Italien

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Notizen zu Kultur und Sprachen, zum Alltag und zur Politik

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    Amore

    Längst hat der Latin Lover Glanz eingebüßt, und der kosmopolitischen Jugend an den italienischen Stränden ringt er allenfalls ein Grinsen ab. Vielleicht war die ganze Sache auch nur eine Wunschvorstellung, der die Italiener selbst und alle anderen liebend gern auf den Leim gegangen sind. Heute sind es eher die lässigen, schicken Italienerinnen, die die Flagge der amore hochhalten und den sommerlichen Strandflirts die Würze geben - Statistiken und Befragungen bestätigen das. Auch ist es ein italienisches Mädchen, dem seit Jahrhunderten die romantischen Liebesphantasien aus aller Welt gelten: die tragische Liebesheldin Julia, Romeos Geliebte aus Verona - heute auch im Internet zu erreichen: www.julietclub.com. Vielleicht liegt es ja an der italienischen Sprache, in der es sich so schön schmachten lässt. So sind auch die besten Troubadoure immer noch Italiener: der melancholische Paolo Conte für die Damen und der knackige Eros Ramazzotti für die Mädchen.


    Autos und Motorräder

    Die schnelle Fortbewegung entspricht dem Temperament der Italiener, nur sie konnten ein so schnittiges Auto wie den feuerroten Ferrari erfinden. Motorradfans schwören auf die italienische Kultmarke Ducati (2007 weltweit zur Motorradmarke des Jahres gekürt) und kleine Mädchen auf den unschlagbaren Rennfahrer Valentino Rossi. Und wie rasende Schwärme flitzen die Vespafahrer durch die engen Gassen der italienischen Städte. Trotz hoher Autobahngebühren und Verkehrschaos in den Städten macht den Italienern Autofahren immer noch Spaß, spritzig und wendig tun sie es, aber auch ungeduldig und aggressiv. Das schüchtert fremde Autofahrer zunächst ein. Da heißt es hinein in den Strom und auf die Reaktionsschnelligkeit der anderen vertrauen. Der Spaß ist längst an seine Grenzen gestoßen, denn die einst für Italien typische Unfallstatistik - viel Blechschaden und wenig Verkehrstote - stimmt so nicht mehr. Und wenn im Winter noch Heizungsdünste und Nebelschwaden zu den Autoabgasen hinzukommen, machen die großen Städte immer öfter ihre Zentren dicht, und der Verkehr wird wegen Smog an die Peripherie verbannt, auch das Touristenauto.


    Bar

    Die Bar öffnet in aller Herrgottsfrühe mit dem Duft frischer cornetti (Hörnchen) und cappuccini. Im Lauf des Tages schauen Hausfrauen, Schulkinder, Arbeiter, Angestellte, Passanten herein. Am Nachmittag planen die Jugendlichen hier ihr abendliches Vergnügungsprogramm, und die Alten spielen endlos Karten. Dann schlägt die Stunde des Aperitifs, und nach dem Abendessen kehren die Männer zum letzten Plausch zurück. Im Sommer stellen die Wirte die Stühle vor die Bar, und man beobachtet das Treiben auf der Piazza. Die Bar, mal nüchtern bis schäbig, mal kitschig aufgemotzt, doch heute immer häufiger richtig schick, ist das zweite Zuhause der Italiener und auch jedem Fremden ganz unverbindlich zugänglich.


    Familie

    Es gibt sie noch, die italienische Familie. Sie lebt aber nicht mehr als großer patriarchalischer Generationenbund unter einem Dach, sondern hat sich in Single- und Kleinfamilienhaushalte aufgelöst. Hinzu kommt der im einstmals so kinderfreundlichen Italien verblüffende Geburtenrückgang, mit statistisch kaum mehr als einem Kind pro Familie ein europäischer Minusrekord. Die Familie existiert aber nach wie vor als Verbund gegenseitiger Hilfe, zum Ausgleich der mangelhaften Strukturen des Staates bei Arbeitslosigkeit, Arbeitsbeschaffung und Wohnungsnot, bei der Altenbetreuung und fehlenden Kindergartenplätzen. Selbst die besten Freunde sucht man sich vorsichtshalber oft in der Verwandtschaft, und hier findet man auch Handwerker, den Arzt, den Anwalt und einen günstigen Pelzmantel. Das mag zum Teil erklären, warum viele Italiener bei den hohen Preisen und oft niedrigen Löhnen über ihre Verhältnisse leben können - und weshalb viele Jugendliche sich den Auszug in eine eigene Wohnung kaum leisten können. Zum Hohn müssen sie sich dafür auch noch bamboccioni - Riesenbabys, in Italien zum Unwort des Jahres 2007 gekürt - nennen lassen.


    Giotto

    Unter den vielen Künstlergenies, die Italien hervorgebracht hat, gebührt dem Maler und Baumeister Giotto di Bondone (1266-1337), Sohn eines Bauern aus einem Dorf bei Florenz, ein besonderer Platz. In der Zeit mächtiger Städte wie im Florenz des 13./14. Jhs. entwickelt Giotto einen neuen Malstil, fern vom Schematischen der byzantinischen Kunst des Mittelalters: Perspektive, farbliche Nuancierung, Bewegung, menschliche Charakterisierung - kurz: Realismus. Seine Malerei wird damit zum Ausgangspunkt für die Entwicklung einer typisch italienischen Maltradition, die aus dem „internationalen“ Mittelalter herausführt. In den Uffizien in Florenz kann man sehr schön dieses Neue sehen, beim Vergleich der „Maestà“ des Giotto mit der des Cimabue, des Lehrers Giottos und noch eine Generation älter. Hauptwerke Giottos sind die Fresken in der Cappella degli Scrovegni in Padua und die Fresken zum Leben des heiligen Franziskus in der Oberkirche von Assisi.


    Heilige

    Italien ist zu über 90 Prozent römisch-katholisch. Und mitten in seiner Hauptstadt lebt der Papst, oberster Hirte der Katholiken, in seinem Kleinstaat, dem Vatikan. Vor allem im Süden nehmen die Priester nach wie vor erheblichen Einfluss auf Politik und Wahlen. Derweil hält man sich im Volk an die Heerschar der unzähligen Heiligen in der Hoffnung auf ihren Beistand im Lebenskampf. Etwas ganz Besonderes ist Neapels Stadtheiliger San Gennaro: Im Mai und im September treffen sich die Gläubigen in seiner Kirche und beten so lange, bis sich sein Blut verflüssigt. Und Zulauf von Millionen Verehrern erhält der kürzlich heilig gesprochene Wunderheiler Padre Pio (1887-1968) in seinem Wallfahrtsort San Giovanni Rotondo in Apulien.


    Mafia

    Die traditionelle, eher mit Süditalien identifizierte Mafia hat längst moderne, „globale“ Züge angenommen und mischt auf den internationalen Drogen-, Waffen- und Finanzmärkten mit. Seit 20 Jahren versucht man in Italien, das Problem ernsthaft anzugehen, etwa mit Fahndungserfolgen bei einst „unberührbaren“ Bossen. Dennoch: Nicht umsonst wird die Mafia auch piovra, Krake, genannt, dem ständig neue Fangarme nachwachsen.


    Musica italiana

    So vielfältig das Land, so reich seine Musikszene. Aus dem Norden kommen unglaublich populäre Altrocker wie Vasco Rossi, Zucchero und Ligabue. Genua steht für die Tradition der Liedermacher, die berühmtesten sind Gino Paoli und der verstorbene, aber nach wie vor kultig verehrte Fabrizio De André. Im Süden hat sich eine eigene Musikrichtung entwickelt, eine Mischung aus den Rhythmen der traditionellen Volksmusik - allen voran die pizzica taranta aus Apulien - und modernem Sound. Vorreiter waren Teresa De Sio und Edoardo Bennato, ihre avantgardistischen Erben sind Gruppen wie Sud Sound System. Und Jazz, Pop und neapolitanischen Dialekt mischt Pino Daniele. Wer nach den klassischen canzoni napolitane sucht, sollte sich Roberto Murolo anhören. Und in den italienischen Charts? Die jungen Italienerinnen und Italiener hören melodiösen Pop von Gruppen wie Subsonica, Le Vibrazioni und Negroamaro. Junge, eigenwillige Popbarden sind Tiziano Ferro, Sergio Cammariere, Simone Cristicchi sowie - auf weiblicher Seite - Carmen Consoli, Laura Pausini, Giorgia.


    Sprachen

    Italien ist ein Land der Sprachenvielfalt. Zum Italienischen und dessen Dialekten kommen zehn weitere eigenständige Sprachen: im Friaul und in den Dolomitentälern Ladinisch, Deutsch in Südtirol (hier gleichberechtigt neben dem Italienischen) und im Trentino. In einigen Dörfern in Sizilien und Süditalien wird Albanisch gesprochen, Erbe albanischer Siedler aus dem 14. Jh. In Apulien und Kalabrien haben sich in einigen Dörfern griechische Sprachreste erhalten. In den nordostitalienischen Grenzprovinzen von Triest, Görz und Udine spricht man Slowenisch, Serbokroatisch in einigen Dörfern im süditalienischen Molise. In Alghero auf Sardinien hat Katalanisch überlebt wie auch das Frankoprovenzalische in den nordwestlichen Regionen Aostatal und Piemont. Französisch ist sogar zweite Amtssprache im Aostatal. Und kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache ist das Sardische. Der heute noch hoch verehrte und viel zitierte Nationaldichter Dante Alighieri aus Florenz (1265-1321) legte mit seiner „Göttlichen Komödie“ in 15000 Versen die Grundlage für das Hochitalienische. Im 20. Jh. haben Schule und Fernsehen dafür gesorgt, dass sich die vielsprachigen Italiener untereinander verstehen.


    Wirtschaft

    In der zweiten Hälfte des 20. Jhs. hat sich Italien von einem bäuerlichen Agrarland zu einer hoch entwickelten Industrienation gewandelt. Jedem Besucher fällt der hohe Lebensstandard auf. Im Dienstleistungsbereich dominiert natürlich der Tourismus. Wichtige Industriezweige sind Maschinenbau, Nahrungsmittel-, chemische und Metall verarbeitende Industrie, aber auch traditionelle Bereiche wie die Textil- und die Schuhindustrie. Diese profitieren von den Impulsen der weltweit renommierten italienischen Modedesigner, aber auch von einer bislang erfolgreichen Struktur der italienischen Wirtschaft, für die hoch spezialisierte Klein- und Mittelbetriebe, oft in Familienhand, charakteristisch sind. Sie residieren hauptsächlich in Nord- und Mittelitalien und sind als flexible Zulieferer wichtige Stützpfeiler der wenigen Großbetriebe, auch diese oft in Familienhand - siehe Benetton, Barilla und Fiat. Doch es kriselt: Produktionsverlagerung in Billiglohnländer ist auch in Italien ein Thema, dazu kommen skandalöse Machenschaften bei Megafirmenpleiten wie Cirio und Parmalat sowie das Fehlen eines starken Finanzmarktes. Auch hinkt der Süden trotz jahrzehntelanger Subventionen und trotz vereinzelter Erfolge immer noch stark hinterher. Ein großes Problem des Fiskus ist die verbreitete Schattenwirtschaft, die Schwarzarbeit.

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