Kreta kulinarisch: Leckere Landliebe

„Drei Arten Menschen gibt es: Solche, die Eier ohne Schale essen, solche, die Eier mit Schale essen, und solche, die sie mit der Schale und samt Schüssel verspeisen. Die der dritten Art heißen Kreter.“ Was der Heimatdichter Nikos Kazantzakis über seine Landsleute schreibt, behaupten wohl auch die Nachbarn über Evangelos Grammatikakis aus Karteros. Tatsächlich scheint der breitschultrige Kerl mit dem Schraubzwingenhändedruck, den baumstarken Beinen und unruhig rollenden Augen vor Tatkraft beinahe zu platzen. Vor kretischer Tatkraft wohlgemerkt: „Sieh dir meine Trauben an“, brüllt er seinen Gästen zu, und reißt ein unglaubliches Bündel von der Überdachung seiner Veranda. 300 kg gedeihen allein auf einer Rebe, das schwört Evangelos, und reihenweise verschwinden die dicken Kügelchen in seinem vollbärtigen Gesicht: „Der Pferdemist und Kretas Sonne haben sie so groß und süß gemacht“. Als Erster auf der Insel organisierte Evangelos Reitferien, bestückte Planwagen – und erfrischt seine Gäste seither mit einer gehörigen Prise kretischen Landlebens: In Sfendili werden Oliven gesammelt und Johannisbrot samt Mandeln geerntet. In Zermiado auf der Lassithi-Ebene mit langen Stangen die Nüsse vom Baum geschüttelt und bei der nahen Weinkellerei von Skalani die Weintrauben zu Rosinen und die Rosinen zu lokalen Leckereien verarbeitet.

Das Rezept heißt Landleben

Evangelos zählt zu den Pionieren des kretischen Agrartourismus’ – einer zunehmend boomenden Sparte, die im Idealfall die von Abwanderung bedrohten kretischen Dörfer aufblühen lässt. Im Südosten der Insel, nahe bei Makrigialós gründete der Deutsche Franz Jaeger etwa den kretisch-deutschen Freundeskreis Péfki, der sich die Sanierung eines typischen, 4 km landeinwärts gelegenen Bergdorfes zur Aufgabe gestellt hat. Die dichteste Konzentration an Revitalisierungsprojekten erzielt aber die Region Apokóronas, auf halber Höhe zwischen Chaniá und Réthimnon gelegen. Innerhalb eines Jahrzehnts wurden Orte wie Doulianá oder Gavalochóri wahre Schmuckstücke, und die neu gegründete Kooperative „Vamos AE“ organisiert die Vermietung von revitalisierten Villen mit Terrasse und Garten. Das Zauberwort heißt „Landleben“, und beinhaltet rosa Brocken selbst gekochter Olivenölseife ebenso wie die Mitarbeit an der traditionellen Weinlese. Die regionale Seidenklöppelkunst, lokale Holzschnitzerei und sogar eine kleine Nudelfabrik bescheren den wiederentdeckten Apokóronas-Orten nun einen ungeahnten Aufschwung, wobei auch die ambitionierte Vermarktung lokaler Delikatessen – vom Tintenfisch in Wildgräsern über Käse bis zum Schneckengericht – zur anhaltenden Beliebtheit der „wiedergewonnenen“ Dörfer beiträgt.

Gut geölte Götterinsel

Wie von selbst rücken Kretas kulinarische Traditionen dabei in den Fokus. Die 24 Mio Olivenbäume der Götterinsel etwa stellen knapp 40 Prozent der gesamtgriechischen Olivenölproduktion. Olivenöl ist das A und O der lokalen Küche, und die allerbeste Schmiere der kretischen Gaumen entstammt der ersten Pressung der noch unreifen Koronaiki-Olive. Kolimvari, Kasteli, Peza oder Candia sind unterschiedliche Markennamen dieses Spitzenprodukts, das besser in herkömmlichen Blechdosen vor dem Sonnenlicht geschützt werden sollte. Höhere Säuregehälter als diese „Jungfernöle“ haben die nächstbesseren Handelsklassen: Extra Virgin, Fine und Semi-Fine.

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