St. Kitts: Zuckerbaron auf Zeit

Wer nach St. Kitts kommt, der hat es unter Umständen geschafft – auch finanziell. Darauf verweist die erstaunliche Dichte an Offshorebanken und Notariatsbüros. Dinge wie Einkommens-, Erbschafts- oder Vermögenssteuer sind im karibischen Ministaat nämlich ebenso unnatürlich wie Schneefall oder giftiger Schlangenbiss. Häufiger als steuerflüchtige Millionäre tauchen aber Kreuzfahrttouristen auf, deren Schiffe im Tiefwasserhafen von Basseterre vor Anker gehen.

Nationalsport Liming

Wenn die Seereisenden am vorgerückten Nachmittag durch die Gässchen des Hauptorts von St. Kitts schlendern, um im Schatten der hölzernen Arkaden nach geblümten Hemden zu suchen, dann können sie den Einheimischen beim erklärten Nationalsport zusehen: dem allerorts eifrig trainierten Sonnenbaden, „Liming“ genannt. Vielleicht deswegen weil auch Mamas beste Hühnerflügel erst stundenlang in Limesaft, also Limettensaft, baden müssen, um kulinarische Weltklasse zu erlangen. Das Rezept funktioniert wohl auch bei den Insulanern selbst: Liming macht locker, löst die hierzulande ohnehin nie besonders verspannte Lachmuskulatur und ist eine echte Lebensphilosophie.

Logenplatz am „Circus“

Der wahre Charme Basseterres zeigt sich trotzdem erst dann, wenn hart gesottene „Limer“ die abendlichen Logenplätze an den Veranden rings um den zentralen „Circus“ bezogen haben – und an den hier gelegenen Restaurants Meeresschneckensalat, „Carib Beer“ und den Blick aufs verschlafene Zentrum des Ortes genießen. Ein perfektes Ensemble kolonialer Holzfassaden schart sich da um einen strammen Uhrenturm, rote Telefonzellen britischen Zuschnitts ergänzen das viktorianische Ensemble und die Karibik steuert ihren lila Abendhimmel bei.

Pastellgrüne Kolonialgeschichte

Was der „Circus“ verspricht, hält auch der Rest der Stadt: Sanft schaukelnde Laternen, rund poliertes Kopfsteinpflaster und elegante Villen, in deren unverglast gebliebenen Fenstern geisterhaft die Gardinen wehen, zaubern viel romantisches Flair in die schwüle Luft. Pastellgrün, malvenfarben, muschelweiß liegen die leicht windschief gewordenen Prachtbauten der ehemaligen Kolonialwarenhändler in den Gassen. Um ein touristisches Freilichtmuseum handelt es sich dabei aber nicht. Das Schicksal der allzu steril restaurierten „Pelican Shopping Mall“ an der Hafenstraße – einst ein verstaubtes Lagerhaus – blieb dem Hauptort des Ministaates erspart: Konserviert wurde im vielleicht hübschesten Städtchen der Kleinen Antillen vor allem historisches Erbe. Gleichmäßig verteilen sich die Relikte einer vergangenen Ära über die sanften Hänge, die von den vulkanischen Bergen im Inselinneren Richtung Küste abfallen. Hier eine brüchig gewordene Gräberplatte mit der 1648 eingemeißelten Inschrift „General of y Caribee“ samt Ziegen, die aus den Ritzen Frischklee zupfen. Da eine Batterie rostig gewordener Kanonen, die nun als Eyecatcher eines Luxushotels dienen. Wer St. Kitts besucht, bewegt sich nicht bloß durch ein ungewöhnlich authentisches Stück Karibik, sondern trifft auf historische Meilensteine der gesamten Region.

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