Tunesiens Nordwesten: Idylle mit Koralle

Ein Meer aus bunten Wimpeln wogt über der Fischerflotte, auf dem Kai glitzern Sardinen in der Sonne. Stolz ragen am Alten Hafen die Mauern der mächtigen Kasbah in Richtung Himmel, im Schatten des Forts flicken die Fischer wie eh und je ihre Netze. Wer das uralte, von den Phöniziern gegründete und rund 60 km nordwestlich von Tunis gelegene Bizerte besucht – in osmanischer Zeit ein im ganzen Mittelmeerraum gefürchtetes Seeräubernest – wird überrascht sein. Vom mediterranen Charme. Und von der Gelassenheit, mit der Tunesiens Korallenküste, die sich in Richtung Algerien zieht, seine Besucher empfängt.

Ein Hauch von Schwarzwald

An diesem grundlegenden Eindruck ändert sich auch nach weiteren Stationen nicht wirklich viel. Eine Überraschung ist der in 823 m Höhe und bereits knapp an der algerischen Grenze gelegene Luftkurort Ain Draiham, dessen Korkeichenwälder, Tannen und Pappeln den Ausläufern des Tellatlas einen Hauch von Schwarzwald bescheren. Was manchmal sogar zu schmecken ist: Wildschweinpastete statt Couscous wird hier schon mal serviert – Ain Draihams Jäger haben mit dem islamischen (Haus-)Schweinefleischverbot kein größeres Problem. 

Handicap in Tabarka

Aber auch Grünzeug hat in Tunesiens Nordwesten seine Reize: Sanft gehen die Mischwälder des für Wanderer interessanten Kroumiriegebirges in frühlingshaft üppige Blumenwiesen über, die sich wiederum bei Tabarka, dem touristischen Zentrum der Korallenküste, in die saftigsten Golfplatzgreens des Landes verwandeln. Doch wer im Tabarka Golf Club das Gros seiner Ferienzeit im Sandbunker verschwendet, versäumt viel. Schließlich gibt es bessere S(t)andorte als die staubigen Hindernisse des von Pinien und Föhren gesäumten Golfergeheimtipps. Die beiden feinsandigen Strandsicheln des verschlafenen Städtchens etwa, dessen Namen die Sportstätte trägt. Im Schatten eines mächtigen Genueser Forts finden sich hier die ruhigen Beaches eines sympathischen Grenzortes, der erst allmählich vom Tourismus entdeckt wird. Weder der zügige Ausbau des Yachthafens noch Tabarkas internationales Jazzfest, das jeden Sommer veranstaltet wird, konnten daran bislang etwas ändern.

Ruinen und Kasuarinen

Ein Geheimtipp ist der Nordwesten des Landes nicht zuletzt wegen seiner Vielfalt. Antike Stätten wie das im Landesinneren an der Nationalstraße 5 gelegene Dougga – Nordafrikas besterhaltene römische Siedlung, die noch nach 2000 Jahren mit Theater und Tempel, mit gepflasterten Straßen und Kapitol aufwartet und zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt – wechseln sich ab mit den versteckt liegenden Buchten der zerklüfteten und teilweise nur schwer zugänglichen tunesischen Korallenküste. Ein Beispiel ist Cap Serrat auf halbem Wege von Bizerte nach Tabarka, eine Bucht, deren Name verdächtig nach einem aufgekratzten französischen Chanson klingt, und die über romantische Nebenstraßen erreichbar ist. Ruhig geht es hier zu: Ein paar einsame Froschmänner, die in ihre schwarzen Neoprenhäute schlüpfen, um vor der weit geschwungenen, sandigen Bucht einen Tauchgang zu wagen. Schläfrige Kühe. Später Kids beim Strandkick. Eines droht den wenigen Gästen dieses einsamen Traumstrandes jedenfalls nie: Dass es unter den paar schattigen Kasuarinen am Rand des idyllischen Fleckens einmal wirklich eng wird.

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