KlimawandelGefährdete Reiseziele in Europa

Gefährdete Reiseziele in Europa

Auch vor Europa macht die Bedrohung durch die steigenden Ozeane nicht Halt. Manche Staaten wie zum Beispiel die Niederlande kämpfen zwar seit eh und je mit dem Problem des Meeresspiegels und sind daher wahre Experten auf dem Gebiet. Doch auch 3.300 Kilometer Deich und 38 Deichringe sind keine Garantie für trockene Füße. Deshalb setzen sie jetzt auf maritime Baukunst.

Niederlande

Zwölf Millionen Kubikmeter Sand werden schon heute jährlich als Küstenschutz ins Meer geschüttet, denn mehr als ein Viertel der Niederlande liegt unter dem Meeresspiegel. Zukünftige Investitionen werden auf 1,5 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Hier wird also klar: Umdenken ist angebracht. Wenn die technischen Möglichkeiten und der finanzielle Rahmen zum Küstenschutz ausgeschöpft sind, muss man eben mit dem Wasser leben anstatt es auszusperren.
Diese rationale Schlussfolgerung ruft Architekten auf den Plan: Der noch junge Zweig maritimer Baukunst kann sich seinen kreativen Ergüssen hingeben und hat schon einiges zuwege gebracht. Bewundern kann man zum Beispiel Wohnboote mit Parkdeck fürs Auto und Unterstand fürs Motorboot, Häuser auf Stelzen oder auf schwimmenden Pontons. Das Waterstudio.nl hat für seine Ideen den Architecture & Sea Level Rise Award 2012 gewonnen.

Italien

Für Venedig ist Hochwasser nichts Unbekanntes: Zwischen 1987 und 1997 wurde 132 Mal "besonders schweres Hochwasser" gemeldet. Aber nicht nur das Wasser steigt: Auch die Häuser sinken.
Ab 2015 soll deshalb das Projekt „Mose“ Venedig vor weiteren Überschwemmungen bewahren. 78 gigantische Tore mit Ausmaßen von 30 x 20 x 5 Metern schotten die Lagunenstadt dann komplett vom Meer ab. An drei Öffnungen kann Wasser zwischen Stadt und Meer ausgetauscht werden und der Schiffsverkehr passieren. Das zukünftige Venedig wird also ein ganz anderes sein ...

Deutschland

Über eine Million Deutsche leben in einem Gebiet, das überflutet werden kann. Städte wie Rostock, Hamburg, Bremen oder Kiel sind unmittelbar bedroht. Die Prognosen für den Meeresspiegelanstieg von Nord- und Ostsee sind allerdings widersprüchlich. Die einen betonen den zusätzlichen Effekt des Absinkens der europäischen Platte, die anderen weisen darauf hin, dass der Anstieg des Wasserspiegels ja niemals gleichmäßig über den Globus erfolgt, sondern zum Beispiel im Indischen Ozean etwa 100 Meter unter, um Island herum 60 Meter über dem Durchschnitt liegen wird.
Prognosen stützen sich aber in der Regel auf den errechneten Durchschnitt – und können damit im Einzelfall sowohl weit drunter als auch weit drüber liegen. Eine komplexe Angelegenheit also, bei der nur eines sicher ist: Ein Plan B schadet nie.

Mittelmeerländer

Eine elegante, wenn auch nicht ganz ernst zu nehmende Lösung gäbe es für die Mittelmeer-anrainerstaaten. Der ursprüngliche Plan stammt aus dem Jahr 1928, wobei das Motiv damals die zusätzliche Landgewinnung war. Ein deutscher Architekt wollte ein gigantisches Staudammprojekt verwirklichen, indem er die Straße von Gibraltar, die 14 Kilometer schmale Meeresenge zwischen Spanien und Marokko, zubetoniert hätte. Das hätte das Mittelmeer durch fehlenden Zufluss aus dem Atlantik zunehmend ausgetrocknet – mit dem Ergebnis, rund 576.000 Quadratkilometer neues Land zu besitzen, nachdem der Wasserspiegel um 100 Meter gesenkt worden wäre. Sogar Straßenverbindungen über Italien und Sizilien nach Afrika waren bereits geplant.

Natürlich hätte das unvorhersehbare Folgen für das Ökosystem – Versalzung, Beeinträchtigung von Fauna und Flora, Beeinflussung von Strömungssystemen usw. – und das Klima könnte noch mehr aus dem Gleichgewicht geraten. Aber dennoch: Kreative Ideen sind in Zeiten des Klimawandels gefragter denn je. Ob sie tatsächlich zukunftsfähig sind, wird sich dann herausstellen.


von Solveig Michelsen

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