Im wilden Westen: Die Küste lebt

Es regnet, rinnt und plätschert, es strömt und gießt und tröpfelt. Nirgendwo befindet sich mehr Wasser in der Luft und im Boden als an der Westküste der Südinsel Neuseelands: ein Fluch – und ein Segen zugleich. Denn der Wasservorhang hält die Sandflies in Schach, die fast schon legendären, winzigen schwarzen Mücken mit dem unheimlichen Blutdurst. Die Meteorologen messen hier in Metern, was die Pazifikluft an Feuchtigkeit an den schmalen Küstenstreifen zwischen der Tasmansee und dem Gebirge der Southern Alps oder, weiter südlich, ins Fiordland schaufelt: 7 m Niederschlag sind es im Jahresdurchschnitt, doppelt so viele können es im Extremfall sein. Sie präsentieren sich in jeder denkbaren Form, als feuchter Nebel, steter Dauerregen oder wolkenbruchartige Überschwemmung.

Eine Rose mit Dornen

Blutgierige Mücken oder Regen satt: „the coast“, wie die Neuseeländer die Gegend nennen, als sei sie der Prototyp aller Küsten dieser Welt, ist wirklich eine Rose mit sehr großen und sehr spitzen Dornen – aber sie ist eine Rose. Eine herbe Schönheit, mit urtümlichen Stränden, an die eine wilde See tobt, während tiefgrün leuchtender, verfilzter Dschungel die Gebirgshänge hinaufkriecht und geologische Eigentümlichkeiten wie die Pancake Rocks (punakaiki.co.nz) – eine Steinformation, die wie aufeinander gestapelte Pfannkuchen aussieht – für sagenhaften Flair sorgen. Übrigens: Baden im eiskalten Wasser gehen hier nur Hartgesottene, zumal sich die Strände als wahres Freilichtmuseum an bleichem Treibholz präsentieren.

Straße durch die Einsamkeit

Rund 450 km ist die einzige Straße lang, sie verbindet das Städtchen Westport im Norden mit dem Flecken Haast im Süden und reiht atemberaubenden Ausblick an atemberaubenden Ausblick. Sie ist ein Asphaltband durch die Einsamkeit, mit einspurigen Brücken, über die zum Teil auch noch die Eisenbahnschienen verlaufen, und wenig Verkehr. Wer hier entlangfährt, sollte einen Kofferraum voller Zeit mitbringen, zumal neben der Straße jede Menge Wanderpfade in die grüne Hölle führen – die eigentlich gar keine ist: Neuseelands Urwälder sind frei von giftigen oder anderweitig gefährlichem Getier, nur aus Bächen und Flüssen sollten Sie nicht trinken. Hier lauert der Giardia-Parasit, der für Durchfall und Magenkrämpfe sorgt.

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