14. März 2007: Alice Springs: Zwischenstation zum Zauberberg

Nach einer etwas unruhigen Nacht im Schlafsitz des Ghan liegt sie vor uns: die kolossale Leere des Outback. Mein Blick schweift ins große rote Nichts. Hin und wieder lockern grüne Spinifex-Grasbüschel und Felsbrocken die Ödnis auf, sie wirken, als seien sie vom Mond gefallen. Dann, pünktlich kurz nach neun, ist es soweit: „Welcome to Alice“, begrüßt mich Mulga mit einem Strahlen, das sofort ansteckt. Mulga, klassisch ausgestattet mit Cowboyhut und –stiefeln, lebt seit Jahren in Alice und organisiert Campingtouren, die pures Abenteuer versprechen. Klar, dass ich mir das – kurz vor meiner Rückkehr nach Melbourne – nicht entgehen lasse. Bereits auf dem Weg zum Hostel fällt eines auf: Die Aboriginal People und die weiße Bevölkerung scheinen zwar friedlich nebeneinander, aber keineswegs miteinander zu leben. „Hier ist jeder Fünfte ein Aborigine, doch du wirst im Supermarkt oder Café kaum einen von ihnen arbeiten sehen. Es ist furchtbar, dass noch nicht einmal im spirituellen Herzen des Landes die Integration gelingt“, sagt Mulga bedauernd. Und tatsächlich: Auf meinem nachmittäglichen Streifzug durch die breiten, von Eukalypten begrenzten Straßen treffe ich auf Aborigine-Gruppen, die auf Grünflächen beisammen sitzen und musizieren oder trinken, während die weiße Bevölkerung hektisch und mit leicht herablassendem Blick vorbei eilt. Da ich mit den Ureinwohnern ins Gespräch kommen möchte, entscheide ich mich für einen Abstecher in den „Cultural Precinct“ – ein wunderbarer Galerien- und Museenkomplex am Rand der Stadt.

Ins rote Herz

Hier höre ich von Ben, der in einer Aboriginal-Art-Galerie arbeitet, zum ersten Mal den Ausspruch: „Nganana Tatintja Wiya – we never climb!“ Aborigines würden den Ayers Rock nie besteigen. Schließlich ist für die Aborigines, die seit 1985 wieder die rechtmäßigen Besitzer des Monolithen sind, der Berg ein heiliger Ort. „Uluru bedeutet in unserer Sprache schattiger Platz“, klärt er mich auf. Seit tausenden von Jahren werden am roten Riesen religiöse Zeremonien abgehalten und nahezu jede Stelle hat ihre ganz eigene Bedeutung. „Noch nicht einmal ich als Anangu-Angehöriger kenne alle Geschichten“, sagt der schlaksige und sehr smart wirkende Endzwanziger. Zum Abschied hält er kurz inne und bittet mich dann: „Werde nicht zur Minga – das bedeutet Ameise – so nennen wir alle, die respektlos den Felsen besteigen.“ Ich lächle und erkläre, dass dies niemals meine Absicht war. Er schaut erleichtert.

Bei einem gemeinsamen Abendessen lerne ich die anderen zwölf Tourteilnehmer und Chris, unseren Guide, kennen. Wir sind mal wieder ein kunterbunter Haufen aus aller Herren Länder – es wird also spannend werden. Da alle wissen, dass die kommenden drei Tage jeglichen Komfort entbehren werden und es am nächsten Morgen schon vor Sonnenaufgang losgehen soll, löst sich die Runde früh auf. Alle wollen eine letzte ausgiebige Dusche genießen und noch ein paar Stunden schlafen – in einem Bett mit Kissen und Decke. Wird doch morgen bereits der Wüstenboden unsere Liege sein.

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