Last Minute-ReisenIn vorletzter Minute

Last Minute

Warum die Chancen auf Last-Minute-Reisen diesen Sommer schlecht stehen – und was Sie tun können, um doch noch kurzfristig halbwegs günstig in die Sonne zu fliegen (Text: Helge Sobik)

Wer auf kurzfristige Schnäppchen hofft, hat diesen Sommer schlechte Karten.

So eng war es auf dem Reisemarkt noch nie. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die kommende Saison ein schwacher Last-Minute-Sommer werden wird. Die Flieger sind voll, es gibt nur ein paar Restplätze in den meisten Maschinen – viel zu wenige jedenfalls, um sie wie früher zu Kampfpreisen auf den Markt zu werfen. Schlechte Karten also für alle, die in den kommenden Wochen auf kurzfristige Knüllerangebote spekulieren und mit der Buchung bislang noch abgewartet haben.

Jahrelang hat Last-Minute-Buchen gut funktioniert – weil die Veranstalter sich im Ringen um Urlauber und Marktanteile gegenseitig hochgeschaukelt, zu viele Flugzeuge und zu viele Hotelzimmer Monate im Voraus unter Vertrag genommen und sich dabei manchmal krass verkalkuliert hatten. Was sich auch mit Lockvogelangeboten nicht mehr absetzen ließ, ging in spezialisierten Restplatz-Reisebüros und über die Tresen der Last-Minute-Schalter direkt an den Flughäfen mit satten Rabatten weg.

Das Kalkül der Veranstalter: bei absehbar schlechter Auslastung der Ferienflieger am Ende wenigstens noch mit Plus-Minus-Null dastehen und Sitze und Zimmer notfalls als Package zum Einkaufspreis raushauen. Ersparnis für die Urlauber: um die 20 Prozent.

Lastminute Hotel
LUXUS-SCHNÄPPCHEN: Auch Edel-Strandhotels wie das Atlantis Bahia auf Fuerteventura sind über Last-Minute Veranstalter wie L'Tur buchbar

Zehn Tage Karibik für unter 500 Euro? Die Zeiten sind leider vorbei…

Klappte auch das nicht mehr, gab es die Reisen auf den letzten Drücker noch günstiger, auf dass wenigstens ein paar Euro für den ohnehin eingekauften Platz im Flieger und das sowieso bezahlte Bett im Hotel wieder hereinkamen: eine Woche Mallorca mit Flug für 200, eine Woche Türkei mit Vier-Sterne-Hotel für nur 180 Euro, zehn Tage Karibik für unter 500 Euro. Doch die Zeiten sind vorbei – leider.  Systematisch haben die Veranstalter sich unisono abgemüht, das auszutrocknen, was für sie der verhasste „Last-Minute-Sumpf“ war. Mit gutem Erfolg – und mit simpler Strategie: Zum einen kaufen sie mittlerweile vorsichtiger ein, nehmen weniger Jets und weniger Quartiere in den Ferienregionen vor allem rund ums Mittelmeer unter Vertrag.

 

Virtuelle Anbieter zimmern aus Restplätzen und freien Zimmern neue, günstige Angebote

Zum anderen sind sie auf die Idee gekommen, das Risiko möglichst auf die schwächeren Vertragspartner abzuwälzen und bitten sich vom Hotelier oder der Charter-Airline das Recht aus, nicht verkaufte Kapazitäten auch noch sehr kurzfristig kostenfrei „zurückgeben“ zu dürfen. Plötzlich hat ein Hotelier auf Kreta oder Ibiza so mit zehn Tagen Vorlauf wieder 70 freie Zimmer, die eigentlich fest an einen Veranstalter vergeben waren und kann nun selber sehen, wie er sie los wird. Oder die Airline bekommt einen zu zwei Dritteln leer gebliebenen Flieger storniert und die restlichen Passagiere werden kurzerhand auf andere Maschinen umgebucht.

Früher wären diese freien Sitze und Hotelzimmer auf dem Last-Minute-Markt vertickt worden. Und was macht nun der Hotelier? Bis vor kurzem hat er leider ziemlich wenig gemacht, weil er das Veranstaltergeschäft nicht beherrscht und über keinen Airline-Partner verfügt. Das Risiko eingehen und selbst eine Maschine chartern? Das können die meisten Hoteliers nicht auf sich nehmen. So haben sie anfangs nur gehofft, dass kurzfristig ein Veranstalter anfragte – oder jemand durch die Tür spazierte und spontan nach einem Zimmer fragte. Den Hoteliers vor Ort fehlten die Kontakte. Und Flugkapazitäten gab es auch nicht unbedingt.

Das Ergebnis: Die Reise-Riesen subventionieren das Last-Minute-Geschäft nicht mehr. Sie erziehen ihre Kunden, früher zu buchen – und verdienen mehr daran, während die 70 Zimmer auf Kreta oder Ibiza womöglich mitten in der schönsten Hochsaison leer bleiben. Manche Ferienregionen leiden so sehr unter ausgedünnten Flugplänen, dass die örtlichen Tourismus-Manager den Airlines so genannte „Marketing-Zuschüsse“ aus der Staatskasse anbieten – damit wieder mehr Flieger eingesetzt werden und es für interessierte Urlauber überhaupt die Möglichkeit gibt, anzureisen. Die Kanaren handhaben das so – weil zur Zeit mehr Zimmer da sind als Sitzplätze am Himmel.

Last Minute
Alles neu auf dem Last Minute Markt: Viele Anbieter greifen auf Restplätze in Linienmaschinen zurück

Und noch eine aktuelle Entwicklung ist schlecht für Schnäppchenjäger: Das sind die Sparzwänge und Pleiten der Airlines – und da speziell der Ferienflieger. Jeder, der den Betrieb einstellt, reißt ein Loch: Jede Maschine weniger bedeutet im Schnitt um die dreißig Flüge in den Süden weniger, pro Woche! Das bedeutet etwa 4000 Plätze weniger, 64000 Sitze über die 16 Wochen der Hochsaison gerechnet – beziehungsweise in derselben Größenordnung vollere Flieger der Konkurrenz.

Aussichten auf günstige Restplätze in der kommenden Saison? Die gehen in diesem Szenario gegen Null. Ferienflieger XL Airways, eigentlich fest eingeplant auf Routen in den Süden, ist Pleite und hat den Flugbetrieb bereits eingestellt. Sky Germany hat sich kurzfristig vom hiesigen Markt zurückgezogen. Air Berlin hat die Flotte deutlich geschrumpft und Maschinen abgegeben, Tuifly zwei Jets nach Basel abgezogen. Und die Marktbereinigung ist noch nicht beendet. „Bis zu eine Million Flugsitze“, rechnen die Branchen-Experten des Reisebüro Fachblatts fvw aus Hamburg vor, „könnten aus dem von chronischen Überkapazitäten geplagten Markt genommen werden.“
Denn während es für manche Ziele Hotelzimmer, aber nicht ausreichend Flieger gibt, sieht es bei anderen Zielen wie dem politisch unruhigen Ägypten oder auch strukturschwachen deutschen Flughäfen wie Kassel anders aus: Zu wenig Passagiere buchen die geplanten Verbindungen. Früher wären aus diesen Flugplätzen Schnäppchen draus geworden, heute streichen Veranstalter die schwach ausgelasteten Flieger einfach.

Das sind düstere Aussichten für alle, die sich so wunderbar an Last Minute-Urlaub gewöhnt hatten. Der Begriff wird trotzdem nicht verschwinden – weil er über die Jahre den schönen Klang nach „billig“ und zugleich „Qualität“ bekommen hat. Nur lohnt es sich mittlerweile, ganz besonders genau hinzuschauen: wie viel günstiger ein Angebot gegenüber dem ursprünglich ausgeschriebenen Preis geworden ist. Und ob überhaupt.

Etablierte Last-Minute-Riesen wie z. B. Marktführer l´tur, die mit den Reste-Schnäppchen groß geworden sind, „produzieren“ schon seit Jahren gezielt selber für diesen Markt. Sie legen Reisen einzig für die Resterampe auf, sie schaffen Packages für ihre Vertriebsschiene, die es vorher gar nicht gegeben hat. Das heißt: Sie verschleudern nicht mehr die übrig gebliebenen Arrangements der Veranstalter aus Flug und Hotel, sondern kopieren deren Geschäft, kaufen selber im Voraus Kontingente in Fliegern und Bettenburgen und zimmern daraus die Angebote für ihre Büros. Daran ist gar nichts Anrüchiges – wenn der Preis stimmt. Um das herauszufinden, muss man vergleichen.

Ein Trend kommt Schnäppchenjägern zum Glück zu Gute: Riesige Datenbanken machen es leichter als früher, in das ureigenste Geschäft der Reiseveranstalter hineinzugrätschen. Waren früher nur sie selber in der Lage, aus lange im Voraus eingekauften eigenen Kontingenten Pakete zu schnüren, können das heute auch viele andere mit entsprechendem Rechner-Zugriff.
Hoteliers wie Airlines haben dazugelernt und speisen ihre jeweiligen Kapazitäten inzwischen oft in solche Datenbanken ein – und virtuelle Anbieter, so genannte „X-Veranstalter“, kombinieren beides nahezu vollautomatisch zu Packages: häufig zu sehr attraktiven Preisen, weil der eigene Apparat klein gehalten ist und sie kaum in Marken-Pflege investieren müssen. Mit ihren Arrangements wiederum füttern sie die Systeme, auf die niedergelassene Reisebüros ebenso wie Online-Reisebörsen zugreifen. Und die Last-Minute-Counter an den Flughäfen.

Die Aussichten für den Hotelier auf Kreta oder Ibiza mit seinen 70 freien Zimmern haben sich also verbessert – immer vorausgesetzt, es gibt ausreichend Flüge. Diese Chancen sind natürlich bei klassischen Linienflieger-Zielen deutlich besser als bei saisonalen Feriendestinationen. Anders als früher beim klassischen Geschäft mit dem Urlaub auf die letzte Minute ist dieses Geschäftsmodell nicht mehr nur auf die Restplätze in Charterfliegern angewiesen. Vielmehr verticken X-Veranstalter häufig freie Sitze in Linienmaschinen – ob nach Dubai oder Bangkok, nach New York oder Rio in Kombi mit dem passenden Hotelzimmer vor Ort. Das erweitert die Bandbreite der Möglichkeiten. Und der Alternativ-Ziele zu den Charterflughäfen. Allerdings oft mit Umsteigen statt nonstop.

Solche Angebote federn einiges von dem ab, was an klassischen Last-Minute-Angeboten verloren geht. Und noch eine gute Nachricht gibt es: Nachdem die Grenzen zwischen Linienfluggesellschaften und Charter- bzw. Ferienfliegern ohnehin verwischt sind, drängen z. B. auch Lufthansa und Germanwings auf diesen Markt – vor allem an den Wochenenden, wenn ihre Flotte traditionell nicht so stark ausgelastet ist wie während der Woche. Das schafft ein paar Kapazitäten. 

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