![]() Der Nebelwald von Monteverde steckt voller Wunder |
Sergio hebt die Hand und bedeutet uns schweigend, stehen zu bleiben. Nach links sollen wir schauen – aber da ist nichts, nur Dschungel. Lianen, Würgfeigen, Brettwurzeln, Baumriesen, grün-brauner Filz in allen Schattierungen, durchzogen von leise schleichendem Nebel. Erst das Fernrohr des Nature Guides, eingesetzt wie ein Mikroskop, stanzt ein rundes Detail aus dem leise wispernden Rätselwald: Ein Kolibriweibchen, kleiner als eine Kinderfaust, brütet dem Schlüpfen ihres Nachwuchses entgegen. Wir stehen und staunen.
Der Nebelwald von Monteverde, ein über 10 000 ha großes Privatreservat in den Bergen der Cordillera de Tilarán im Nordwesten Costa Ricas, ist randvoll mit solchen Wundern. Ein Dschungel, wie aus einem Kindertraum: In den wettergeschützten Lagen wachsen riesige, über und über mit Bromelien, Moosen, gigantischen Farnen, Kletterpflanzen, bunt blitzenden Orchideen behangene Bäume, verkrüppelte, kleine Verwandte finden sich dagegen dort, wo stetig der Windstrom mahlt. Dazu rauschende Wasserläufe, die rotbraune Erde der Tropen, untermalt vom Zirpen, Zischeln, Ziepen, vom Rascheln, Fiepen, Brüllen und, immer mal wieder, von gespenstischer, ohrenbetäubender Stille.
Von drückender Schwüle, die zu einem solchen Tropentreibhaus gehören sollte, keine Spur. In Höhenlagen von 1500 bis 1800 m bummelt das Thermometer im Jahresmittel an der 18-Grad-Marke herum, dafür darf’s ein bisschen feuchter sein: Rund 3000 mm Niederschlag im Jahr bringen die Winde von der Karibik und vom Pazifik, in den Hochlagen verwandelt sich die Feuchtigkeit in ständigen, geisterhaften Nebel. In einem solchen Klima explodiert das Leben geradezu. Über 2500 Pflanzen- und 490 Schmetterlingsarten, Säugetiere wie Puma, Jaguar, Ozelot, Brüllaffe, Opossum, unzählige Insekten – über 400 Vogelarten finden sich im Primärwald.Sergio, der Biologe, gerät beim Schwärmen ganz außer Atem.
![]() "Fliegende Farbe“ im Dschungeldickicht |
Der Wissenschaftler, der in seiner Freizeit als Naturführer in Monteverde arbeitet, kennt die Hot Spots. Er weiß, wo man poppig orange gestreifte Vogelspinnen aus ihren Löchern locken kann, wo die kleinste Orchidee der Welt wächst oder Brüllaffen in den Ästen lümmeln. Eine Begegnung mit dem Quetzal, dem sagenhaften Göttervogel der Mayas und Azteken, ist aber auch für ihn Glückssache. Umso mehr freut er sich, als er einen der Vögel erspäht, die zu den schönsten der Welt gehören: schillernd grün, gelb der Schnabel, rot der Bauch. Und mit Schwanzfedern, die wie ein 1 m langer, exotischer Vorhang im leichten Wind schwanken.
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