Brüssel

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Brüssel: Täglich werden aus der Hauptstadt neue Nachrichten von EU und Nato gesendet. Den Hintergrund bilden Gebäude im Allerweltsstil, die zu der dürren Sprache der Bürokraten und Militärs passen. Doch das Brüssel der Diplomaten und Verbandsvertreter, Journalisten und Lobbyisten ist nur eine Facette von vielen und im Brüsseler Alltag recht unwichtig. Gewiss gehen die immigrés de luxe, wie die Brüsseler sie mit ihrer zwanzé, der typischen Ironie, nennen, in die Oper und in Museen, leben zahlreiche Luxusboutiquen und Gourmetrestaurants von ihnen. Aber viele wohnen abgesondert in den Villenvororten. Ihre erwachsenen Kinder bevorzugen hingegen die Lofts am Kanal und die Studios um die Trendplätze, schätzen schrägere Weinbars und Bistros, Galerien und Bühnen.

Denn Brüssel ist mehr als cool: bunt und quirlig, voller Brüche und Widersprüche – eine Metropole des 21. Jhs. eben. Hier nimmt die postmoderne Zukunft Gestalt an. Avantgardistische Cross-over-Experimente sind das Credo der rasant wachsenden Kreativwirtschaft. Doch zunächst verwirrt Brüssel. Belgiens Hauptstadt ist offiziell zweisprachig. Zwar spricht die große Mehrheit Französisch, aber, so ein Bonmot, nur zwischen 18 und 8 Uhr. Tagsüber pendeln 200 000 Flamen zur Arbeit in die Stadt. Dann erklingt viel Niederländisch. Unüberhörbar sind aber auch Arabisch und Türkisch, Kongolesisch und Polnisch, das weiche Spanisch der Lateinamerikaner oder die raueren Stimmen der Galizier, Japanisch und ein Englisch, das nicht von Oxford geprägt ist. Über 30 Prozent der Gesamtbevölkerung von rund 1,2 Mio. Menschen sind Zuwanderer, manche illegal, weitere 20 Prozent sind „Neue Belgier“ genannte Immigrantenkinder mit belgischem Pass. Zusammen mit den immigrés de luxe aus EU- und Nato-Kreisen ergibt das ein wahres Völkergemisch.

Manchmal prallen die Gegensätze hart aufeinander. Etwa wenn sich die Polen nach der Sonntagsmesse in der Notre-Dame de la Chapelle mit dem brusseleir schwatzenden Urgestein des Marolles-Viertels mischen. Oder die feierlichen liturgischen Gesänge aus der orthodoxen Kathedrale an der Avenue de Stalingrad den Singsang in den arabischen Teestuben übertönen. Zu Konflikten führt das aber in der Regel nicht.

Nicht weniger babylonisch sieht die Stadt aus. Stile prallen aufeinander. Ständig wird abgerissen, renoviert, neu gebaut – doch das bitte nicht einheitlich. Der Brüsseler Individualismus verlangt, dass man sich vom Nachbarn unterscheidet. Daher steht neu neben alt, hoch neben niedrig und schön neben schäbig. Verwirrung stiftet auch die Teilung in Ober- und Unterstadt. Jede Hälfte hat ihr Zentrum und überdies quartiers, Stadtteile mit jeweils eigener Atmosphäre, eigenem Mikrokosmos. Die Oberstadt ist pariserisch, großbürgerlich mit exotischen Einsprengseln wie dem kongolesischen Matongé-Viertel. Die volkstümlichere Unterstadt erstreckt sich diesseits und jenseits des Kanals. Einst war er, mit den vielen ärmeren Zuwanderern, eine echte Demarkationslinie. Sie weicht zusehends auf. Aus den alten Fabriken und Lagerhäusern werden Galerien, Showrooms, Musikclubs und Lofts, schäbige Wohnkasernen weichen schicken Apartments und Bürokomplexen. Entlang der Betonmauern des Kanals sind angenehme Promenaden angelegt worden, auf dem Wasser schaukeln die Yachten der Reichen und Schönen. Einige gehören Migrantenkindern, denn langsam, aber sicher steigen sie sozial auf. Manch einer ist inzwischen nicht nur Arzt, Anwalt, Studienrat oder Universitätsprofessor, sondern auch Stadtrat, Abgeordneter, Beigeordneter oder Minister. Sogar die manchmal arg snobistischen immigrés de luxe haben das begriffen: Im trotz Königsschlössern volkstümlichen Stadtbezirk Laeken gibt es mittlerweile auch eine Europaschule. Früher lag die Nahtstelle höher, am Rand des schroffen Hügels. Oben residierte der Hochadel. Der prunkvolle Hof, erst der Herzöge von Brabant, dann der Herzöge von Burgund, schließlich der Hof von Kaiser Karl V. und seinen habsburgischen Nachfahren, zog sie an. Und unten prahlten die bürgerlichen Patrizier und Handwerker.

Brassage heißt diese Mischung der Gegensätze heute. Nicht umsonst stammt der Begriff aus dem Brauereiwesen. Denn beim Trinken erkennt man die echten Brüsseler. Bloß kein Pils! Brüsseler schätzen neben dem einheimischen gueuze, das sie wie Champagner schlürfen, die starken Abteibiere. Ein beliebter Aperitif ist auch half-en-half, eine Mischung von Schaumwein und Weißwein – pur ist beides nicht so beliebt. Dafür wird umso mehr Champagner sowie Burgunder getrunken, von Brouilly bis Saint-Amour: Vorlieben aus der Römerzeit mit ihren Handelsrouten.

Die herrliche Grand' Place mit Rathaus und prächtigen Zunfthäusern zeugt von Macht und Reichtum der Stadt und ihrer Bürger. Mit Luxusgütern wie golddurchwirkten Tapisserien oder feinsten Spitzen scheffelten sie einst viel Geld. Enorm selbstbewusst trotzten sie schon früh den Landesherren weitgehende Freiheitsrechte ab. Alle Wege führen zur Grand' Place, und das ist wörtlich zu nehmen. Im Innenhof des Rathauses prangt ein Stern. Von hier aus werden die Entfernungen bis zur Landesgrenze gemessen. Doch auch am Paradeplatz der Hauptstadt finden sich Brüsseler Brüche: Ein paar Straßen hinter dem „schönsten Theater der Welt“ (so der französische Autor Jean Cocteau) warten Spielhöllen, Peepshows und Sexbars auf Kunden. Am Anfang und Ende der Grands Boulevards im Pariser Haussmann-Stil prangt die „Bruxellisation“. So nennen Stadtplaner und Soziologen weltweit den Kahlschlag ganzer Stadtteile durch hemmungslose Immobilienspekulanten und korrupte Politiker. Im Quartier Nord entstand ein kleines Manhattan. Um den Südbahnhof, Haltestelle von TGV, Thalys und Eurostar, türmt sich ein neues Business-Mekka. Allerdings hat die Zeit Wunden geheilt. Das Quartier Nord sieht inzwischen recht ästhetisch aus. Es gibt viel Grün hier, das Berufstätige und Bewohner am Rand der Bürolandschaft erfreut. Und vor allem: Aus den Sünden der Vergangenheit sind Lehren gezogen worden. Nicht zuletzt dank wachsamen, konstruktiven Bürgerinitiativen oder Umweltschutzverbänden wird viel sorgfältiger und zusehends auch nachhaltig geplant.

Aber auch Lebenslust und Offenheit sind Kennzeichen der Brüsseler Bürger. Märkte, vom Antiquitäten- und Flohmarkt bis zu bunten Viktualien- und Biomärkten, verführen viele am Wochenende zum chiner. Sie flanieren, schauen, betasten, kosten und trinken am Rande ihren apéro, kaufen himmlische Törtchen für Mutters Teestunde oder den eigenen Nachtisch. Beim Schlendern offenbaren sich auch die Schätze der Stadt. Zu ihnen zählen die zahlreichen Jugendstilbauten. Nicht nur Patrizierpalais, auch Schulen und Hallenbäder, Lager und Geschäfte. Schließlich wurde der Jugendstil in Brüssel erfunden. Er entsprach dem Temperament der Stadt, in der Freimaurer und Liberale, freigeistige Juden und revolutionäre Exilanten eine Symbiose bildeten. Zur Offenheit kam der Reichtum aus den wallonischen Industriebecken und Brüssels Banken hinzu. Ebenfalls typisch Brüssel: Hinter vielen prächtigen Fassaden wurden während der deutschen Besatzung 1940–44 zahllose Juden, politische Flüchtlinge und Widerständler versteckt und gerettet. Dieses Brüsseler Ethos wirkt noch immer. Kaum zu glauben, aber illegale Einwanderer werden ganz selbstverständlich ärztlich versorgt, für ihre Kinder gilt sogar die Schulpflicht.

Diese Haltung hat ihren Hintergrund in der wenig rühmlichen Kolonialgeschichte Belgiens: Dem Kongo verdankt die Hauptstadt Grandeur und Grün. König Leopold II., der das Reich am Äquator Ende des 19. Jhs. erwarb, weil er sich neue Absatzmärkte, aber auch neue Rohstoffquellen davon erhoffte, steckte die Gewinne aus der Ausbeutung der riesigen Kolonie in die prunkvolle Stadterweiterung von Brüssel: in den Bau des Triumphbogens im Parc du Cinquantenaire oder des schlossähnlichen Afrika-Museums in Tervuren, in prächtige Alleen und weitläufige Parks, in denen Bürger wie Arbeiter sich entspannen sollten. Heute braust über die Avenuen der Großstadtverkehr, locken die Parks die Au-pair-Mädchen der Oberschicht und marokkanische Matronen mit ihrer Kinderschar, Jogger und Fußballspieler.

So richtig zu funkeln beginnt Brüssel beim Einbruch der Dunkelheit. Dann füllen sich die Gaststätten und die Restaurants, die jedem Geschmack etwas bieten, von urig bis huppé („in“), zwischen Exotik und Jeune Cuisine. Doch die echte, explosive Kreativität entfaltet sich in Theatern und Jazzschuppen, „Caf' Conc'“ und Diskos, umfunktionierten Markthallen oder Zuckerfabriken – und sogar in der renommierten, 300-jährigen Oper La Monnaie und dem weltberühmten, großen Art-déco-Konzertsaal im Palais des Beaux-Arts.

Das Völkergemisch brachte neue Tanzformen und poetischen Zirkus, Fusionen von marokkanischer Folklore und Techno, modernem Jazz und südindischen Klängen sowie eine Mischung von ruandischen Rhythmen mit denen der Antillen, irische Songs und galizische Stimmen. Und all das, was von offiziellen bis improvisierten Bühnen auf die Straße schwappt, regt ein Heer von Modeschöpfern, Filmemachern, Installationskünstlern, Malern, Schriftstellern, Fotografen, Designern und Werbeleuten an, lockt die Boheme, die Studenten, die Jugendlichen. Diese Szene zieht wiederum Bewohner an, junge Flamen und Wallonen, Deutsche oder Iren, die nichts mit der EU und der Nato zu tun haben.

Brüssel ist nicht mehr die Stadt, aus der man flieht, sondern in die man zieht. Brüssel, sagen Trendwatcher, hat mittlerweile Berlin und Barcelona den Rang als europäische Szenestadt abgelaufen. Auch Besucher können dieses kosmopolitische Flair erleben – wenn sie sich brüsselerisch geben: convivial, das heißt etwas phlegmatisch, mit leicht ironischer Distanz, aber im Grunde genommen unendlich offen, höchst menschlich und grenzenlos neugierig. Ein bisschen Muße, ein Schuss Initiative, viel Abenteuerlust, et voilà die Metropole mit den faszinierendsten Gesichtern. „Bienvenue! Welkom!“

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