Markus SteinerMutig in Indien

Mutig in Indien

Wenn ich heute zurückblicke, dann hatte ich in meinem Leben Mut mit Sorglosigkeit und Bequemlichkeit mit Glück verwechselt. In Indien gewinnt alles an Kontur und Schärfe. Delhi atmet aus und du das Leben ein: den würzigen, vielschichtigen Duft der Luft in Delhis Gassen, die reinen, natürlichen Geräusche, von Mensch und Tier gemacht, und die unzähligen funkelnden Blicke schwarzer, brauner und grüner Augenpaare, die in deine Augen fallen wollen.

Ich saß über meinem Alu Palak, trank schweigend meinen dampfenden Masala-Tee und blinzelte aus dem Fenster des kleinen Lokals hinaus auf die Straße. Ich staunte. Ein blinder Mann fiel mir auf. In Lumpen gekleidet, einen roten Turban auf dem Kopf balancierend. Seine Haut war braun. Indien wird regiert von den Brauntönen dieser Welt. Wie ein monochromer Regenbogen. Vom tabakbraunen Garam Masala bis zur rostbraunen Haut des blinden Mannes. Um den Alten herum war freier Raum. Das war erstaunlich. Die schmalen Gassen von Delhi sind verstopft von schiebenden Menschen, fressenden Tieren, hupenden Motorrädern und miefendem Müll. Der Alte schob sich die Gasse entlang voran und navigierte sicher zu der kleinen Garküche, in der ich staunend hockte.

Mein Blick blieb an dem Mann haften. Als er eintrat, schien er direkt in mein Innerstes zu sehen. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich so viel Lebensfreude gesehen. Was für ein Vergnügen, im Gesicht dieses blinden Mannes zu lesen! Später wusste ich: Es sind diese unscheinbaren Momente, die den Fortgang des Lebens bestimmen.

Der Mann setzte sich an meinen Tisch und nickte mir zu. Er schaufelte die Speisen in sich hinein und kaute dann langsam und gründlich. Ein Mann, der ruhte. Als er fertig war, hob er seinen Kopf in die Höhe und blickte in meine Richtung.

„Sie mögen Indien? Die beste Land?“ fragte der Alte.
Er fragte weiter, nach meinem Namen und der Herkunft, ohne eine Antwort auf seine Fragen zu erwarten.
„Ich bin Markus,“ erwiderte ich pflichtbewusst.
„Ist diese gute Tag ein Geschenk! Doch deine Stimme singt traurige Töne, mein Freund.“

Ich war stumm vor Staunen. Es waren nur drei Worte, die mich enttarnten. Meine gesundheitliche Verfassung hatte sich in der Nacht verschlechtert. Die Bronchien pfiffen. Ich war fiebrig. Wie der Mann, der mir gegenüber saß, war ich um einen guten Teil meiner Sinne beraubt.

Sorge keimte in mir auf, ernsthaft in Indien zu erkranken. Malaria am Ende. Doch diese Sorge fühlte sich schlagartig winzig an, als ich in das Gesicht eines blinden Mannes sah, der sein Leben in diesem unvorstellbar wirren Knäuel meisterte, das sie Delhi rufen.
„Vielleicht werde ich krank werden,“ setzte ich zu einer Erläuterung an.
„Keine Sorge. Krank wird jeder einmal, der nach Indien kommt. In Indien sagen wir: Erst wenn es schön ist, ist es vorbei.“

Ich kann nicht sagen warum, aber ich vertraute diesem Mann. Nur verheiratete Frauen tragen in Indien ein Bindi, doch auf der Stirn des Blinden schien ebenfalls ein unsichtbares drittes Auge zu thronen. Mit dem nahm er die wichtigen Dinge wahr.

Wer in der Fremde feststeckt, richtet schärfere Fragen an das Leben. Solche, die sonst unter einem gewaltigen Klangteppich verhallen. Der Reisende ruht nicht und will wissen: Was ist das Minimum des Lebens? Und was davon gehört mir? Die Gesundheit? Das Augenlicht? Ein Wort?

Ich war kraftlos und matt. Der alte Mann zahlte beim Rausgehen mein Essen und steuerte mich durch die verwinkelten Gassen zu meinem Hotel. Ich hatte ihm vertraut, von Anfang an. Und dabei einen Freund gewonnen. Der Reisende muss das tun. Wenn es ihm behagt, muss er Mut beweisen und vertrauen. Mehr hat er nicht. Bequemlichkeit und Sicherheit existieren nicht. Mut und Vertrauen sind ihm Klauen und Fallschirm zugleich.

Der Alte entfernte sich grußlos, und ohne, dass ich ihm für seinen ansteckenden Lebensmut danken konnte, verschluckte ihn das Menschendickicht von Delhi. Mutig und glücklich.

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