Wiener Prater: Autonom im Autodrom

Eine Art Eiffelturm mit Zuckerguss, und ein Häuschen, das sich als Eistüte tarnt – so schrecklich süß, dass es einem glatt die Augen verklebt. Dann das Glitzern verspiegelter Casinoscheiben, das die Zocker und Loser blind macht. Nein, das ist nicht der Wurschtelprater, wie man ihn kennt und liebt! Denn so was findet sich überall, in Miami Beach, Rimini, Yokohama oder Liverpool. Kommerz eben, der sich als Rummel tarnt. Kitsch ohne Seele, und Fun ohne Stil. Wer Wien durch die Prater-Brille sehen will, kuschelt sich deshalb am besten gleich mal in die Wägelchen der ältesten Geisterbahn am Jantschweg, von den Schuppen des grünen Drachen und den abgemagerten Stampferbeinen King Kongs bestens beschützt.

Begegnung mit dem Tod

Diese Nischen lassen einen das hüpfende Herz von Europas traditionellstem Rummelplatz schon ein wenig besser verstehen. Der Teufel hat hier, und das macht die Ecke so heimelig, ein erkennbares Gesicht: doppelt gehörnt, krebsrot und mit Fledermausflügeln schaurig garniert. So beruhigend wie der Tod, der im Dunkel der knarrenden, herrlich holprigen Geisterbahnwege fast wie ein alter Freund aus dem Spanplattensarg kippt. Der Prater ist wie der Kasperl – so einfach erschlägt man ihn nicht. Das verrät auch die hölzerne Spiralrutsche des denkmalgeschützten Tobolan: auch so ein Klassiker, den man dieser Tage restauriert

Remix der Moden und Gelüste

Ein Ort, der die Träume der Dekaden wie ein Riesenkaleidoskop verdreht, und die Moden und Gelüste remixt, ist der Wiener Wurschtelprater geblieben. Eine Welt der Wünsche in Miniatur, die sich mitunter als bunt lackierter Sperrmüll im Kreise dreht. Das verrät bereits ein Blick auf so manches alte Ringelspiel, etwa jenes vis-à-vis vom Gasthaus zum „Englischen Reiter“, gleich neben den Elchen und Grizzlys der ebenfalls mit Patina überzogenen „Alaska Rail“.

Willkommen in der Zeitmaschine

Es ist fast, als würde man eine Zeitmaschine besteigen: eine Ministraßenbahn im alten Ringstraßenlook, ein US-Jeep, aus den Tagen, in denen die Amis noch als Befreier galten. Darüber ein Helikopter, den Carl Barks gezeichnet und Donald Duck bruchgelandet haben könnte. Alles ist da, auch die einst liebevoll ausgeführten Blechminiaturen von den Designikonen vergangener Dekaden. Jenen Zeiten, in denen Generationen von Konfirmanden aus der Provinz in den Prater verschleppt wurden, mit dem Ziel, sich am Ende des Initiations-Ringelspiel-Ritus, nach Zuckerwatte und erstem Bier, mal so richtig zu übergeben.

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