TürkeiDer Schuhputzer

Der Schuhputzer

Die Schuhbürste lag auf der Straße. Ein vorbeieilender Schuhputzer hatte sie gerade verloren, sein wichtigstes Arbeitswerkzeug. Ich rief ihm hinterher, winkte und deutete auf den gefundenen Gegenstand. Der Mann lief sofort herbei, bedankte sich vielmals auf Türkisch und machte Anstalten, mir zum Dank die Schuhe putzen zu wollen.

Ich winkte ab. Zum einen, weil sich Turnschuhe nicht wirklich auf Hochglanz polieren lassen, zum anderen, weil ich keinen auf Knien rutschenden Schuhputzer vor mir haben wollte; es erschien mir erniedrigend.

Aber der Mann gestikulierte weiter, deutete auf die Bürste, bettelte förmlich um Erlaubnis, mir diesen Dienst erweisen zu dürfen. Ich meinte schließlich zu begreifen: Das war seine Art, danke zu sagen für die Rettung seines unentbehrlichen Arbeitsmittels. Sein Stolz verlangte nach einem Ausgleich, den er mir nur so geben konnte. Das musste ich akzeptieren.

Widerwillig also stellte ich ihm meinen Turnschuh zur Verfügung, über den er einige Male ergebnislos darüberbürstete. Beim zweiten Schuh kürzte ich die Zeremonie etwas ab, bedankte mich herzlich und wendete mich zum Gehen.

An dem Punkt jedoch wurde der Schuhputzer laut. Er forderte von mir einen Geldbetrag, der den üblichen Lohn eines Schuhputzers im Zentrum Istanbuls um ein Achtfaches überstieg. Ich war entsetzt. Nicht nur von dem hohen Preis, viel mehr noch von meiner so weit gereisten und doch so fehlbaren Menschenkenntnis. Ich war mir so sicher gewesen, Dankbarkeit in seinen Augen zu lesen!

Nach dem ersten Schock bot ich ihm das übliche Schuhputzer-Honorar an und drückte es ihm in die Hand. Aber er bestand auf seinen völlig überteuerten Preis, den er nun mit Zeter und Mordio einforderte, sodass es nicht lange dauerte, bis ein zweiter, diesmal recht gut gekleideter Türke herbeieilte.

Diesem des Englisch Mächtigen konnte ich die Misere erklären und bat ihn, seinen Landsmann doch zur Besinnung zu bringen. Stattdessen aber griff der ins eigene Portmonee und bezahlte dem aufgebrachten Rumpelstilzchen an meiner statt die gewünschte Summe. Was mich zum zweiten Mal an diesem Tag völlig beschämt zurückließ.

Und auch ein drittes Mal noch musste ich meiner Naivität ins Auge blicken: Nach kurzen Recherchen im Netz wurde mir klar, dass es sich hier um einen sehr beliebten und allseits bekannten Trick türkischer Schuhputzer gehandelt hatte. Besonders Deutsche, hieß es in dem Artikel, seien leichte Opfer, da diese immer sehr beflissen seien zu helfen und bereitwillig an das Gute im Menschen glauben würden …

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