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Was ist dran an Mittelerde? (2/2)Film-Extra Neuseeland

Film-Extra Neuseeland - Was ist dran an Mittelerde?

Und wer hat dieses abgelegene Stück Neuseeland damals gefunden? Genau. Dave Comer hat die Brille noch immer auf. Man weiß nie, ob er einen gerade anschaut. Oder ob sein Blick an einem vorbei durchs Fenster nach draußen geht, wo er soeben möglicherweise eine neue Location ausgemacht hat. Das muss doch ganz schön schwierig gewesen sein, Ende der Neunziger, als noch niemand wusste, wie dieses Mittelerde aussehen sollte, oder? Überhaupt nicht, sagt er. Schon beim ersten Lesen des Drehbuchs seien die meisten geografischen Koordinaten klar gewesen. Er schnippt mit den Fingern. Das Auenland der Hobbits? Konnte nur am Fuße der dicht bewaldeten Kaimai Ranges gedreht werden. Schnipp. Mount Doom, der Vulkan in Mordor? Musste im Tongariro Nationalpark sein. Schnipp. Rivendell, die Elbenstadt? Hat er in einem Park ein paar Minuten außerhalb Wellingtons angesiedelt, genau wie die Zaubererfeste Isengard, „wir mussten ja auch auf die Schauspieler Rücksicht nehmen, die wollten abends auch mal Nightlife.“ Schnipp.

Comer ist von Haus aus Naturfotograf. Er denke in Landschaftsbildern, sagt er, „das war hilfreich bei einem Film, in dem die Szenerie die Hauptrolle spielen sollte.“ Und als dann alle nach Neuseeland kamen, weil er sie mit diesen endlosen Weiten und den verwunschenen Wäldern geködert hatte – wie fühlte er sich da? Dave wird ein bisschen verlegen. Sagt, dass viele Landschaften ja später am Computer verändert worden seien – und eigentlich überhaupt nicht existierten. Das stimmt natürlich. Aber dass bei einer Einstellung nachträglich zwei kleine Gipfel in die reale Bergkette montiert wurden oder eine zusätzliche Gruppe Bäume, fällt dem Touristen nun wirklich nicht auf. Fakt ist: Für jeden, der im Kino war und dann nach Neuseeland kommt, sieht Neuseeland aus wie Mittelerde. Und das ist – trotz 2,8 Milliarden US-Dollar allein an den Kinokassen – der vielleicht folgenreichste Aspekt der Filme.

Diese Ähnlichkeit hat dem Land in den vergangenen Jahren nämlich Millionen Besucher gebracht. Seit der erste Film vor elf Jahren an den Start ging, sind Fans des Fantasy-Spektakels angereist, um auf den Spuren der Hobbits, Orks und Elben durchs Land zu pilgern (selbst 2012 gaben noch sechs Prozent aller Neuseelandbesucher an, „Der Herr der Ringe“ sei der Hauptgrund für ihre Reise). Eine Armada aus Reisebussen, Helikoptern, Landrovern und Sightseeing-Flugzeugen transportiert Hobbitfans von Drehort zu Drehort. Detaillierte Fachliteratur lotst sie per GPS-Koordinaten zu Drehorten in den entlegensten Winkeln. Pedikürläden offerieren Linderung bei „Hobbitfüßen vom Herumlaufen in Mittelerde“. Es gibt original Hobbit-Sandwichs, original Mittelerde-Tarnmäntel und – in Nelson auf der Südinsel – sogar den originalen Ringschmied. Der hat DEN Ring geschmiedet. In mehreren Größen.


Film-Extra Neuseeland - Was ist dran an Mittelerde?
MAL KLOPFEN SCHADET NICHT: Hobbits sind berühmt für ihre Gastfreundschaft – ein Tässchen Tee und eine gute Pfeife vom Langgrundblatt oder Alten Tobi sind perfekt an einem Nachmittag in Hobbiton

Doch, das stimmt schon: In der Geschichte des Film hat sich kein anderes Land so sehr mit einem imaginären Schauplatz identifiziert wie Neuseeland mit Mittelerde – der aktuelle Slogan „100% Middle-earth, 100% Pure New Zealand“ passt wie der Deckel aufs Töpfchen beziehungsweise der Ring an den Finger. Air New Zealand hat seine Flotte mit Hobbit-Motiven umgespritzt und zeigt Sicherheitsvideos mit Zwergen als Passagieren und Elben als Besatzungsmitgliedern.

Auf den Straßenkarten, die im Mietwagen liegen, sind die Drehorte so selbstverständlich eingetragen wie reale Orte. Kann gut sein, dass man ein „nach rechts, und dann immer Richtung Mordor“ hört, wenn man nach dem Weg fragt. Und weil mehrere tausend Neuseeländer als Statisten bei den Dreharbeiten dabei waren, können Filmfans überall mit Barkeepern, Gemüsehändlern oder Busfahrern über ihre Dreitages-Erfahrung als Ork reden (besonders gut geht das in Twizel auf der Südinsel, wo die „Schlacht auf den Feldern von Pellenor“ gedreht wurde und sämtliche 200 Einwohner als Statisten dabei waren). Und wenn man dann am Ende auch noch unbedingt zu Orten möchte, die fernab von allem liegen, finden sich Hubschrauberunternehmen, die Filmfans auch dorthin bringen, inklusive Picknick an genau jener Stelle, an der im Film... Umweltschützer haben übrigens davor gewarnt, der Rummel könne irgendwann außer Kontrolle geraten. Und dass man aufpassen müsse. Immerhin seien nicht die Hobbits, sondern die unberührte Natur der eigentliche unique selling point Neuseelands.


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EINMAL IN GALADRIELS SPIEGEL GUCKEN: Der Kawaru River war im Film der große Andúin, auf dem die Gefährten nach ihrem Besuch in Lothlórien ihre gefährliche Reise fortsetzten

Comer weiß das natürlich. Er hat viele der Drehorte in den vergangenen Jahren noch einmal besucht: „Man kann uns wirklich nicht vorwerfen, wir hätten dort irgendetwas verändert. Und ich hoffe, dass der Touristenboom das auch nicht tun wird.“ Und wenn doch? Dann tröstet sich Dave Comer damit, dass er nur einen Bruchteil der Schönheit Neuseelands preisgegeben hat: „Die richtig guten Ecken kommen doch im Film überhaupt nicht vor.“ Die kann man dann während seiner Neuseelandreise entdecken. Und man braucht dazu noch nicht einmal Daves dunkle Brille.


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