25. Mai 2007: Kata Tjuta und Kings Canyon: Gebirgsformationen der Extraklasse

Der Sternschnuppenregen der letzten Nacht ist längst verflogen, als uns Chris gegen halb fünf aus dem Schlaf reißt: „Morning mates, time to get up!“ schallt es herüber. Ich öffne die Augen und kann nicht glauben, dass wir bereits aufstehen sollen. Es ist stockdunkel. Tiefste Nacht. Doch dann schälen sich die ersten aus ihren “swags“. “Swags“ sind Schlafsäcke mit integrierter Matratze und Kapuze – ideal fürs Outback, da so auch noch bei Minusgraden ohne Zelt am Lagerfeuer genächtigt und der Sternenhimmel beobachtet werden kann. In einer Art Trancezustand krieche auch ich aus meinem Wüstenbett und rolle es zusammen. Das Feuer ist bereits entfacht, so muss ich auf meinen Morgenkaffee nicht lange warten. Die tiefschwarze Koffeinladung weckt meine Lebensgeister. Von Missmut keine Spur mehr. Dann sitzen wir auch schon im Van, dem Sonnenaufgang und den “Olgas“, wie die meisten Touristen “Kata Tjuta“ – die Gebirgsformation unweit des Uluru – noch immer nennen, entgegen.
Ich bin froh, dass wir keine Sunrise-Viewing-Area am “roten Riesen“ aufsuchen, sondern den Touristenströmen den Rücken kehren. Obwohl in den letzten Jahren auch die Kuppelfelsformation an Beliebtheit gewonnen hat, können hier Sonnenauf- und –untergänge noch nahezu alleine genossen werden. Ein Traum! Nach dem Spektakel nutzen wir die öffentlichen Toiletten am Parkplatz zu einer kurzen Katzenwäsche, dann steht auch schon die erste Wanderung auf dem Programm: das Valley of the Winds und seine Schluchten. Als wir uns auf den acht Kilometer langen Rundgang machen, beginnt die Sonne zu brennen. Die fröstelnde Kälte der Morgendämmerung ist gleißender Hitze gewichen. Kein Wunder also, dass sich während Chris` Ausführungen über die spirituelle Bedeutung von Kata Tjuta alle unter die wenigen Schatten spendenden Eukalypten drängen. „Ihr müsst wissen, dass diese Felsformation für die Aborigines ebenso bedeutsam ist wie Uluru. Und auch hier gibt es Stellen, die nur initiierten Männern zugänglich sind.“ In Momenten wie diesen hält Chris kurz inne, wählt seine Worte mit Bedacht – auch wenn er sonst immer einen doofen Spruch parat hat. Die älteste lebendige Kultur der Welt scheint auch einen toughen Outbackguy wie ihn tief zu berühren.

Kings Canyon

Drei Stunden später fahren wir mit Jack Johnson im Ohr und Müsliriegeln in der Hand zum Tagesziel: dem Kings Canyon. Dieser hat nicht nur steil herabfallende Felswände und spektakuläre Schluchten zu bieten. Auch die Palmenoase “Garden of Eden“ und die “Lost City“, ein Konglomerat riesengroßer Felsen, die aussehen wie überdimensionierte Bienenstöcke, erwarten uns. Liebhaber bezeichnen die Königsschlucht als “Grand Canyon“ Australiens.

Im Gegensatz zur Uluru-Umrundung setzt der acht Kilometer lange Kings Canyon Walk einen gewissen Grad an Fitness voraus. Und auch eingefleischte Flip-Flop-Fans sollten hier auf festes Schuhwerk ausweichen. Denn der von Bäumen und Palmen überwucherte “Garden of Eden“ mit seinem natürlichen Pool ist nicht leicht zu erreichen. Gleich zu Beginn müssen wir einen schweißtreibenden Aufstieg hinter uns bringen. Mehr als hundert Höhenmeter über in gelb- und rotschimmernde Gesteinsbrocken verlangen uns einiges ab. Doch die Strapazen lohnen. Das Bad im paradiesischen Pool wäscht nicht nur die rote Staubschicht von der Haut, sondern lässt mich auch wehmütig werden: Übermorgen heißt es bereits Abschied nehmen. Abschied vom Outback mit seiner erbarmungslosen Hitze und dem knochenbleichen Sonnenlicht. Ich werde abermals den Ghan besteigen, um über Adelaide nach Melbourne zurückzukehren. Doch noch ist es nicht soweit. Heute heißt es ein letztes Mal das Leben fernab jeglicher Zivilisation zu genießen – mit einem stilechten Outback-Barbie, wie die Australier ihre abendlichen Grillsessions am Lagerfeuer nennen, jeder Menge VBs (das working class beer) und natürlich brutzelnder Marshmallows. Und wer weiß, vielleicht gehen meine Sternschnuppenwünsche ja in Erfüllung …

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