10. Oktober 2006: Sydney – von Eierwärmern und Orangenschalen

Meine Erwartungen an die heimliche Hauptstadt Australiens sind groß. Nein, um ehrlich zu sein: riesig. Hat mir doch Mark, gebürtiger Sydneysider und Unifreund aus Melbourne, prophezeit, dass ich mich in die Stadt mit dem schönsten Opernhaus der Welt sofort verlieben würde. Als ich ihm sage, dass Liebe auf den ersten Blick nicht so mein Ding ist, erwidert er grinsend: „Wart’s ab und starte deine Sightseeingtour unbedingt am Circular Quay!“  Dort gelandet, muss ich gestehen: Das Hafenflair sucht seinesgleichen. Ich sauge es bei einer café latte, deren Preis sich eher am Blick als an der Bechergröße orientiert, auf und genieße die Aussicht: Linker Hand auf die Harbour Bridge, die alle liebevoll “Kleiderbügel“ nennen und auf deren Bogen Hunderte von Menschen ameisenähnlich gegen eine stolze Summe von einem Ende zum anderen kraxeln, und rechter Hand auf das Wahrzeichen der Stadt: dem Opernhaus.

Wasserfall

Nachdem ich das Dach der Oper ausgiebig bestaunt habe, frage ich mich, an was mich die kühne Konstruktion erinnert. Na klar: die Kopfform der Coneheads aus dem gleichnamigen Film. Nach diesem Moment der Erleuchtung, lehne ich mich locker zurück. Ich muss nicht lauschen, um die Diskussion des Pärchens am Nebentisch mitzubekommen: „It looks exactly like an egg cosy!“ Ich muss schmunzeln, die Eierwärmer-Idee gefällt mir. Ihrem Begleiter jedoch nicht. „Are you kidding! It looks like orange peels. Not really orange, but … well … the shape …” Das Letzte, das ich höre ist ein wenig überzeugt klingendes „Yes, honey!“

Coneheads, Eierwärmer oder Orangenschalen – bei meinem Konzertbesuch erfahre ich, dass sich der dänische Architekt Jørn Utzorn schlicht und ergreifend von Ausschnitten einer Kugeloberfläche inspirieren ließ. Doch Dachform hin oder her: “Heroes and Lovers“, das Klassikkonzert, für das ich eine Karte ergattern konnte, ist spitze. Paul Lewis, der aufstrebende Star am Pianistenhimmel, gibt zusammen mit den Sydney Symphonikern Stücke von Beethoven und Prokofiev zum Besten.

Mein Herz habe ich tatsächlich ein wenig verloren. An die Oper und den Hafen, der vor allem bei Nacht in einem unglaublichen Lichtermeer erstrahlt. Und überhaupt: Welche andere Millionen-Metropole kann schon mit solch überdimensional großen Eierwärmern aufwarten?

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