Essaouira: Hart am Wind

Die Welt zu Gast bei den Gnaoua

Die ganze Stadt vibriert. Aus allen Winkeln und Gassen, Torbögen, Läden und Cafés kommt es: das dumpfe Trommeln, das Scheppern der Metall-Kastagnetten, der eigenartig monotone Gesang. Im Juni wird Essaouira zur Bühne der Weltmusik, dieses Jahr schon zum zehnten Mal. Am Anfang war die Musik der Gnaoua, der Nachkommen der früheren Sklaven aus Schwarzafrika. Inzwischen kommen Musiker aus aller Welt: Jazzer, Rocker, Chansonniers, um beim Gnaoua-Festival Genregrenzen auszuhebeln. Mehr als 400.000 Besucher strömen in die Hafenstadt. Fünf Tage und fünf Nächte im Rhythmus der Gnaoua, dann werden die Bühnen abgebaut. Doch Essaouira macht weiter. Tagelang hallt das Festival noch nach – in Winkeln, Gassen und Torbögen.

Orient mit einer Prise Frankreich und Griechenland

Auf den ersten Blick wirkt Essaouira, seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe, erstaunlich europäisch. Schließlich ist der Grundriss streng rechtwinklig – ein Entwurf des französischen Architekten Théodore Cornut, der Mitte des 18. Jhs. in Gefangenschaft des marokkanischen Sultans geraten war. Die rötliche, zinnenbesetzte Festungsmauer erinnert an Saint-Malo, die weiß getünchten Häuser mit den blauen Fensterläden an Griechenland. Doch wer seinen Fuß in die Medina setzt, ist umfangen von den tausend Gerüchen, den tausend Farben des Orients, dem geschäftigen Treiben, dem Hämmern, Stanzen und Drechseln der Handwerker. Und kann hinter unscheinbaren Fassaden prächtige Innenhöfe entdecken, oft mit einem Brunnen, mit Hibiskussträuchern, Zitronenbäumchen, ein paar Palmen. In den letzten Jahren wurden viele dieser Riads als kleine Hotels eröffnet, nicht nur in Essaouira.

Sehnsuchtsort für Künstler und Surfer

In den 70er-Jahren kamen die Hippies nach Essaouira. Sie ließen sich am Strand nieder, in den Ruinen der portugiesischen Festungen. Und lebten dort von Lust und Liebe, von Musik, Kleinkunst und Folklore. Seitdem ist Essaouira ein Anziehungspunkt für Künstler, Kunstsinnige und solche, die sich für das eine oder andere halten. Die ganze Stadt steckt voller Menschen, die das Besondere und Individuelle suchen. Und die abends aufleben, wenn die vielen Tagestouristen aus Agadir wieder abgereist sind. Ein Großbadeort wie Agadir ist Essaouira nicht, denn der Wind bläst fast immer stark und kalt von den Kanaren her – sehr zur Freude der Windsurfer, die allerdings fest auf ihren Brettern stehen müssen. Auf sie – und auf alle, die das Meer lieben – wartet 20 km südlich von Essaouira das Surferparadies Sidi Kaouki: kilometerlange, dünenumkränzte Sandstrandträume, einige kleine Pensionen und sonst nur noch der Wind.

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