Cheung Chau Island: Kleine Fluchten

Eiserne Disziplin. Ein dickes Stück Draht. Und gestählte Fußsohlen. All das brauchen die Kleinen, und auch der mit Batterie betriebene Handventilator kann im Moment nicht schaden. Surrend wälzt er die warme, feuchte Luft um, die im Hof des Pak Tai Tempels zum Schneiden steht und den Stars der Parade die Schweißperlen auf die angespannten Gesichter treibt. Es sind Mienen, deren Härte man normalerweise nur von ausgebufften Zirkuskindern kennt. Kein Zucken verrät, wie sich die Mini-Mandarine und -Götter auf ihren Eisenstäben fühlen. Bloß die Familie blamieren will keiner von ihnen. Das wäre auf der kleinen, Hongkong vorgelagerten Fischerinsel Cheung Chau ein schwarzer Fleck, an dem man wohl sein Leben lang zu schrubben hätte – soviel ist den fünfjährigen Teilnehmern des Bun-Festivals, des Brötchenfestes, klar.

Seidenpanzer und Filzfühler

Also lassen sie ihre großen Schwestern geduldig die Schminke nachziehen, und Großmütter an den Krägen nesteln. Wie Marionetten ohne Fäden ziehen die Kinder vorbei: Dämonen, Helden, Feen, die mit den Zehenspitzen auf einem Papierfächer, einer Teetasse, ja auf der Spitze eines Schwertes zu stehen scheinen. Ein Feuerwehrmann und eine freche Badenixe bringen moderne Akzente in den traditionellen Umzug durch die Gassen des kleinen Inselorts. Ganz zuletzt wird ein Knirps mit schwarzen Filzecken um den Kopf vorbeigetragen – modische „Fühler“ wie sie Chinas Hofschranzen einst trugen. Wie ein verirrte Maikäfer fliegt der Kleine durch die laue Luft.

Eine Insel für Verliebte

Der Mai ist der Monat, in dem die Parade der „schwebenden Kinder“ den Höhepunkt des Bun Festivals einleitet und seit mittlerweile drei Jahrhunderten Gäste aus allen Teilen der Welt überrascht. Geschickt verbergen Kostüme und lange Kleider, dass die Kinder auf knappen Sitzen getragen werden. Die Illusion, sie würden auf Zehenspitzen balancieren, ist perfekt. Der Rest der Insel allerdings ist keine Illusion, weshalb sie ein perfekter Fluchtpunkt aus der hektischen, 10 Fährenkilometer entfernt liegenden Megacity ist, auch ohne schwebende Kinder und Bun Festival. Kneipen, Cafés, jede Menge Seafood-Restaurants laden nicht nur die verliebten Hongkonger Pärchen, die auf dem winzigen, autofreien Eiland turtelnde Zweisamkeit suchen, zum Sich-Hinüberträumen in eine andere Welt ein. Hier geht es entspannter zu – sieht man von den Zimmervermietern am Fähranleger ab, die sich auf alle Neuankömmlinge stürzen. Das dörfliche China, das China der Fischer und Händler, scheint wie eh und je zwischen Praya, der quirligen Uferpromenade, und Pak Tai Tempel zu existieren. Das Bun Festival allerdings ist eine Zeit hektischer Betriebsamkeit.

Erst fasten, dann feiern

Wenn die Kleinen ihren großen Auftritt haben, und die Pressefotografen ihre Hälse und Teleobjektive recken, dürfen die Arbeiter hinter den Kulissen bereits in den wohlverdienten Erschöpfungsschlaf sinken. Zu diesem Zeitpunkt fastet die Insel bereits seit drei Tagen, lebt strikt vegetarisch, selbst Cheung Chaus einziger McDonald’s steigt  auf Veggie Burger um. So ist der Auftritt der „schwebenden Kinder“ fast schon der Schlussakkord des traditionellen Festes: die wuscheligen weißen Haare der tanzenden Pappmachélöwen, das Trommeln und Tröten traditioneller Musikinstrumente, die Laternen und zahllosen Wunschzettelchen an Gerüsten leiten nur noch auf den letzten Akt hin – die Verteilung der Namensspender fürs Fest: der berühmten Glücksbrötchen aus Cheung Chau.

Glücksbrötchen gegen böse Geister

Die Tradition ist einem Sturm vor 300 Jahren zu verdanken, der die Insel verwüstete und ihr eine schreckliche Seuche bescherte. Die bösen Bazillengeister, die damals mit Zeremonien vertrieben wurden, halten sich bis heute fern – vielleicht, weil die Fischer seitdem im Pak Tai Tempel Jahr für Jahr tausende gedämpfte Brötchen auf drei 16 m hohe Bambuskegel für die Götter aufstapeln. Zum Ausklang der Festivitäten werden sie verteilt. Rote Stempel zieren die Originale, aber um Frischesiegel handelt es sich dabei nicht unbedingt: Jener Passagier an Bord einer speziell fürs Fest eingesetzten Fähre, der bei der Rückfahrt nach Hongkong Island zwei, drei Mal mit dem Götterbrötchen gegen das Bordwandmetall klopft, erntet einen Klang wie – Pappe. Also doch eine Illusion? Mag sein, was das Gebäck betrifft. Was Cheung Chau angeht, keineswegs: Dieses Schmuckstück vor Hongkongs Toren ist ganz real.

Informationen

Website von Cheung Chau (englisch): cheungchaurc.com

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