Pondicherry: Utopien unter Palmen

Rote Képis tragen die Flics mit den samtig braunen Gesichtern, und charmant weisen sie mit ihren Stöckchen unbefugte Kühe von den ruhigen Boulevards rund um das blitzweiße Hotel de Ville retour aufs Trottoir. Vite, vite vache! Pondicherry ist anders. Nicht nur wegen der Flanierzeilen werden Erinnerungen an Nizza wach. Auch französische Straßennamen wie Goubert Avenue oder Rue Dumas und die über dem französischem Konsulat flatternde Trikolore verweisen auf die frankophile Tradition der gut 160 km südlich von Südindiens Metropole Chennai gelegenen, einstigen französischen Enklave.

Geheimtipp der Ostküste

Nahezu 300 Jahre dauerte das koloniale Intermezzo, und die koloniale Prägung trägt Pondicherrys meerseitig gelegener Stadtteil, die ehemalige „ville blanc“, immer noch. Heute besonders, da „Pondi“ als Geheimtipp der indischen Ostküste gilt. Neben Designer-Hotels wie „The Promenade“ wurde an der Rue de la Caserne eine französische Kolonialvilla aus dem 18. Jh. in das schönste Heritage-Hotel weit und breit verwandelt – Gourmet-Restaurant im Innenhof und Mangobaumschatten sind im „Le Dupleix“ inklusive.

Feine Bars

Ein Revival mit System. Ganz ohne Sentimentalitäten blickt Frankreich ja auch heute noch nicht auf die Hauptstadt des Unionsterritoriums Pudducherry, deren feine Bars wie Alkohol-Oasen inmitten des „trockenen“ indischen Bundesstaats Tamil Nadu liegen. Der Verfall ganzer Straßenzüge war dem Pariser Kulturministerium in der Vergangenheit immerhin Anlass zur Restauration einer ganzen Straße.

Synthese von Ost und West

Dennoch ist es weder Gallien noch das reiche Erbe der alten tamilischen Kultur, sondern schlicht eine bessere, neue Welt die die meisten Ausländer nach Pondicherry führt. Denn hier beginnt das Auro-Land des Sri Aurobindo Ghose, spiritueller Führer mit breiter Massenwirkung. 1926 gründete Aurobindo das gleichnamige Ashram und verfolgte eine Synthese von östlichen und westlichen Ansätzen.

Big Aurobindo is watching you!

Der Sri Aurobindo Society gehört heute praktisch halb Pondicherry, und kaum ein Traveller, der nicht in einem der vier Auro-Hotels der Stadt wohnt. Das beste darunter ist das modernistische Park Guest House des französischen Architekten Roger Anger: blitzblank die Zimmer, mit Auro-Terrakotta-Wasserkrug, Auro-Wollteppich, Balkonblick aufs Meer und Bett mit Blick aufs Aurobindo-Porträt: glatter Mittelscheitel, glänzendes langes Haar, milder Blick. Big Aurobindo is watching you. Daneben hängt fast immer auch „Mutter“ – Frau eines französischen Diplomaten, Schülerin des Sri Aurobindo und treibende Kraft hinter einem erstaunlichen Projekt, das einige Kilometer nördlich von Pondicherry tagtäglich Dutzende Westler das Landsträßchen neben der Auro-Beach entlang rollen lässt: Auroville.

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