Santiago: Die Rum-Freundliche

„Wenn der Alkohol wirklich gefährlich wäre, dann wären die Kubaner längst tot“, so tönt es am Nachmittag in einer Seitenstraße in Santiago de Cuba. Der Ruf des verschmitzt grinsenden Mannes mag Zufall sein, Tatsache ist jedoch, dass die Geschichte Santiagos aufs Engste mit einem hochprozentigen, aus Zuckerrohr gewonnenen Getränk verknüpft ist – dem Rum. Es war vor allem die Familie Bacardi, die dazu beigetragen hat, dass Kuba nicht nur als Zuckerinsel, sondern auch als Schnapsinsel weltweit berühmt ist.

Anziehungskraft des Ostens

Der Ausgangspunkt des Aufstiegs der Familie war Santiago de Cuba im Osten des Landes, dort, wo die Temperaturen wärmer und die Menschen dunkler sind als in dem mehr als 800 km weiter westlich gelegenen Havanna. Die 500.000-Einwohner-Metropole, die bis Mitte des 16. Jhs. sogar die Hauptstadt Kubas war, ist ein kulturelles und wirtschaftliches Zentrum des kubanischen Ostens. Die riesigen Fabriken und Lagerhallen der Bacardis, die Kuba kurz nach der Castro-Revolution im Jahr 1959 verlassen haben, sind hier noch immer in Betrieb. Der Rum, der heute dort produziert wird, heißt freilich nicht mehr Bacardi, sondern „Santiago“ oder „Caney“.

Straßenlampen dank Rum

Doch der berühmte Name steht in Santiago nicht nur für Hochprozentiges, sondern auch für Stadtentwicklung. Emilio Bacardi führte 1905 als Bürgermeister auf dem Parque Céspedes, dem sehenswerten Hauptplatz direkt im Zentrum der Stadt, die elektrische Straßenbeleuchtung ein. Zudem stiftete er ein städtisches Museum, dessen prächtiger neoklassizistischer Bau noch heute einen Besuch lohnt. Auf insgesamt drei Stockwerken werden archäologische Funde aus verschiedene indianischen Kulturen und Waffen aus dem Befreiungskampf des 19. Jhs. präsentiert. Dazu kommen ägyptische Kunstwerke, eine ägyptische Mumie sowie europäische und kubanische Gemälde.

Nur ein Name: Bacardi

Den Spuren der Bacardis begegnet man in Santiago nicht nur im Bacardi-Museum, an der etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Bacardi-Villa und auf dem ehemaligen Firmengelände: Auch auf dem Friedhof Santa Ifigenia tragen etliche der größten und schönsten Grabmonumente den Namen der Familie.

Begegnung mit Castro

Ein Ausflug in die Vergangenheit – der mit einem weiteren kombiniert werden kann: In seiner Jugend und Sturm- und Drangzeit hielt sich Fidel Castro vorwiegend im Osten des Landes auf. Der Sohn eines reichen Grundbesitzers aus der Provinz Holguin besuchte in Santiago ein Jesuitenkolleg. Hier probte Castro im Jahr 1953 auch erstmals den Aufstand, indem er mit knapp 130 Genossen zum Sturm auf die Moncada-Kaserne ansetzte – und scheiterte. Auch der Aufstand vom Dezember 1958 verfehlte seinen Zweck, berichtet Stadtführerin Lucia Perez, die ein bisschen traurig darüber ist, dass sie vor allem von Kriegen und Kämpfen zu berichten hat, wenn sie über Santiagos Geschichte referiert.

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