Ungarische Wachau: Zeig Dein Knie!

„Dort drüben geht’s nach Westtransdanubien“, weist der Gärtner des Freilichtmuseums von Szentendre (St. Andreas) den Weg durch „sein“ Land. Ungarn ist hier allerdings auch überschaubar klein geblieben: Auf 46 ha erstrecken sich originale Bauten und traditionelle Siedlungsformen aus mehreren Landesteilen über Hügel und Mulden. Ein schindelverkleideter Glockenstuhl mit komplizierter Eichenholzkonstruktion ragt neben einer calvinistischen Kirche auf. Weiß geschlämmte Wände langgestreckter Bauernhäuser blitzen wie panonnisches Zahnpastalächeln am graugrünen Boden. Einmal Puszta – Balaton und retour, das ist hier bloß ein Katzensprung.

Szentendre: Bohéme, Barock und Marizipanpüppchen

Rein zufällig wurden die historischen Bauten des schönsten ungarischen Freilichtmuseums aber nicht ins hügelige Umland von Szentendre verfrachtet. Als beliebtes Ausflugsziel zieht das 16 km von Budapest entfernte Barockstädtchen seit langem Ungarns Künstler und die lokale Schickeria an. Picassos Freund und Malerkollege Béla Czóbel (1863 – 1976) füllte hier auf impressionistische Art und Weise ungezählte Leinwandflächen. Später machte die Keramiklegende Kovács mit länglichen Tonpüppchen von sich reden. Kovács Modelle: Köche, Priester, Schweinefürsten und rotbestrumpfte Ungarmädel. Verschollene Figuren aus der Nachbarschaft, die auch den lokalen Konditormeister Karoly Szabo inspirieren. Er hat sich auf handgerollte Marzipanpüppchen spezialisiert, und stellt sie im Marzipanmuseum zur Schau.

Die östliche Donau-Pforte

Kunst und Kitsch lagen stets nah beisammen, seit stadtmüde Budapester Maler in den 1930er-Jahren das mittelalterliche Handelsstädtchen „entdeckten”, und hier eine Art ungarisches Montmartre gründeten. Auch jetzt infiltrieren holzgeschnitzte Dragoner und nett gehäkelte Pusztamädel die Schaufenster der lokalen Souvenirshops, vor denen Szentendres Kutscher zum Sightseeinggalopp bitten. Vorbei an der Mariä-Verkündigungskirche mit der hochgezogenen Turmfassade und an den Fassaden reicher Kaufmannshäuser rollen die Wagen den Burghügel hinauf. Dort verschnaufen Gäule und Touristen, und genießen fulminante Ausblicke auf mittelalterliche Dächerfluchten. Glasierte Kuchenformen und Wasserkrüge glänzen im Licht des späten Nachmittags in den Innenhöfen, und an den Pfosten baumeln lange Knoblauchkränze.

Glitzernde Donau

Weiter entfernt aber glitzert die Donau zwischen den Auwäldern, die am dunstigen Horizont in die Hügelländer der Börzsöny-Berge übergehen. Dort legt sich die Steppe in Falten, dort beendet die Donau einen spektakulären Durchfluss, der rund 40 km weiter flussaufwärts beginnt. Ungarische Wachau heißt dieser Abschnitt. Oder schlicht und simpel „Donauknie“. Das prachtvolle Szentendre mit seiner großen vorgelagerten Donauinsel fungiert dabei als östliche Pforte. 417 km fließt die Donau durch Ungarn. Am allerschönsten tut sie das zwischen Szentendre und Esztergom.

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