Wandern: Den Göttern ganz nah

„Weiße Berge” heißt das kalkige Labyrinth im Westen Kretas: Lefka Ori. Mehr als 60 Zweitausender drängen sich da zu einer Mondlandschaft unter mediterraner Sonne. Das ist mehr Fels, als man in einigen Monaten erwandern kann. Manche Plätze werden dabei häufiger besucht als andere: zum Beispiel die größte der seltenen Feuchtoasen der trockenen Lefka Ori, die Omalos-Hochebene. Nach haarsträubenden Serpentinen, die vom Bergort Lakki scheinbar direkt in den Himmel führen, taucht das Feuchtland hinter der letzten Kurve eines 1200 m hohen Passes auf – wie ein großer, grüner, runder, gut belegter Salatteller, und das Glockengebimmel der Schafe passt haargenau zum erfrischenden Idyll. Weiß schimmern die kargen Felsen der Lefka Ori an den hochgezogenen Rändern der „Schüssel”. Kaum ein Stein stört dagegen die Kartoffel- und Getreidefelder der flachen Sohle. Sogar Wein wächst noch in dieser Höhe.

Weiden am Rande einer Mondlandschaft

Privilegiert sind die Schäfer von Omalos in jedem Fall: Das Land wird ihnen kostenlos von der Gemeinde zur Verfügung gestellt, unerquickliche Streitigkeiten über Weiderechte bleiben ihnen erspart. Schmale Ziegensteige führen von Omalos, Therisso, Kampi und anderen Dörfern weit in die Berge der Lefka Ori hinauf. Zu den großen Almen von Pirgos, Livada, Katsiveli und Klissidia. Oder zur Alp von Sellia: Die Hirten gaben dieser großartigen Terrasse, die Sie über Therisso und Aliakes erreichen, den Namen „Belvedere” – „Schöne Sicht”. Ähnliches ließe sich von Dutzenden weiteren Lagerplätzen in den Weißen Bergen behaupten. Die Komposition der Gipfel wechselt je nach Standort und Lichteinfall. Doch was gleich bleibt, sind die Mondlandschaften der ganz oben fast vegetationslosen Einöde.

Samaria: die Mutter aller Schluchten

Lange, gerade Wege durchziehen die Omalos-Ebene und dort, wo in südlicher Richtung die graue Felsmauer des Gingilos-Bergs aufragt, ist der Einstieg in die bekannteste Schlucht Europas. Ein offizieller Papierschnipsel steht am Anfang der Samaria, die seit 1962 ein 4500 m2 großer Nationalpark ist: Mit dem Ticket können Besucherfrequenzen von bis zu 3000 Menschen pro Sommertag nachgerechnet werden. Blank poliert von Eselshufen sind schon die ersten Meter, dabei fand sich früher beim steilen Einstieg Xiloskalo noch ein aus Holzstufen gebauter Treppenweg. Abrupt geht es in spitzen Wegkehren aus 1227 m Höhe fast senkrecht in die Tiefe.

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