1. März 2007: “Never Never Train” – im Luxuszug Ghan durchs Outback

Ein strahlender Mittwochmorgen. Keine Wolken weit und breit, dafür Waggons bis zum Horizont. Ich stehe kurz vor neun am Bahnhof in Darwin, bereit, meine 24-stündige Reise im „Never Never Train“ nach Alice Springs anzutreten. In Alice, wie der 20000-Seelen-Ort inmitten des roten Herzens Australiens genannt wird, werde ich einen mehrtägigen Stopp einlegen. Nicht, dass ich Angst hätte, es keine 47 Stunden am Stück in der rollenden Legende auszuhalten. Solange dauert der gesamte Trip, von Küste zu Küste, von Darwin nach Adelaide. Mitnichten! Doch von Alice aus werde ich zu drei grandiosen Outback-Attraktionen aufbrechen: Uluru (Ayers Rock), Kata Tjuta (Olgas) und Kings Canyon. Danach geht es wieder auf die Schiene.

Punkt 10 Uhr ist es soweit: Die Diesellokomotiven setzen sich gemächlich in Gang. Ich mache es mir in meinem „Red Kangaroo Daynighter“-Sitz bequem. Nun ja, mit der Gold-Klasse und ihren Deluxe-Kabinen im Orient-Express-Stil (mit eigenem Badezimmer in Telefonzellengröße) kann mein Platz nicht mithalten. Doch auch mein Sitznachbar, Garreth, Bahnfan im Ruhestand, ist begeistert: „Ich hätte nicht gedacht, dass die billigste und schönste Art nach Alice zu reisen auch noch die gemütlichste ist.“ Dann beginnt er, mir die Geschichte des Zugs zu erzählen. Dass der Spitzname des Ghan “Never Never Train“ lautet, da er durch eine der ödesten Landschaften der Welt fährt und viele Aussies es nicht für möglich hielten, dass er überhaupt jemals die Strecke von Darwin nach Adelaide zurücklegen würde, wusste ich bereits. Auch dass Ghan die Abkürzung für „Afghan Express“ ist. Doch egal, es macht Spaß, Garreth zuzuhören, wenn er mit leuchtenden Augen von den afghanischen Kameltreibern erzählt. Diese wurden im 19. Jh. mit ihren Kamelen von den Briten ins Land gelockt. „Nur Kamele konnten in dieser unwirtlichen Gegend die schweren Lasten transportieren, die zum Bau der Bahntrasse benötigt wurden, und der erbarmungslosen Hitze und gnadenlosen Trockenheit trotzen.“ Nachdem Lastwagen die Arbeit der Kamele ersetzten, wurden sie in die Unendlichkeit der Wüste entlassen. So ist Australien heute das Land mit den meisten wild lebenden Kamelen.

Ins rote Herz

Drei Stunden später endet die Geschichtsstunde. Wir halten in Katherine, einem Geisterort, der zu neuem Leben erblüht, sobald der Ghan einfährt. Ansonsten liegt er in einer Art Dornröschenschlaf. Hier gibt es nicht nur die einzige Ampel zwischen Darwin und Alice, sondern auch ein 15 km langes und 25 Mio. Jahre altes Schluchtensystem: die Katherine Gorge. Der fünfstündige Aufenthalt lässt genug Zeit, die insgesamt 13 Schluchten zu Lande, zu Wasser oder aus der Vogelperspektive zu bewundern. Da mir das nötige Kleingeld für den Helikopterflug fehlt, entscheide ich mich für die Bootstour. Mit einer Gruppe rüstiger Rentner (alle Familien oder Rucksackreisenden scheinen sich für eine andere Tour entschieden zu haben) fahre ich die bis zu 90 m hohen und atemberaubend steil abfallenden Felswände, die der Katherine River ausgespült hat, entlang. Im Vergleich zu den Erlebnissen im Karijini-Nationalpark beeindruckt mich dieser „nordaustralische Grand Canyon“, wie er genannt wird, jedoch nicht allzu sehr.

Nach dem Mittagsstopp geht es dann mit dem Zug immer weiter ins rote Herz hinein, das von der untergehenden Sonne in ein warmes bernsteinfarbenes Licht getaucht wird. Die Bäume werden immer niedriger, bis irgendwann nur noch vereinzelt verkümmerte und von den Nordwinden gekrümmte Eukalypten aus der Öde ragen. Während wir in die Nacht hinein fahren, machen Garreth und ich es uns im Bordbistro bequem. Danach startet das Abendprogramm: statt Erste-Klasse-Galafeeling heißt es „nur“ Filmvorführung – auch schön. Das Einzige, was ich bis zu meiner Ankunft in Alice vermisse, ist ein Glasdach, um den Sternenhimmel zu beobachten. Soll dieser im Outback doch so faszinierend wie nirgendwo sonst sein. Doch dazu werde ich in den kommenden Nächten genügend Möglichkeiten haben. Dann weiß ich auch endlich, ob die Milchstraße im spirituellen Zentrum des Landes wirklich zum Greifen nah scheint.

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