Künstlerdorf Sidi Bou Said: Blaue Aquarellwunder

Leises, kehliges Getuschel, sonores Wasserpfeifenblubbern, das Klacken der Dominosteine am wackeligen Holztisch. Vertraute orientalische Klänge mischen sich in Tunesiens berühmtestem Café zur allabendlichen Geräuschkulisse – aber auch das Sperrfeuer von Stilettos hallt auf den kleinen, alten Pflastersteinen vor dem legendären Café des Nattes wider. „Très chic“ sind die Silhouetten der gewagten Kleider, in denen die weibliche Schickeria von Tunis den schönsten Villenvorort der Hauptstadt besucht. Sidi Bou Said heißt der Flecken, der seit 90 Jahren unter Denkmalschutz steht, aber kein bisschen verstaubt ist. Eher gelten die Lokale und Galerien der steil verlaufenden Gässchen als Szenetipps, und das auf unzähligen Aquarellen verewigte Café des Nattes ist eine Art Regierungsbank der lokalen Jeunesse doreé.

Ein Bild von einer Stadt

Wer auf den Halfagrasmatten des 300 Jahre alten Traditionslokals niedersinkt, die frische Meeresbrise vom nahen Kap Karthago und die betäubenden Jasminschwaden der Blumenbinder in der Nase, versteht auf Anhieb, warum der von andalusischen Mauren gegründete Ort schon früh auch europäische Künstler in seinen Bann zog. Hellblaue Schmiedeeisengitter, lichtblaue Romeo-und-Julia-Balkone, wasserblaue Café-Tischchen vor Häuserkubenhintergrund, tintenblaue Fliesen an weiß gekalkten Wänden, und am Abend auch noch Tunesiens blaue Stunde, die ihr unvergleichliches Dämmerlicht über Sidi Bou Saids Dächerensemble ergießt – all das ist Romantik pur. Kein Wunder, dass sich die Liebespärchen hier besonders tief in die Augen schauen, und Europas Impressionisten in Sidi Bou Said blaue Aquarellwunder erlebten.

Blauer Klee

Als die deutschen Maler August Macke und Paul Klee 1914 auf dem Rücken von Maultieren antrabten, um als Stammgäste des Café des Nattes zu überwintern, hatten sie freilich eine andere Bläue vor Augen als die Calvin-Klein-Jeansnuancen der heutigen Klientel. Ihre vom nordafrikanischen Licht durchfluteten Aquarelle schrieben Kunstgeschichte und machten Sidi Bou Said zu einem Mekka für Maler aus aller Welt. Am Reiz der lauschigen Innenhöfe, der gepflasterten, steil und verwinkelt verlaufenden Gässchen, in denen heute Keramikstudios und Kunstgalerien zu finden sind, hat sich seither nichts geändert. Verändert hat sich höchstens die Art der Anreise. Wahre Bohemiens erreichen den zauberhaften Ort an Bord einer möglichst luxuriösen Yacht. Sidi Bou Saids Marina gilt nämlich als exklusivster tunesischer Yachthafen – frequentiert vor allem von italienischen Freizeitkapitänen und deren Bikinicrews.

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