Nevis: Karibik in klein

Das Inselchen Nevis hat ein Zuckerstück, das es eifersüchtig bewacht. Mel B, ehemaliges Mitglied der Spice Girls, zählt nämlich seit einiger Zeit zum offiziellen Nationalschatz der 9000 Insulaner – auch wenn Mels Vater das Inselchen schon vor Jahrzehnten Richtung London verließ. Doch Inselblut ist dicker als vieles, und entsprechend stolz sind die Bewohner auf ihr tropisches Eiland. Das verrät auch der latente Zwist mit dem großen Nachbarn und Rivalen St. Kitts, mit dem Nevis auf Staatsunion macht. Stolz und mit eigenem, schleppendem Akzent verweist man im verschlafenen Hauptort Charlestown etwa auf die begehrten Sondermarken des lokalen Postamtes – neuerdings gibt es sie mit hübschen Unterwassermotiven.

Klitzekleiner Karibikboom

Kein Wunder, dass von Zeit zu Zeit das Gerücht von Sezession durch den Ort geistert, der heute einen kleinen Boom erlebt. Zwei schicke Cafés und eine Aquarellgalerie haben sich unter die Buden geschummelt, die mit Saltfish (Stockfisch) eines der Traditionsgerichte der Karibik an den Mann bringen wollen. Selbst das zur „Cotton Ginnery“ umgebaute Lagerhaus verkauft mehr Batiken denn je. Auf mehr als drei echte Straßen ist Charlestown deswegen nicht angewachsen, und auch der alte Judenfriedhof hinter dem Polizeiposten schweigt weiterhin im Schatten fremder Brotfruchtbäume vor sich hin.

Die wachgeküsste Schneebedeckte

Ganz so verträumt wie noch in den frühen 90ern zeigt sich „Las Nieves“ – Columbus taufte die Insel wegen des permanenten Wolkenhäubchens über dem zentralen Vulkankegel „Die Schneebedeckte“ – aber doch nicht mehr. Auf Dauer ließ sich auch Pinney’s Beach, der schönste Strand der gesamten Föderation St. Kitts & Nevis, vor der Welt nicht versteckten. So wurde aus der westlichen Inselperipherie eine Goldgrube in Form eines großen Resort Hotels, des Four Seasons. Dazu kam ein hübsch angelegter Golfplatz und die eine oder andere Beachbar. Platz für lange Spaziergänge am Traumstrand blieb dabei allemal, Grünzeug für Palmblattbastler und eine kleine, bunte Fischerflotte blieben ebenfalls erhalten.

Exil in der Zuckermühle

Sollte es trotzdem eng werden im Four Seasons, so gibt es immer noch das Exil Marke „Zuckermühle“. Auf Nevis grenzen die in Hotels umgewandelten Ex-Plantagen mitunter unmittelbar an den Regenwald, und wurden – wie etwa das Old Manor Hotel – in praktisch intakt gebliebenen Betrieben untergebracht. Doch nicht überall genießen heute Touristen ihren Urlaub, wo früher Plantagenarbeiter schufteten. Zum Beispiel im Osten der Insel, der sich am schönsten per Eseltrekking erkunden lässt und den Eindruck macht, dass sich die Historie ein wenig besser hielt als beim großen Bruder St. Kitts. Unmittelbar hinter dem Ort mit dem märchenhaften Namen Gingerland ragen die kalt gewordenen Schornsteine der Zuckermühlen in zunehmender Dichte in den Himmel und Ziegenherden meckern den spärlichen Autos hinterher.

Wind und Einsamkeit

Dunkelgrün zieht sich der Regenwald die Hänge herunter, kleine Wege führen zur viel raueren See der windigen White Bay. Die alten Geschichten der Zuckerinsel sind in dieser Ecke noch ganz lebendig. Etwa jene von der anglikanischen Cottle Chapel, wo die eingeschleppten Sklaven das erste Mal mit ihren Masters singen gingen. Oder die Tragödie von Missis Huggins, die ihren Bräutigam noch am Hochzeitstag verlor – durch ein Duell. Seither gilt die zur Ruine verkommene Eden Brown Estate als verhext, und sieht auch ganz danach aus. Von Bar und Pool im Zuckerhaus keine Spur: Hier haben Mungos und Meerkatzen das Sagen.

Informationen im Internet:

nevisisland.com

doitcaribbean.com


Übernachten:

Four Seasons Resort Nevis
P.O. Box 565, Pinney’s Beach, Charlestown,  Tel. 00 18 69/469/11 11, fourseasons.com/nevis

Traumresort mit allem, was das Urlauberherz begehrt, am wunderschönen Pinney-Strand ab 460 US$ die Nacht. Golfer finden gleich nebenan den besten Platz weit und breit.

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