Philipp LaageReise an die Grenze

Reise an die Grenze

Spätestens als eine betrunkene Frau die anderen Fahrgäste im Bus mit einer Machete bedroht, fühlt sich der Abend seltsam an. Wir wissen nur ungefähr, wo wir sind: irgendwo auf dem Weg nach Süden zur malawischen Grenze. Die Frau schimpft und flucht, schaut voller Zorn und wirkt dann doch bloß launisch und unentschlossen. Niemand sonst redet. Die Straße schraubt sich in Serpentinen bergan, es wird kühl im Bus. Die Sonne ist vor drei Stunden untergegangen.

Der Bus macht ab und zu Halt, Menschen steigen zu, Menschen steigen aus und laufen in Dörfer, die unsichtbar bleiben in der Nachtschwärze dieses verlassenen Landstrichs im Süden Tansanias. Die wütende Frau schläft ein, die Machete auf dem Schoß. Wir fahren seit 12 Stunden, 13, 14, was bringt das Zählen? Irgendwann hält der Bus an, und alle Fahrgäste steigen aus. Als das Kunstlicht erlischt, dreht sich der Busfahrer um. „Final stop.“

„Final stop?“ Auf keinen Fall, denken wir. „This is the border.“ Ja, und? Der Bus fahre grundsätzlich nicht über die Grenze, sagt der Mann, und schon gar nicht nachts, wenn der Übergang geschlossen ist. Wir suchen im Halbdunkel unsere Tickets, mit denen wir aus Dar es Salaam gekommen sind, wir wollten an diesem Tag eigentlich bis nach Malawi fahren. Auf den Zetteln steht gut lesbar: „Mzuzu, Malawi“. Aber der Bus ist schon so ruhig und verlassen, als sei er niemals je einen Meter gefahren. Wir müssen aussteigen. Unter dem spärlichen Licht einer Laterne stehen rudimentär zusammengeschusterte Hütten. Ansonsten: Dunkelheit.

Zehn Minuten später stehen wir im Schein dreier Kerzen, deren Wachs auf einen massiven, von Kerben übersäten Schreibtisch läuft. Dahinter sitzt ein Mann namens Pasco im flackernden Lichtschein auf einem Stuhl, hört sich unsere Geschichte an und wiegt seinen Kopf prüfend von einer Seite zur anderen. Pasco ist der örtliche Chef der Busorganisation Mohamed Coachline, die uns an diesen Ort gebracht hat, an dem wir nun in aller Hilflosigkeit versuchen, den Sachverhalt zu klären. Wir hätten 30.000 Schilling für die Tickets nach Mzuzu bezahlt, erzählen wir. Niemand habe uns darauf hingewiesen, dass der Bus nur bis zur Grenze fährt. Hinter uns stehen zehn tansanische Männer im Halbdunkeln, darunter der conductor des Busses, und ihre Schatten tanzen an der Wand, während sie versuchen, unsere Version der Geschichte zu widerlegen. Die Gespräche werden halb auf Englisch, halb auf Suaheli geführt, ich kann nur schwer folgen.

Er könne unseren Ärger ja verstehen, sagt Pasco, das Ganze sei unglücklich gelaufen, aber jetzt um diese Uhrzeit werde es unwahrscheinlich schwierig, in Dar es Salaam, wo uns die Fahrkarten ausgestellt worden sind, noch irgendjemanden zu erreichen, um die ganze Sache aufzuklären. Die Hilfslosigkeit macht uns hartnäckig: Nach einer halben Stunde händigt uns Pasco eine kleine Entschädigung aus, und wir treten wieder in die Dunkelheit hinaus. Ich sortiere in meinem Kopf die Fakten: Wir haben nicht nur Tickets für eine Strecke gekauft, die so gar nicht angeboten wird, sondern auch einen willkürlich überteuerten Preis gezahlt. Und wir befinden uns deshalb jetzt, gut drei Stunden nach Sonnenuntergang, im äußersten Süden Tansanias, im Nirgendwo, und der Verdacht scheint sich unwiderlegbar erhärtet zu haben, dass man uns schon am ersten Tag unserer Reise übers Ohr gehauen hat.

Einer der Männer fährt uns zu einem Gasthaus. Aus der Adressangabe entnehmen wir, dass wir uns in einem Ort namens Kyela befinden. Unser Gasthaus mit seiner verblichenen Aufschrift „Hotel“ sieht im fahlen Laternenlicht aus wie eine Karikatur.

Es ist das Wesen der Nacht, dass sich der Mensch außerhalb der Heimeligkeit eines Zuhauses verloren vorkommt in der Distanzlosigkeit der menschenleeren Dunkelheit, und in diesem Teil der Welt multipliziert sich dieses Gefühl um ein Vielfaches. Man glaubt, aus den Maßstäben jeder bekannten Wirklichkeit herausgenommen zu sein, denn auf einmal steht man dort inmitten der Fährnisse Afrikas, in der Gottverlassenheit eines kaum besiedelten Grenzgebiets, als sei man aus der Welt verschwunden, und schaut mit dem seltenen Bewusstsein, ein gänzlich Fremder zu sein, in die Sterne.

Die Kerzen in Pascos Häuschen sind schon heruntergebrannt, als uns ein Mann ins Gasthaus einlässt. Das Doppelzimmer kostet umgerechnet 2,50 Euro pro Person. Putz bröckelt von denen Wänden, eine Leuchtstoffröhre an der Decke, daneben ein Ventilator, in der Dusche fließendes Wasser, im Bett saubere Laken: unser Zuhause für eine Nacht. Wir schließen die Tür ab, die Nacht bleibt draußen. Die Welt hat wieder eine Ordnung.

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