fährt und fährt und fährt, also wird sie wohl wirklich kein Ende mehr haben, die Welt, sonst müssten wir ja irgendwann einmal dort ankommen.

Jeden Tag scheint die Sonne ins Abteil, schon morgens. Die Abteile sind in Fahrtrichtung rechts, die Gänge links, und wir fahren von Westen nach Osten. Das bedeutet Südsonne von morgens bis abends. Ich bin entzückt, sitze mit hochgeschlagenen T-Shirt-Ärmeln und hochgekrempelten Hosen da und sonne mich Ende Oktober in einem russischen Zug. Beeindruckender Kontrast dazu sind die Nächte. Denn sie sind kalt, eine klare, nackte, aber noch schneelose Kälte, die den sibirischen Winter schon erahnen lässt. Es ist aufregend, nachts wach zu sein und in die Dunkelheit vor dem Fenster zu schauen. Bei jedem Stopp zieht es mich nach draußen, denn jeder Bahnhof ist anders, und mit jedem neuen Halt fühle ich mich weiter weg von zu Hause. Die Bahnsteige sind nur schwach beleuchtet, die wenigen Menschen dunkel gekleidete, gesichtslose Unbekannte, von denen ich nichts weiß und niemals etwas erfahren werde. Abweisend sind sie, diese sibirischen Bahnhöfe. Sie strahlen Einsamkeit aus, so groß wie das Land selbst, und es ist gut, dass der Zug da steht und auf einen wartet, warm, hell und gemütlich und voller hilfsbereiter Schaffnerinnen. Ich muss jedes Mal aussteigen, um zu spüren, wie groß und unbekannt es ist, das nächtliche Sibirien. Im Hintergrund steht schwer und warm mein rollendes Zuhause und wenn ich die Treppe auf den Bahnsteig hinuntersteige, fühle ich mich wie ein Kind, das sich von der Mutter entfernt, aber nicht zu weit.

Aus dem Bett komme ich morgens immer schwerer. Das liegt aber nicht an den nächtlichen Bahnsteigeskapaden, sondern vor allem daran, dass jeder Tag nur noch zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Stunden hat. Man fährt der Sonne entgegen, und jeden Morgen wache ich eigentlich früh auf und habe trotzdem eine Stunde verloren, sie ist einfach weg, verlorengegangen zwischen den Schienen.

Ab und zu drosselt der Zug seine Geschwindigkeit und fährt in eine Stadt hinein, die noch dünn ist an den Rändern, und sich verdichtet, je weiter wir in sie hineinfahren. Bis wir am Bahnhof sind, dem Herz jeder Stadt. Dort werden uns die Babuschkas erwarten, die lieben alten, großmütterlichen Frauen mit ihren sieben Röcken und ihren Schüsseln, Körben und Tüten, in denen sie transportieren, was auch immer sie entbehren können, um es an die Reisenden zu verkaufen, wenn die Transsib kommt. Immer stehen sie da, auch morgens um drei.

Ich kaufe Piroggen, weiche, leicht salzige Teigtaschen; wenn man hineinbeißt, ist Lauchgemüse oder Kartoffelbrei drin. Sie sind so frisch gemacht, dass ihr Inneres noch warm ist. Die Kartoffelbreipiroggen sind eine Köstlichkeit, sie schmecken nach kalten sibirischen Wintern, nach warmer Stube als einzigem beheiztem Raum, in dem gekocht, gegessen und geschlafen wird, nach Behaglichkeit, nach bescheidenem Leben und nach russischer Großmutter. Und nach einer Armut, die nicht zu verstehen ist. Deshalb schmecken sie immer ein bisschen traurig.

Die Blinis, zu kompakten Quadraten gefaltete Pfannkuchen, die mit einer leicht süßen, trocken-bröseligen Mischung aus Quark und Käse gefüllt sind, schmecken fröhlicher. Sie haben die Gabe, mich aufzumuntern, wenn ich nach den Kartoffelteigpiroggen traurig und wehmütig bin und so gerne das Leben verstehen würde, in dem sie gebacken wurden.

Einmal schmerzt es sehr. Es ist schon Abend, ich bin wie immer ausgestiegen, um Piroggen und Blinis zu kaufen. Man muss kein Russisch können, die Babuschkas auf dem Bahnsteig merken auch so, mit wem sie ein ein Geschäft machen können, und so bin ich bald umringt von vielen hoffnungsvoll-freundlichen Gesichtern, und viele Hände strecken mir Schüsseln und Körbe entgegen. Einer Frau kaufe ich ein paar Piroggen ab, und weil es mir immer wieder so elend ist bei dem Gedanken, wie diese Frauen bei jedem Wetter, auch in eisiger Kälte, und zu jeder Uhrzeit auf den Bahnsteig laufen, um dort das wenige zu verkaufen, das sie entbehren können, habe ich mir vorgenommen, ein paar Kopeken mehr zu bezahlen. Die verlangten Preise kommen mir angesichts der Armut der russischen Großmütter ohnehin vor wie ein schlechter Scherz auf Kosten der Menschen, fünfzig Pfennig für fünf Piroggen, in etwa. Ich gebe der Verkäuferin mehr Münzen als sie verlangt, sie schaut auf das Geld, und ganz empört schüttelt sie den Kopf, protestiert lautstark und gibt nicht eher Ruhe, bis sie mir, was zu viel war, Münze für Münze zurück in die Hand gezählt hat. Dabei ist sie nicht beleidigt, ich habe sie in keinem Stolz gekränkt. Nein, sie wollte sich ganz einfach nicht an mir bereichern. An der ahnungslosen Ausländerin, die kein Russisch spricht und sich scheinbar mit dem Rubel nicht auskennt.

Bei einer sehr alten Frau, deren Gesicht fast nur aus Runzeln besteht, werde ich meine traurige Spende doch noch los, denn ich lege ihr einfach alle meine Münzen in die faltige Hand und drücke ihre Finger zusammen, bevor sie nachzählen kann. Dann gehe ich ganz schnell zurück in den Zug und breche in Tränen aus. Sie gehen mir so ans Herz, diese freundlichen, tapferen Frauen. Die ganz still und bescheiden und von allen vergessen am kalten Ende der Welt leben und dort immer, wenn der Zug kommt, dick verpackt in Röcke und Mäntel und Kopftücher zum Bahnsteig eilen. Gleichzeitig schäme ich mich für meine, wie ich es empfinde, banale westdeutsche Sentimentalität. Und es ist ein merkwürdiges Sehnen in mir. Ich würde so gerne mitgehen mit diesen Frauen, mit ihnen sprechen, sehen wie sie leben, ihre Geschichten hören und ihre Piroggen essen.

Das alles ist lange her. Eines Tages, wenn er groß genug dafür ist, möchte ich diese Reise mit meinem Sohn wiederholen. Wir werden im Zug essen, schlafen, spielen, uns die Zähne putzen und aus dem Fenster sehen. Die Babuschkas werden da sein. Wir werden ihnen Blinis abkaufen und Piroggen und ich werde meinem Sohn erklären, warum die Piroggen traurig schmecken. Vielleicht können wir mitgehen und sehen wie sie leben, die russischen Großmütter. Ich bin sicher, wir wären willkommen.

Der junge Hund und das Meer


Meine Schwiegereltern fahren jedes Jahr im Sommer mit Hund, Kindern und Freunden zum Campen nach Kroatien. Campen ist nun so gar nicht unsere Sache, aber da auch wir einen Hund haben, entschlossen wir uns im Sommer 2006, meinen Schwiegereltern nach Kroatien zu folgen, um unserem wasserbegeisterten Hund das Meer zu zeigen.

Die Fahrt nach Kroatien war sehr unkompliziert. Wir fuhren in der Nacht, sodass Tes, unsere damals vierjährige Schäferhündin, schlief. Und rechtzeitig zum Frühstück erreichten wir die wunderschöne, serpentinenartige Küstenstraße vor der Insel Rab, die unser Ziel sein sollte. Der Blick auf das azurblaue Meer gefiel auch Tes sehr gut, die eine echte Wasserratte ist. Schnell waren wir mit der Fähre auf Rab und das Wiedersehen mit meinen Schwiegereltern war groß. Wir bezogen ein Zimmer in einer angrenzenden Pension und nach nur wenigen Stunden ging es hinunter zum Meer. Tes fackelte nicht lange und sprang gleich ins kühle Nass. Und wie es schon immer ihre Angewohnheit war, nahm sie dabei auch ein paar große Schlucke von dem Wasser, das sie umgab. Die Gestik unseres Hundes war phänomenal. Alle, die mitgekommen waren, lachten sich schief, weil Tes uns deutlich zu verstehen gab, dass ihr das Meerwasser überhaupt nicht schmeckte. Sie versuchte es noch einige Male, doch es wurde nicht besser.

Natürlich hatte ich auch einen Wassernapf mit Süßwasser aufgestellt, doch Tes verweigerte es, traute dem Wasser nicht mehr. Irgendwann konnte ich sie doch überreden, aus dem Napf zu trinken – und voller Freude stellte sie fest, dass das Wasser jetzt wieder gut schmeckte.

Ich kann nur vermuten, dass sie das zur Annahme brachte, dass auch das Wasser in dem großen Napf mit den Wellen jetzt wieder gut schmecken würde, denn sie ging sofort zurück ins Meer und nahm auch dort wieder kräftige Schlucke – nur um festzustellen, das sich wohl innerhalb von Sekunden etwas am Wasser geändert haben musste.

Dieses Hin und Her ging dann den gesamten Nachmittag und auch die zwei folgenden Tage so. Mein Hund – so gern ich ihn habe – war leider nicht intelligent genug, die Hintergründe zu durchschauen. Und abgesehen vom schlechten Geschmack kam natürlich auch der Durchfall. Nachdem wir diesen nicht in den Griff bekamen, mussten wir leider vorzeitig abreisen.

Tja, das hat mir wieder einmal deutlich gezeigt: Das, was der Mensch schön findet, muss das Tier noch lange nicht glücklich machen …

Der Pinguinmann

Jim, der Pinguinmann, trägt eine Weste mit sehr vielen Taschen und einen Stoffhut, um die helle englischstämmige Haut vor der starken neuseeländischen Sonne zu schützen. Die scheint heute zwar, aber trotzdem ist es kalt, zu kalt jedenfalls für mein Empfinden dafür, dass ich mich auf einer Insel tief unten auf der Südhalbkugel befinde.

Jim sieht selbst ein bisschen wie ein Pinguin aus, lange Nase in einem langen Gesicht, freundliche kleine Augen, schmale, nach unten hängende Schultern. Seit 25 Jahren kümmert Jim sich um seine Gelbaugenpinguine. Die leben im Unterholz eines steilen Abhangs direkt am Strand hinter Oamaru auf der Südinsel. Jim macht Führungen, jeden Tag zwei, und trotzdem klingt er, als wären wir die allererste Gruppe, denen er etwas über seine Pinguinkolonie erzählt. Damals, als er anfing, waren es nur fünfzehn, heute sind es fast doppelt so viele. Er klingt stolz und besorgt.

Wir laufen einen schmalen Pfad am Abhang entlang und bleiben stehen, als Jim uns ein verlassenes Nest zeigt. Ich bin ganz vorn und schaue gerade in die andere Richtung, da sehe ich ihn, einen einsamen Pinguin, durchs Gebüsch watscheln. Um ihn nicht zu erschrecken, mache ich kein Geräusch, wedle nur mit den Händen, und Jim schaut auch und freut sich und sieht aus, als würde er am liebsten in die Hände klatschen: Das ist das Weibchen, es geht jetzt heim zum Nest, sagt er, sie wechseln sich ab mit Jagen und Brüten, einer bleibt beim Nest, der andere bringt Nahrung nach Hause. Elternzeit im Reich der Pinguine.

Ehrfürchtig folgen wir Jim den Pfad entlang, und da ist es, das Nest, eine Erdkuhle unter schattigen Büschen, denn zum Brüten, erklärt Jim, brauchen sie Schatten und Kühle, seine Pinguine, deswegen ist das Gelände eingezäunt worden, damit die Schafe, Kühe und Pferde die Büsche nicht wegfressen und die Pinguine in Ruhe brüten können. Wie ein stolzer Vater erzählt er, die Jungen sind vor sechs Stunden geschlüpft, und tatsächlich, unter dem weißen Bauch des zweiten stolzen Vaters, der heute mit Aufpassen dran war, ist etwas graues, flauschiges zu sehen. Jim sagt, er kann es gar nicht ertragen, wenn die Eltern sich bewegen, denn manchmal treten sie versehentlich auf ihre Babys, und seht euch doch nur an, wie groß die Füße sind, manchmal findet er tote Pinguinküken und hat er keine andere Erklärung, als dass die Eltern sie versehentlich totgetreten haben. Er kann gar nicht hinsehen, bewegen sie sich noch?

Ja, sie bewegen sich. Das brütende Pärchen tauscht Schreie aus und beknabbert sich gegenseitig ausgiebig die Federn. Das sieht zärtlich aus. Jim erzählt, das Pinguinweibchen hatte einen anderen Partner, aber der hat wohl nicht gut genug auf sein Weibchen aufgepasst und es ist ihm entwischt zu einem anderen, und ist das nicht fast wie bei den Menschen? Überhaupt findet er, dass sie sich nicht so unähnlich sind, die Menschen und die Pinguine. Die Jungen, wenn sie erwachsen werden, gehen auf Wanderschaft, bleiben ein Jahr weg oder zwei und kehren erst an ihren Geburtsort zurück, wenn sie selbst eine Familie gründen. Das klingt doch vertraut, meint er und muss es wohl wissen, I raised three children.

Die Pinguine nicht mitgezählt. Aber das denke ich nur und finde ihn sehr sympathisch.

Jim spornt uns zum Fotografieren an, wahrscheinlich gefällt es ihm, wenn seine Pinguinkinder später in möglichst vielen Fotoalben zu bewundern sind. Wir dürfen sogar mit Blitz. Ich staune. Gestern Abend durfte man nicht. In Oamaru gibt es nämlich noch eine zweite Pinguinkolonie direkt im Ort, dort muss man in Eintritt zahlen und einen Shop voller Souvenirs durchqueren, dann schaut man von Holzbänken aus einer anderen Art mit dem netten und irgendwie kindlichen Namen kleiner blauer Pinguin beim Heimkommen in die Brutkästen zu. Ich frage Jim, wieso dürfen wir hier und sogar mit Blitz? Er schnaubt verächtlich. Klar. Sie wollen, dass du ihre Postkarten kaufst. Er will keine Postkarten verkaufen und keine Stoffpinguine und Schlüsselanhänger. Er macht echten Ökotourismus, so ist das.

Ich staune wieder. Zwei konkurrierende Pinguinkolonien im gleichen kleinen Ort. Die Pinguine lässt das kalt. Denen wird nur warm, wenn sie sich den steilen Abhang zu ihren Nistplätzen hinaufarbeiten müssen. Dann machen sie sich lang, plustern ihre Federn auf, um Luft drunter zu lassen, und strecken ihre Flügel weg.

Und apropos warm: Auf dem Heimweg denke ich darüber nach, dass ich unter anderem ein luftiges Strandröckchen und Shorts und T-Shirts eingepackt, weil ich doch auf die Südhalbkugel geflogen bin. Und jetzt schaue ich Pinguinen beim Watscheln zu. Mal wieder den Reiseführer vorher nicht gelesen. Aber macht nichts. Die Pinguine habe ich ja auch so gefunden, überall stehen Schilder. Denn die Kolonien sind der ganze Stolz nicht nur von Jim, sondern von ganz Oamaru.

von Gundi Herget

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