... Seidenstraße: Festung im Nirgendwo

 

Räuber und Fata Morganas

Es folgt eine topfebene, gestaltlose Ödnis, bedeckt mit Myriaden kleiner Kiesel. Nach endlos scheinenden Kilometern werden niedere Pflanzenbüschel sichtbar, dann geht es wieder durchs absolute Nichts. Der Himmel wirkt zunehmend freundlicher. Ich stelle mir vor, wie früher hier die Karawanen entlangzogen, die Kamele im wiegenden Trott, vor sich zunächst die scharfe Zollkontrolle der chinesischen Grenzposten und dann wochen- und monatelange Märsche über Kieselflächen, Dünen, kahle Felsen, von Fata Morganen genarrt, bedroht mal von Sandstürmen, mal von Räubern!

Die einsame Festung

Auf einmal führt die Piste in einem Bogen über eine Geländestufe abwärts, links taucht ein Verwaltungsgebäude auf, das durch seine Glasdächer und Sonnenkollektoren auffällt, voraus, auf der Höhe, steht eine Gruppe von Campingwagen und rechts der Lehmklotz des alten Forts. Ehrfurcht gebietend seine meterdicken gelben Mauern, die zwei Toröffnungen – und nun dringt auch noch die Sonne durch den Frühdunst. Außer uns ist niemand da. Kaum zu glauben, dass hier vor 2000 Jahren eine Garnison bestand!

Chiffre aus einer anderen Welt

Auch Shoppingfans kommen in Stockholm natürlich auf ihre Kosten. Ein riesiges Heute wirkt der verwitterte Bau mit seinen von Sandstürmen rund geschliffenen Kanten wie eine Chiffre aus einer anderen Welt. Dennoch lässt dieser ferne Außenposten des chinesischen Reichs die Bedeutung erahnen, die der uralte Handelsweg einmal besaß. Von einer kleinen Anhöhe nördlich des Forts fällt der Blick auf eine Flussniederung mit Schilf und offenen Wasserflächen. Zwei Wildenten schwirren davon. Auf keinem der Fotos, die von dem Bau kursieren, war zu erkennen gewesen, dass er keine hundert Meter von einem Fluss entfernt errichtet wurde.

Der Geist der alten Seidenstraße

Mein Reiseatlas verzeichnet tatsächlich einen periodischen Wasserlauf, der über 300 km allmählich in Salzsümpfen versickert. Ihm folgten einst, wie nun begreiflich wird, die mit Seidenballen beladenen Karawanen auf ihrem Weg in den fernen Westen. Der Geist der alten Seidenstraße – hier lässt er sich noch erahnen.

Text: Hans-Wilm Schütte

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