Silvia FritzscheDazwischen und fassungslos

Dazwischen und fassungslos

Einen Monat nach Beginn meiner langen Reise ist mir etwas Merkwürdiges passiert. Das war in Loja, Ecuador. Loja spricht man „locha“ aus. Wie das Loch. Nur mit einem A hinten dran, damit es doch irgendwie hübsch klingt. Wohl habe ich mich dort trotzdem nicht gefühlt.

Schon auf dem Weg dahin hatte ich das Gefühl, der einzige Tourist zu sein. Ich hatte mir immer vorgestellt, solch eine Situation genießen zu können, doch von allen Seiten etwas zu neugierig beobachtet ging ich früher als gewöhnlich ins Bett. Das Hotel hatte ich aus meinem Reiseführer rausgesucht. Es war das günstigste. Auf dem Weg ins Bett ist ein Nachbar aus seinem Zimmer gekommen. Ich habe nur kurz „hola“ gesagt und bin schlafen gegangen.

Die Nacht war ganz schön kalt. Selbst in meinem Schlafsack und unter dem Plümo erreichte mich noch der kühle Windzug, der unter der Tür und durch die Fensterschlitze kam.
Am nächsten Morgen lag ein Zettel unter meiner Tür:
„Morgen suchst du dir ein gutes Hotel. Dies ist kein Hotel für so ein hübsches Mädchen. Danke für dein Hola.“ Dabei lagen 20 US-Dollar.

Sämtliche Nachbarzimmer waren leer. Da habe ich auf einmal das Zittern bekommen.

Vor allem zu Beginn der Reise war es komisch, mehr oder weniger alleine zu sein. Das fehlende Sicherheitsgefühl und die Notwendigkeit, Einheimischen und anderen Reisenden zu vertrauen war im ersten Monat noch ungewohnt. In solchen Situationen habe ich mich unsicher gefühlt. Doch das verflog meist auch schnell. Wie ein ewiges Vor und Zurück ging es meist darum, genau die Position zu finden, in der ich mich sicher und wohl fühlen konnte.

Dieses Vor und Zurück ist ein Gefühl, das mich ständig begleitet hat. Beschreiben kann ich es nur als das „Dazwischen“. Zwischen Wohlbefinden und Unsicherheit. Zwischen Startort und Zielort. Zwischen damals und morgen. Für mich ist es das Dazwischen, was den Reisenden definiert.

Um dieses Dazwischen etwas romantischer zu formulieren, könnte man sagen: „Der Reisende lebt im Hier und Jetzt.“ Oder „Der Weg ist das Ziel.“ Diesen Status zu erlangen, ihn zu leben und tatsächlich nicht zu wissen, was danach kommt, ist einerseits zwar spannend und abenteuerlich, gar befreiend – auf der anderen Seite aber auch beängstigend.

Die kleinen Sicherheiten, die man schnell erlangt, können noch schneller von außen zerstört werden. An einem Abend mit den falschen Leuten. Von dem Zimmernachbarn, der rät, ein besseres Hotel zu suchen. Oder dem Wind, der einen schlichtweg abheben lässt und mit klopfendem Herzen in einer Millisekunde wieder verlässt. Die gefundene Sicherheit ist wieder Vergangenheit und man starrt ihr mit fassungslosem Gesicht hinterher.

mehr von Silvia Fritzsche alias Missia auf www.missia.de

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