Der Orient wartet: Marrakesh Express

Ob sich der betagte Schlangenbeschwörer, der jahrein, jahraus auf dem Djemaa el Fna seine schuppigen Angestellten zur betörend-quäkenden Melodie der Ghaita, einer Art Oboe, tanzen lässt, noch an ihn erinnern kann, an den „Marrakesch Express“? Den Song von Crosby, Stills & Nash aus dem Jahre 1969 wird er wohl nicht kennen – die Hippies aber, die auf diesen Zug aufsprangen, um in der Berbermetropole zu einem Trip in andere Sphären aufzubrechen, die dürfte er noch erlebt haben. Es hat sich viel verändert seitdem, in Marokko selbst und in Marrakesch, der aufregendsten der vier Königsstädte des Landes – und dann wiederum auch nicht.

Brodelndes Leben vor roten Häusern

Noch immer rumort, quäkt, schlendert, tobt, brodelt das Leben auf dem Djemaa el Fna, dem zentralen Platz in der Altstadt, wenn die roten Häuser langsam ins sanfte Blau einer nordafrikanischen Nacht hinüberleuchten. Jetzt trifft sich wie zu allen Zeiten die ganze Stadt hier, im Herzen der Medina – um noch schnell etwas an einem der Imbissstände zu essen, den Geschichtenerzählern zu lauschen, den heißen Atem der Feuerschlucker zu spüren, den Akrobaten zu applaudieren oder sich beim Anblick der mobilen Zahnärzte zu gruseln.

Tolerant, wild und ursprünglich

Wenn Orient, dann hier und jetzt: Der Platz, der von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde, ist einer der aufregendsten Nordafrikas. Weil er ein Abbild des modernen Marokkos ist: Kopftuch und knallenge Jeans, Schleier und bauchfreies Top flanieren nebeneinander und zeichnen das Bild eines toleranten islamischen Landes, dessen König Mohammed VI. für Fortschritt eintritt. Und weil auf ihm auch das Getümmel des wilden, ursprünglichen Marokko herrscht, ein Geschiebe und Gezerre, das zwar anstrengend ist, aber relativ ungefährlich – relativ, weil natürlich auch hier der eine oder andere Dieb lange Finger macht.

Die Illusion exotischer Bilder

Und doch liegt über dem 1001-Nacht-Treiben ein Hauch Vergänglichkeit. Wer genauer hinsieht, bemerkt, dass die Wasserverkäufer in ihren auffallenden Kostümen längst ihr Geld als wandelnde Fotomotive verdienen. Dass die Akrobaten, die Frauen, die anderer Frauen Hände mit Henna verzieren, die Affendresseure und Geschichtenerzähler Showtalente sind, Profis, die die Illusion exotischer Bilder aufrechterhalten. Selbst die Kobras der Schlangenbeschwörer mussten ihre Giftzähne bei Arbeitsantritt abgeben.

Kichererbsen und Schafshirn

Faszinierend bleibt der Djemaa el Fna trotzdem, und eine schmackhafte Adresse ist er obendrein: Wenn die Nacht hereinbricht, füllt sich der Platz mit Imbissständen, die von Kichererbsensuppe über Merguez (Lammfleischwürstchen) bis Schafshirn jede kulinarische Erdenklichkeit im Angebot haben. Und auch hier zeigt sich das neue Marrakesch: Die Lebensmittel werden kontrolliert, besonders für Touristen eine magenfreundliche Einrichtung. Auch die Souks, die Gassen, Gässchen und Stiege des Basars, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Djemaa el Fna beginnen, haben sich mit ihrem Warenangebot an die Fremden angepasst. Starke Nerven sind aber auch heute noch von Vorteil, wenn ein Shopping-Trip auf dem Programm steht: Die Händler nehmen ihren Beruf ernst – und wollen gar nicht verstehen, wenn ihr Warenangebot kein Interesse weckt. Wer sich allzu aufdringlicher Geschäftspraxis erwehren möchte, bucht einen der offiziellen Guides.

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