17. Januar 2007: Freude am „Kap des Leidens“

Es regnet. Natürlich regnet es. Der Name Regenwald kommt ja nicht von ungefähr. Meinen atmungsaktiven und leider auch wasserdurchlässigen Joggingschuhen scheint es zu gefallen: Sie saugen sich genüsslich voll. Doch ich will nicht jammern, schließlich ist es warm – und ich befinde mich mal wieder in einem Gebiet mit Staungarantie, auf dem Weg zum Cape Tribulation an der Nordostspitze Australiens. Durch die Mossman Gorge, ein üppig bewachsenes Tal mit kleinen Wasserfällen, gelange ich an den Daintree River. Dort startet meine Flusserkundungstour, die statt Staun- Gänsehautgarantie verspricht: Gehört der Fluss doch den “salties“. “Saltie“ klingt irgendwie niedlich. Diesen Gedanken verwerfe ich jedoch schnell, als ich sehe, welche Ungeheuer die Australier so nennen: bis zu sieben Meter lange Salzwasserkrokodile. Auf den ersten Blick mögen die Riesenechsen harmlos und träge wirken. Doch sobald das Maul mit den spitzen Zähnen aufgeht, ist klar: Einmal Zuschnappen genügt! Die Flussregion beherbergt jedoch auch zahlreiches kleineres Getier: In den Bäumen am Ufer tummeln sich Schlangen und Vögel aller Art.

Daintree River

Nach meiner Daintree River Wilderness Cruise mache ich mich mit einer von einem Ranger geführten Gruppe auf den Weg zum Cape Tribulation, dem „Kap des Leidens“. James Cook gab dem Kap 1770 diesen Namen, nachdem sein Schiff auf dem Great Barrier Reef vor der Küste katastrophal aufsetzte. Doch noch bevor ich an dieser historischen Stelle lande, habe ich Glück: ein Helmkasuar kreuzt meinen Weg. Der vom Aussterben bedrohte, flugunfähige Vogel sieht aus wie ein Emu – allerdings mit hornartiger Verdickung auf dem Kopf und mörderischen Krallen an den Füßen. Doch die Krönung ist sein schlumpfblauer Kopf. Dumm nur, dass der größte Regenwaldvogel der Welt genauso blitzartig verschwindet, wie er auftauchte. Ins undurchsichtige Dickicht, zu all den Schlangen und Insekten, werde ich ihm mit Sicherheit nicht folgen – noch nicht einmal für den Schnappschuss meines Lebens. Außerdem ist dieser Regenwald, am oberen Ende der Ostküste, der älteste der Welt. Um ihn zu schützen achten die Ranger ganz besonders darauf, dass Besucher auf den befestigten Wegen bleiben.

Als ich nach der tierischen Aufregung schließlich an der Regenwald-Riff-Schnittstelle ankomme, erwartet mich erneut ein heftiger Platzregen. Doch statt zum nächsten Regenschutz zu flüchten, erfreue ich mich am Anblick dieser einzigartigen Natur. Ich sauge das Bild der wunderschönen Mangrovenreihen, die direkt am Strand stehen, saftig grün leuchten und wirken, als würden sie dem Meer und Riff entgegen wachsen, in mir auf. Ebenso wie meine Joggingschuhe den Regen. Dann blicke ich zu den Nebelschwaden, die langsam über die Baumwipfel ziehen und den Regenwald in einen grauen Schleier legen. So fühlt es sich also an, Glücklichsein am Kap des Leidens.

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