FidschiAls Frau allein unterwegs

Als Frau allein unterwegs

Ich war damals Studentin, schon oft allein unterwegs gewesen und sagte deshalb spontan zu, als man mir einen kostenlosen Stopover auf den Fidschi-Inseln anbot. Auf dem Heimflug von Neuseeland, wo ich ein Jahr studiert hatte, wollte ich noch zehn Tage Sommer tanken, bevor es ins winterliche Deutschland zurückging.

Bewaffnet mit einem – damals nur auf Englisch erhältlichen – Lonely-Planet-Führer kam ich spätabends am Flughafen an und machte mich auf zur nächsten empfohlenen Unterkunft. (Ich schreibe bewusst „Unterkunft“, denn ich tue mich schwer, diese Übernachtungsgelegenheit als Hotel, Pension, Hostel oder Vergleichbares zu bezeichnen.) Bei der Ankunft fiel ich als einzige Weiße und einzige Frau sichtlich auf. Nach Abschließen meiner Zimmertür stellte sich heraus, dass ich die Blicke der Männer richtig gedeutet hatte: Mehrere Male versuchte jemand, gewaltsam die Tür zu öffnen und in mein Zimmer einzudringen. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich die Nacht sehr unruhig geschlafen und mich am nächsten Morgen früh aus dem Staub gemacht habe.

An der Haltestelle wartete ich auf den Bus in die Stadt. Eine halbe Stunde, eine ganze Stunde. Ein Pkw hielt an, winkte mir, doch einzusteigen. Ich lehnte ab. Man erklärte mir, dass die Busse hier nur selten fahren würden, was ich zwar für einen miesen Trick hielt, aber dennoch nicht bezweifelte. Im hinteren Teil des Autos saßen zwei Briten, die mir versicherten, dieser privaten Taxi-Fahre wollte sich nur etwas dazuverdienen, das sei völlig OK. Dieses weiße Pärchen überzeugte mich also. Reisekundig wie ich war, handelte ich mit dem Fahrer vor dem Einsteigen den Preis aus, bedachte aber nicht, dass er mich als Letzte absetzen würde. Ungeachtet unserer Vereinbarung forderte er 20 Dollar – eine damals wie heute unverschämt hohe Summe. Als ich mich nicht einverstanden zeigte, machte er Anstalten, mit meinem Rucksack, den er an sich gerissen hatte, davonzufahren. Was blieb mir anderes übrig, als ihm den geforderten Betrag zu zahlen?

Nächste Station: Christian Hostel. Irgendwie hoffte ich, hier etwas vertrauenswürdigeren Personen zu begegnen. Ich bekam einen Schlafplatz in einem gemischten 6-Bett-Zimmer und ließ auf Anraten der Rezeptionistin mein Bargeld in einen Safe legen. Dass ich auch hier nur einem üblen Trick aufgelaufen war, bemerkte ich am nächsten Tag: Meine Bargeldvorräte von rund 1000 Euro waren über Nacht zu einem lächerlichen Betrag von etwa 20 Euro „geschrumpft“. Meinen Protest beantwortete man mit Schulterzucken: Ich könnte ja nicht beweisen, dass ich wirklich mehr Geld hineingelegt hätte, oder? Mein erster Impuls, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, wurde von einem Zimmergenossen niedergeschmettert: „Das ist, als würdest du daheim Anzeige wegen eines gestohlenen Lollis erstatten. Die lachen dich nur aus hier, glaub mir.“

Also, ein handfester Plan B war nötig. Zwar besaß ich noch meine Kreditkarte, allerdings gab es auf der gesamten Insel damals nur eine einzige Bank mit Automaten – eine rund dreistündige Busreise entfernt, die ich gar nicht hätte bezahlen können. Abgesehen davon wusste ich die erforderliche PIN, weil nie in Gebrauch, schon lange nicht mehr. Ich musste also, um mich über die nächsten acht Tage zu retten, irgendwie Unterkunft, Essen und Freizeitprogramm ausfindig machen, die sich direkt mit Kreditkarte und Unterschrift bezahlen ließen. Die Hauptinsel Viti Levu war allerdings nur Durchgangsstation für die meisten Reisenden, die auf eine der viel idyllischeren Nebeninseln weiterzogen, sodass sich das Angebot in Grenzen hielt.

Ein Tauchkurs rettete mich schließlich aus der Misere. Diesen konnte ich per Plastik bezahlen; eine Mittagsbrotzeit war inklusive. Fehlte nur noch die Unterkunft. Ein Missionarspärchen, dem ich meine Situation schilderte, gestattete mir, für zehn Dollar in ihren Baracken zu nächtigen. Die anderen zehn Dollar gab ich auf dem Markt für frisches Obst aus, sodass ich morgens und abends nun Ananas und Papayas zu essen hatte.

Selten war ich so zufrieden gewesen auf meinen Reisen: Das überaus köstliche Obst am Morgen belebte die Sinne, die Frösche in der Dusche weckten meinen Humor, die Tauchgänge gaben dem Tag eine Struktur – und nicht die schlechteste! – und ich besaß nichts mehr, was mir hätte gestohlen werden können. Leicht wie eine Feder – ich hatte sechs Kilo abgenommen – machte ich mich am 23. Dezember 1998 auf den Heimweg.

THEMA: Reiseanekdoten

« Zur Übersicht

  • Seite 3 von 3
Nach oben